Zwei vor, einen zurück |

Gedanken zum Jazzjahr 2017

Gelsenkirchen, 22.12.2017 | Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern friedliche, entspannte Feiertage und danken für das Vertrauen und Interesse am Angebot von nrwjazz.net. Wir können mittlerweile circa 1000 Seitenzugriffe täglich verzeichnen. Das belegt eindrücklich, dass die Menschen in NRW am Jazzgeschehen interessiert sind und gibt uns eine große Bestätigung und ermuntert zum Weitermachen.

Weitermachen ist allein deswegen angezeigt, da Jazz nach wie vor zu den zarten und bedrohten Kreaturen in der Kulturlandschaft gehört – und doch in seiner Vielfalt so extrem lebendig ist. Erfreulich die Situation bei den Jazz-Festivals im Lande, die nach wie vor großartige Programme abliefern und durchweg gute Publikumsauslastungen vermeldeten. Auch die vielen kleinen und großen Veranstalter, die sich trotz vielfach prekärer finanzieller Rahmenbedingungen nahezu ausschließlich ehrenamtlich engagieren, wie auch die vielen Musikerinnen und Musiker verdienen für 2017 wieder höchste Anerkennung.

Nach recht viel medialem Echo und auch einem ansehnlichen kulturpolitischen Feedback in 2016 ist es 2017 von politischer Seite um den Jazz wieder etwas stiller geworden. Dies war sicherlich den Wahlen geschuldet. Nun will die neue Landesregierung sukzessive den Kulturetat erhöhen. Es bleibt die spannende Frage, ob auch der Jazz davon profitieren wird. Allein die Verdoppelung des bundesweit ausgeschriebenen Applaus-Spielstättenpreises kann hier nicht die Lösung sein. Erfreulich jedoch ist, dass nicht weniger als 17 Spielstätten aus NRW zu den Preisträgern gehören. In NRW gehört die Weiterentwicklung des Spielstättenprogrammprämienpreis NRW daher sicherlich auf die Agenda der Initiatoren. Neben einem nicht ganz so sperrigen Namen, wäre eine Ausweitung der Preisvergabe auf Konzertreihen jenseits der festen Spielstätten auf alle Fälle wünschenswert.

Nicht alles fällt einfach so vom Himmel. Wer sich als Musiker oder auch Veranstalter klug engagiert, kann auch Früchte ernten. Das wird immer dann erreicht, wenn die vielbeschworene Vernetzung funktioniert. Dies funktioniert auch jenseits der Jazzhochburg Köln nicht selten vorbildlich. Beispielhaft genannt seien Regionen übergreifende Festivals wie das Münsterland-Festival oder Take Five - Jazz am Hellweg. Letztlich steht und fällt das aber mit medialer Präsenz. Welche unmittelbaren Auswirkungen eine Vernachlässigung hier hat, wurde in diesem Jahr in Mönchengladbach deutlich, wo die Reihe FineArtJazz in diesem Jahr plötzlich von der Tagespresse gänzlich ignoriert wurde. Hierdurch gingen die Besucherzahlen so weit zurück, dass die Reihe, die bis zu 10 Konzerte im Jahr umfasste, zum Ende Jahres eingestellt werden musste.

Herausragende Leuchttürme werden nach wie vor gut gepflegt. Das sorgt zumindest für eine gute Außenwirkung der Jazzkultur in diesem Bundesland. Das Moers-Festival, in vielerlei Hinsicht angefeindet und totgesagt, wurde unter neuer künstlerischer Leitung von Tim Isfort mit neuem Konzept zukunftsfähig gemacht. Der Kölner Stadtgarten wurde von Reiner Michalke zum internationalen Zentrum für Improvisierte Musik ausgebaut. Ein Beispiel dafür, dass zu einem kulturellen Renommee, auch Jazz und freie Musik gehört. Dabei darf aber dennoch nicht die finanzielle Unterstützung in der Fläche aus den Augen verloren werden. Jazz muss vor allem vor Ort erlebbar sein und Musiker brauchen Auftrittsmöglichkeiten, was besonders für die Hochschulabsolventen der bundesweit führenden Hochschulen des Landes NRW gilt.

Wenn es um Jazz geht, geht es nicht nur um Musik sondern um mehr. Zu den Tugenden des Jazz gehört die Improvisation, Kreativität und die Fähigkeit zuzuhören, aber auch Neugier und ein befreiter Geist, der neue Ideen hervorbringt. Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft und, wie die diesjährigen Sondierungsgespräche nach den Bundestagswahlen gezeigt haben, auch der Politik und Verwaltung zunehmend wichtiger werden. Jazz ist also nicht nur Musik machen und hören, sondern kann auch ein Handlungsmodell für die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein.

Mit jazzigen Grüßen und den besten Wünschen für ein entspanntes und besinnliches Weihnachtsfest und ein friedliches neues Jahr.

Für die Redaktion

Stefan Pieper (Redaktionsleiter) und Bernd Zimmermann (Geschäftsführer nrwjazz e.V.)