CD-Rezension

Björn Meyer Provenance |

Besinnliche Zen-Musik auf E-Bass-Soloalbum

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 11.01.2018 | Natürlich ist der Bass im Jazz über seine Begleitfunktion in der Rhythmus-Sektion weit hinaus gelangt und hat zu einer „emanzipierten“ Rolle im Ensemblespiel, zu eindrucksvoller solistischer Selbstbehauptung gefunden. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von namhaften Bassisten, die sich durch ihr melodisch-singendes Spiel auszeichnen. Und natürlich gibt es Bass-Solo-Aufnahmen, die das virtuose und klangliche Potenzial des sonoren Instruments ausreizen und um spielerische Dimensionen erweitern – denkt man beispielsweise an Dave Holland, Eberhard Weber, Miroslav Vitous... Ungewöhnlich ist allerdings, ein Solo-Album mit dem E-Bass herauszugeben, wie Björn Meyer es mit Provenance umsetzt. Nun, die Erwartung an besonders rhythmusbetonende Grooves und Stilistiken auf dem Instrument à la Jaco Pastorius oder Marcus Miller oder Stanley Clarke werden von den ersten Takten des Albums an getäuscht: Mit Aldebaran wählt der seit langem in der Schweiz lebende Schwede einen sphärisch klingenden Einstieg, Björn Meyer lässt mit seinem 6-Saiten-E-Bass (und zum Teil einer akustischen Bass-Gitarre) einen flächigen Klangraum entstehen, den man mit seinen langen hohen Tönen eher einer Gitarre oder einem Synthesizer zuordnet. Auch das folgende Titelstück arbeitet mit der eher der Gitarre vorbehaltenen Technik des Fingerpickings, ein stark mit Hall versehener Arpeggien-Loop bekommt ein wenig Bassunterstützung und vor allem eine geisterhaft chorische Höhendimension. Der suggestiven Wirkung von Wiederholung und Klang kann man sich kaum entziehen. Ähnlich – nur „bassiger“ – sind Three Thirteen und Banyan Waltz konstruiert. Auch die Stücke Trails Crossing, Pendulum und – nomen est omen – Traces Of A Song setzen auf eine häufig im Flageolett-Bereich singende Melodik. Aus dem Rahmen des ruhig-kontemplativen Ansatzes des Albums fällt der Titel Squeeze: Hier behandelt Meyer sein Instrument eher wie eine tiefgestimmte Rhythmusgitarre, das „Schrammeln“ erinnert an grunge-orientierten Funk und damit an die musikalische Sozialisation des Bassisten in diversen Punk- und Grungebands. Dass Meyer in unterschiedlichen Musikkontexten, v.a. als langjähriges Mitglied von Nik Bärtschs Ronin tätig war, ist Titeln wie Pulse und vor allem dem rhythmisch-minimalistischen Dance deutlich anzuhören, wobei in Provenance eher eine kontemplative Grundstimmung überwiegt. Dies gilt auch für Garden Of Silence – die einzige Fremdkomposition des Albums – aus der Feder von der persischen Harfenistin und Sängerin Asita Hamidi, mit der Meyer langjährig zusammengearbeitet hat, der auch das Album gewidmet ist. Die musikalische Reverenz arbeitet in langsam fortschreitenden Linien, steigert sich zu einem hymnischen Höhepunkt, um zur einfachen Anfangsweise zurückzukehren. Das klingt „weltmusikalisch“, was bei einem Musiker nicht verwundert, der auch mit dem tunesischen Oud-Meister Anouar Brahem oder dem schwedischen Hyckelharpa-Spieler Johan Hedin zusammen gespielt hat. Das Album endet mit Merry-Go-Round, einem eher bedächtigen Saiten-Karussell, gänzlich frei von jeglichem Jahrmarktstrubel oder –übermut.

Ein Solo-Album? Nicht ganz, Björn Meyer weist im Booklet zurecht auf einen Duo-Partner hin, nämlich den Raum: Die Aufnahme entstand im August 2016 in dem Luganer Auditorio Stello Molo RSI und ist optimal aufgenommen und abgemischt. Neben dieser Wirkung durch den Raum verdankt die Musik des Bassisten ihre suggestive Wirkung dem atypischen Umgang mit dem E-Bass: Anders als etwa sein Landsmann Jonas Hellborg erzeugt Björn Meyer mit einfachen Fingerpicking-Arpeggien, einfachen Akkorden, leicht variiertem Sound Zen-Musik. Reich an Klangfarben setzt diese Musik auf besinnlich-meditative Ruhe, ihr repetitiver Charakter verstärkt den intensiven Grad emotionaler Tiefe. Statt auf effektheischenden Höhenflügen durch Virtuosität und Kraftmeierei verlässt sich der Bassist auf besinnlichen Schönklang. Der Album-Titel gibt Aufschluss darüber, dass Björn Meyer auf unsere Herkunft verweisen möchte, die sich im Spirituellen zeigt. Die klanglichen Wurzeln des E-Basses sieht er entsprechend seiner Spielweise in den natürlichen Saiteninstrumenten. Manchen wird die Musik vordergründig zu esoterisch und, ja: soft klingen. Lässt man sich intensiver auf sie ein, verflüchtigt sich dieser Eindruck.

Björn Meyer: Provenance. ECM 2566