Zeitinsel - Residency 2017 |

ANNA WEBBER (NYC)

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Köln, 16.12.2017 | Anna Webber, die in Brooklyn lebt und aus Vancouver stammt, wird als junge Hoffnungsträgerin der Musikszene bezeichnet. Die Saxophonistin und Komponistin, die mit zahlreichen Jazz Preisen ausgezeichnet ist, bewegt sich frei zwischen Jazz Avantgarde und Neuer Musik. 2011/12 machte sie Berlin ihren Masterabschluss und hat aus dieser Zeit gute Beziehungen zur deutschen Musikerszene. Der in Köln lebende Posaunist Janning Trumann erlebte sie bei seinen Aufenthalten in New York über einen Zeitraum von zwei Jahren mit verschiedenen Bands und war von der Bandbreite ihres Könnens so beeindruckt, dass er sie nach Köln einlud.

Das Projekt Zeitinsel # Residency lädt Künstler für mehrere Tage nach Köln ein, damit sie zusammen mit Kölner Musiker*innen verschiedene Facetten ihrer Arbeitpräsentieren können. Im letzten Jahr war der Trompeter Peter Evans, der ebenfalls in New York lebt, Gast in diesem Projekt. Siehe Bericht:http://nrwjazz.net/jazzreports/2016/peterevanszeitinselstadtgartenloft/

Dieses Jahr war nun Anna Webber für vier Tage in Köln (11.-14.12.17) und stellte jeden Abend an einem anderen Auftrittsort ihre Musik vor.

Das erste Konzert fand im Alten Pfandhaus statt. Dort traf Anna auf die Musiker*innen des Kölner IMPAKT Kollektivs und zeigte ihre Fähigkeiten im Bereich Improvisation.

Eine andere Seite ihres musikalischen Schaffens stellte sie am zweiten Tag im Stadtgarten vor. Der Abend mit der Gruppe Heroes of Warchester, Liz Kosak, Synthesizer und Nathaniel Morgan am Altsaxophon,war musikalisch ihrer Zeit in Berlin gewidmet.

Frank Gratkowski, Robert Landfermann und Philipp Zoubek eröffneten den Konzertabend und boten wie gewohnt grandiose Improvisationen. Frank Gratkowski spielte abwechselnd Bassklarinette, Saxophon und Flöte, Robert Landfermann Bass und Philipp Zoubek einen präparierten Flügel. Instant Kompositionen, die voller Spannung, Reibung und Schönheit waren.

Die Heroes of Warchester traten mit Masken auf und mit der Einspielung eines Sprechers zu Beginn und Ende ihres Auftritts wurde ein Rahmen geschaffen, wie in einem Phantasy Hörspiel. Anna und ihr Partner an Tenor- und Altsaxophon spielten lange ununterbrochene Linien, die zu einem Klangteppich verschmolzen, in den Liz Kosak ihre synthetischen Klänge einfügte. Es entstand ein Gesamtklang, der in mikrotonalen Schritten variiert wurde, auseinanderlief und wieder zusammenkam. Eine Musik die sich etwas in Richtung Prog Rock oder Psychedelia bewegte. Es entstand dabei ein nahezu hypnotischer Effekt. Die beiden Saxophonspieler waren dabei körperlich auf das äußerste gefordert, da sie fast pausenlos spielten.

Nachdem Anna Webber in den ersten beiden Tagen frei improvisierte Musik gespielt hatte, erklang am dritten Tag streng durchkomponierte Musik. Im Subway stellte Anna ihre Kompositionen für Bigband mit dem Subway Jazz Orchestra vor. Die Kompositionen von Anna waren eine echte Herausforderung für die Musiker*innen der Subway Bigband. Ihre komplexe Musik mit ständigen Taktwechseln ließ den Kölner Musiker*innen keine Verschnaufpause. Ihre Inspirationen bezieht Anna Webber aus sehr unterschiedlichen Quellen, so ist ein Stück dem Komponisten Arvo Pärt gewidmet, ein anderes Werk bezieht sich auf das Gedicht Reverses (siehe unten) der afroamerikanischen Poetin und Aktivist Maya Angelou. Das Gedicht wird am Ende des Stückes von der Big Band mit verteilten Rollen kanonartig rezitiert. Auch nach ihrem Ururgroßvater Hudson Lowry hat sie ein Werk benannt.

Mit nur zwei Proben bewältigte das Subway Jazz Orchestra bravourös die Musik von Anna Webber. Das Publikum im Subway war begeistert und so war eine Zugabe Pflicht. Die Big Band spielte Eins, ein Stück mit einem knackigen Rhythmus, das Anna am nächsten Tag dann auch in kleiner Besetzung spielen wird.

Der letzte Tag ihrer Residency fand im LOFT statt, dort spielte sie mit dem Pianisten Simon Nabatov, der viele Jahre in New York gelebt hat, dem Bassisten David Helm und Fabian Arends am Schlagzeug.

Das Quartett spielte ausschließlich Kompositionen von Anna, die selbst Tenorsaxophon und Flöte spielte. Die Stücke waren sehr unterschiedlich und abwechslungsreich. Den Anfang machte das Stück Parallelissimo, eine Worterfindung von Anna. Das Stück begann mit einem ruhigen warmen Saxophonsound. Andere Stücke waren schneller und stärker rhythmusbetont. Im Stück Zigzag spielte sie ein langes Saxophon Intro mit lange gehaltenen Tönen, die später in ein schnelles Flattern übergehen. Das letzte Stück trug den Titel I don`t want to be happy. Ein Titel wie er von der New Yorker Punkband Ramones stammen könnte. Die Stücke nahmen immer wieder ungewöhnliche Wendungen bzw. entwickelten sich in Richtungen, die unerwartet waren. Alle Stücke sind sehr präzise auskomponiert, aber mit Improvisationsanteilen. Die Musik von Anna Webber verlangt ihren Mitmusikern ungeheuer viel ab. Ihre Kompositionen sind ausgesprochen komplex bis kompliziert. Auch ihre Mitmusiker in der kleinen Besetzung bewältigten diese Herausforderung bestens. Neben dem virtuosen Spiel von Anna Webber, war Simon Nabatov am Flügel der herausragende Musiker des Abends. In manchen Passagen musste er mit ungeheurer Geschwindigkeit die vertrakten Kompositionen auf seinem Flügel umsetzen. Trotz aller Komplexität ist die Musik nicht völlig abstrakt, sondern hat durchaus melodiöse Anteile und swingt. Anna Webber präsentiert mit ihren Kompositionen Modern Jazz auf hohem Niveau ohne die Bodenhaftung zu verlieren.

Es bleibt zu hoffen, dass sie nach vier Tagen Musikmarathon über Weihnachten ein paar Ruhetage in New York hat. Sie hat wirklich viel in Köln geboten.

Mit Anna Webber hat Zeitinsel eine vielseitige Musikerin, die spannende und komplexe Kompositionen präsentierte und die gleichzeitig eine hervorragende Instrumentalistin und Improvisatorin war, eingeladen. Das Format Zeitinsel # Residency gibt dem Publikum Gelegenheit die verschiedene Seiten eines Künstlers oder einer Künstlerin in einem kurzen Zeitraum zu erleben und sie gibt den Musiker*innen die Möglichkeit mit unterschiedlichen Kollegen*innen des Gastlandes zusammenzuarbeiten. Ein spannender Ansatz für alle Beteiligten. Dank an Janning Trumann, der dieses Projekt mit seinem persönlichen Einsatz möglich gemacht hat.

Reiner Michalke hat bei der Präsentation des Stadtgartens als Europäisches Zentrum für Jazz und improvisierte Musik, solche Residency Projekte in Aussicht gestellt. Wir können uns nur wünschen, dass in Zukunft solche Projekte im Stadtgarten realisiert werden können. Zeitinsel # Residency hat gezeigt, wie bereichernd solche Residenzprogramme für das Publikum und für alle beteiligten Musiker*innen sind.

Reverses

How often must we

butt to head

Mind to ass

flank to nuts

cock to elbow

hip to toe

soul to shoulder

confront ourselves

in our past.

–Maya Angelou