Vom grauen Regen geht die Welt nicht unter |

Barbara Barth Quintett auf neuen Wegen

Text & Fotos: Stefan Pieper

Düsseldorf, 13.10.2017 | Dieser Dauerregen-Abend hat echte „Film-Noire Atmosphäre“. Aber Düsseldorfs Jazzschmiede verspricht Licht und Wärme. Soeben hat Barbara Barth mit ihrer Band das Stück „Grauer Regen“, begonnen - eine Chanson von Hildegard Knef und jetzt gerade ein extrem passender Katalysator für die fiese Außenwelt. Aber es ist auch eine Reflexion über Chancen und Scheitern, ebenso wie über das „sich-selber-annehmen“...

Das neue Programm des Barbara-Barth-Quintetts demonstriert eindrücklich, wieviel Kunst, Empfindung und eine nicht selten schonungslose Wahrhaftigkeit im Song-Repertoire aus dem Deutschland der 1930er bis 1950er Jahr drinsteckt. Die in Köln lebende Sängerin und Bandleaderin Barbara Barth ist hier ohne Vorbehalte in die Tiefe gegangen - und hat damit ein künstlerisches Thema mit Alleinstellungsmerkmal gefunden.

Unter die Haut geht alldies in der Düsseldorfer Jazzschmiede, weil Barbara Barth ihre Stimme und überhaupt ihre ganze Bühnenpräsenz so natürlich und uneitel zum Einsatz bringt. Ihre klare, schlanke Stimme ist an den Herausforderungen des Modern Jazz Gesangs bestens geschult – hier wird sie zum verlässlichen „Werkzeug“ für die Ausdeutung sämtlicher Seelenregungen in diesen Stücken.

„Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre, ich gehöre nur mir allein“, ist nur eine von vielen hier artikulierten Wahrheiten. Sich selbst allein gehört Barbara Barth, als sie kurz vor der Konzertpause ihre Mitmusiker in den Backstageraum schickt und Marlene Dietrichs Stück “Wenn ich mir was wünschen dürfte“ als selbstbewusste Solo-Gesangsnummer präsentiert. Diese hat alles, was es braucht: Denn wo sonst die Band für ein „Begleitfundamt“ sorgt, da scattet Barbara Barth jetzt eine Tonfolge um die Liedphrasen drumherum.

Aber auch, wenn alle gemeinsam in dieser Band loslegen, wirkt dies wie aus einem Guss –die vielbeschäftigte Bandleaderin schreibt sämtliche Arrangements selbst und hat auch schon lange vor der Einstudierung dezidierte Klangvorstellungen für die Stücke im Kopf. Um dann auf Musiker, die sich, genau wie sie selbst, etwas trauen, zurückzugreifen: In Hildegard Knefs/Cole Porters „Das und nicht mehr“ intoniert der sonore Bass von Moritz Götzen eine Art Trauermarsch, bevor die Band in groß aufbrandenem Crescendo Fahrt aufnimmt, Barbara Barth eine langgezogene Gesangslinie fast bis zur Ekstase steigert, und eine beschwörende Tenorsax-Phrase von Florian Boos hinzukommt, bevor – unmissverständlich und eindringlicher punktierter Rhythmik angetrieben - die erste Strophe einsetzt.

Theo Mackebens „Bei Dir war es immer so schön“ wirkt wie ein lakonischer Kommentar über die Realität des Verlassen-Seins. Barbara Barth hat dieses Stück dem Bandleader Georg Ruby vom Landesjugendjazzorchester aus ihrer saarländischen Heimat gewidmet. Da war sie selbst früher Mitglieder, außerdem hat Ruby ein Album mit Theo-Mackeben-Songs herausgebracht. Barbara Barth lässt es mit ihrer Band gekonnt zwischen Tragik und süßlich verklärtem Latin-Feeling pendeln – dazu passen wieder die coolen Interventionen von Saxofon, Bass und Schlagzeug. Die Momente, in denen Jazz im allerbesten Sinne stattfindet, sind nie beliebig, sondern wirken fast wie ein verdichtender Kommentar.

Zarah Leanders „Davon geht die Welt nicht unter...“ wirkte als Durchhalteschlager für die Frontsoldaten im Zweiten Weltkrieg auch propagandistisch, jetzt funktioniert das Stück wie in einer charmant-ironischen Brechung, könnte aber auch einfach ein Appell für mehr Gelassenheit in heutiger, kollektivneurosen-besessener Zeit sein.

Die Formulierung „Über uns der Himmel...“ bringt schon für sich genommen viel Fantasie in Fahrt. Theo Mackeben erzählte unter diesem Titel die Geschichte eines Kriegsheimkehrers. Aber es sind auch andere Assoziationen erlaubt, wenn Barbara Barth und ihr Quartett hieraus einen empfindsamen, zugleich leichtfüßigen Singer-Songwriter-Pop schöpfen.

Und es wird nochmal großes Kino aufgefahren: Mit einem donnernende Klavier-Basston beginnt Hildegard Knefs Hymne „So oder so ist das Leben“! Nochmal wird mit wirkungsvoll inszenierten Dur-Moll-Kontrasten viel Gefühlsambivalenz aufgetürmt, nochmal laufen Barbara Barths Phrasierungen zur Höchstform auf. Vom Recht auf Glücklichsein ist im Text die Rede – sowas ist zeitlos und hat mit einer nostalgischen Patina, die den „Originalen“ anhaftet, nichts mehr zu tun.

Zückgenommener und einmal mehr erfrischend uneitel wirkt die Zugabe, die diesmal ganz allein aus Barbara Barths eigener Feder und auf englisch daherkommt. Nicht ohne Nachdenklichkeit: „At the Ende of the Day“ regt dazu an, mal innezuhalten und am Ende eines Tages Bilanz zu ziehen.

Jetzt kann man nur sehnsüchtig drauf warten, dass diese bemerkenswerten neuen Stücke bald auf Tonträger verewigt werden. Im nächsten Jahr soll es soweit sein.