Wuppertaler JazzMeeting 2017 |

Viel Pneumo in den Riedel-Hallen

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker | Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Wuppertal, 17.10.2017 | Viel (Luft-)Druck verspricht das diesjährige Wuppertaler Jazzmeeting – betitelt ‚Pneumo-Jazz’, was auf den programmatischen Akzent dieses Festivals hinweist: Man setzt darauf, Luftdruck in Töne zu verwandeln, also Stimmen und Blasinstrumente in den Vordergrund zu setzen. Eröffnet wird das 3-tägige Festival dann auch mit der Latin Session Band Con Brass aus der Wuppertaler Szene und dem Kölner Musiker-Kollektiv Alphawellenreiter mit der Vokalistin Emese Muehl. Den Schluss bildet das herausragende Trio Accordion Affairs mit Jörg Siebenhaar (acc,p), Konstantin Wienstroer (b) und Peter Baumgärtner (dr) und die 6-Bläser- und Drum-Combo Brass Bellows.

Der Samstagabend wird von dem Hendrik-Eichler-Projekt Le Bateau Atelier eröffnet. Mit dem Drummer Hendrik Eichler, der niederländischen Sängerin Esther van Maanen, Nicolai Fedder am Tenorsax und dem Gitarristen Rocco Romano an der Gitarre handelt es sich hier um eine Gruppe der jungen Musikergeneration - ein Lob dem Veranstalter, dem opensky e.V., gezielt dem Nachwuchs eine Bühne zu geben. Ruhig-entspannt zeigt das Quartett einen musikalischen Zugriff, der von Malerei inspiriert ist, der in den Zwiegesprächen von Stimme, Gitarre und Saxophon eine Zärtlichkeit entwickelt oder rockig wird oder ein in ungestüm-expressives Saxophon-Screaming übergeht. Dass Esther van Maanen mit jedem nur erdenklichen Material stimmlich umzugehen und dieses in einen Kollektivsound einzubringen versteht, demonstriert sie, indem sie mit wachsendem Tempo und mit verschiedenen Vokaltechniken Ausschnitte aus dem Programmheft rezitiert.

Die zweite Gruppe ist – wie Vereinsvorsitzender Tillmann Braune in der Anmoderation betont – mit der französischen Gruppe L’Hijaz’Car eine willkommene „Ausleihe“ vom Multiphonics-Festival (s. auch Bericht von Uwe Bräutigam). Wuppertal ist für die Gruppe die letzte Station einer längeren Deutschland-Tournee. Das Quintett zeigt bereits in der Instrumentierung mit den Saiteninstrumenten Oud und Tarhu, mit den Trommeln, der Bassklarinette und dem Kontrabass, dass seine Musik dem arabisch-türkisch-orientalischen Kulturkreis gewidmet ist. Vom ersten Ton an entfacht die Gruppe eine zupackend-energische jazzige Weltmusik, die ganz unterschiedliche Idiome der genannten Musikkulturen aufgreift und zu einem packenden Zusammenspiel verdichtet, aber eigentlich sich einer Kategorisierung entzieht. Die Frage des Rezensenten an die Gruppen-Managerin, ob die Affinität zu den gespielten Musikstilen sich mit der Herkunft der Musiker erklären ließe, weist diese zurück, keiner der fünf Musiker entstamme dem südlicheren oder süd-östlichen Kulturkreis, man habe sich in reger Reisetätigkeit die unterschiedlichen Stile angeeignet und zu einer eigenen Stilistik umgeformt. In den Soli sind alle Quintett-Mitglieder hochvirtuos, ihr polyphon-harmonisches und rhythmisches Zusammenspiel ist perfekt abgestimmt. Das begeisterte Publikum erlebt einen temperamentvollen Auftritt und verlangt - und erhält - eine festival-untypische Zugabe.

Nach dem Umbau in der liebevoll ausgestatteten und ausgeleuchteten Riedel-Halle, in der übrigens eine Projektion mit stimmungsvoller Jazzfotografie von Elmar Petzold für zusätzliche optische Reize sorgt, kommt eine Großformation mit dem Bandleader Terrence N’Gassa auf die Bühne. Der aus Kamerun stammende Trompeter, Sänger und Komponist erhöht mit seiner 7-köpfigen Band noch einmal den Pneumo-Druck. Geboten wird ein fetziger Afro-Ethno-Jazz-Funk-Mix, der die Halle mit unbändiger Energie durchpustet und entsprechend auflädt. Geschliffene Bläsersätze des Trompeters mit Francois Deribeaupierre am Tenorsax und Tobias Link an der Posaune, rhythmisch mitreißendes Spiel von Christian Fehre an den Congas und Volker Reichling an den Drums, unterstützt von Julian Walleck am Kontra- und am E-Bass und Jura Wajda am Piano – all dies wird dem Festival-Motto voll und ganz gerecht. Terrence N’Gassa treibt mit seinen Soli die Musiker immer wieder zu einem neuen Energielevel an. Auch wenn er sich mehrfach bemüht, das Publikum zum Mitmachen zu bewegen, stößt er dabei auf eine gewisse Zurückhaltung des bergischen Temperaments. Begeisterung der Wuppertaler zeigt sich eben zurückhaltender, als er es wahrscheinlich von seiner afrikanischen Heimat gewohnt ist, aber immerhin: Es drückt sich im Tanz, im Mitsingen, in Partylaune aus, das Publikum hat seinen Spaß und reagiert entsprechend auf den Pneumo-Druck.