CD-Rezension

Far From Over |

Vijay Iyer mit perfektem Ensemblespiel

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 25.10.2017 | Ein offener Geist im Jazz zeichnet sich durch eine stilistische Vielfalt und Wandlungsfähigkeit aus. Wenn ein tief gehendes Bewusstsein von den unterschiedlichen kulturellen Wurzeln und Traditionen dieser Musik dazu kommt und dieses in ein energiegeladenes Teamplay umgesetzt wird, gilt es aufzuhorchen. Mit dem neuen Album des allseits gelobten Pianisten und Keyboarders Vijay Iyer Far From Over gelingt genau dies. In den letzten beiden ECM-Veröffentlichungen Break Stuff (2015) und A Cosmic Rhythm With Each Stroke (2016) setzte Iyer jeweils auf eine kleine Besetzung, im neuen Album erweitert er dieses zu einem Sextett. Beteiligt sind dem Iyer am Piano und den Fender Rhodes namhafte Spieler wie der diesjährige artist in residence bei den Berliner Festspielen, Tyshawn Sorey an den Drums, Graham Haynes (tr, corn, elec), Steve Lehman (as), Mark Shim (ts) und Stephan Crump (b).

Der Opener Poles gibt dem Tenorsaxophonisten Mark Shim und Graham Haynes am Flügelhorn bei rhythmisch exaktem Spiel Gelegenheit zu formschönen Soli. Der Bandleader fügt sich ganz in die Rhythmus-Sektion ein, sein Fender Rhodes-Spiel erinnert stark an Miles Davis’ elektronischer Phase. In dem Titelstück ist ein Piano-Solo in ein rhythmisch mitreißendes Spiel aus Bläser-Ensemble und –Solo eingebettet. In Nope legt Iyer über einen vertrackt funkigen Groove ein entspanntes Rhodes- und Piano-Spiel. Das kurze End Of The Tunnel leitet im Miles-typischen Elektronik-Sound über zu dem Track Down To The Wire mit superschnellen Läufen des Pianisten, zu denen Mark Shim am Tenorsax in gleichem Bebop-Tempo einsteigt. Die eindringlich-ruhige Ballade For Amiri Baraka widmet sich ausschließlich im Trio ohne Bläser dem US-amerikanischen Dichter und Musikkritiker, während das groovende Into Action mit vollem Sextett-Einsatz den fetten Sound einer kleinen Big Band erzeugt, zu dem Iyer ein Piano-Solo beisteuert. In Wake sorgen ein paar Trompetenklänge in einem tiefen Hallraum mit zunehmend repetitivem Muster für eine hypnotische Wirkung, die man ebenfalls von Miles Davis etwa aus In A Silent Way kennt. Südindische Polyrhythmen sind in Good On The Ground mit zupackenden Soli von Mark Shim, Vijay Iyer und Tyshawn Sorey die Basis für einen vertrackten Marsch, der beim Zuhören durchaus Tanzreflexe auslöst. Das Album endet mit Threnody: Wie der Titel ankündigt, handelt es sich um einen leisen Klagegesang, der zunächst im Trio gespielt wird, um mit den Bläsern eine elegische Dimension zu erreichen.

Ein sehr facettenreiches Album mit konzentrierter Energie, mit rhythmischer Kraft, mit beseelten Phasen und elegischen Bögen, vor allem mit einem präzisen und groovenden Bläsereinsatz, der mit einer perfekt aufspielenden Rhythmussektion verbunden wird. Der Piano-Meister hält sich dabei zugunsten virtuos und sensibel aufeinander bezogener Mitspieler weitgehend mit wenigen Ausnahmen zurück. Die zehn Kompositionen des Albums aus seiner Feder decken eine beachtliche stilistische Bandbreite von Funk, Elektronik, ethnischer Musik, Bebop, Hard-Bop ab und generieren dabei ein spannendes Hörerlebnis.

Vijay Iyer Sextet: Far From Over. ECM 2581