CD-Rezension

The Undreamt Oasis von DuckTapeTicket |

Tolle Ensembleleistung mit viel Schwung und Spielfreude

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Köln, 17.07.2017 | Der Bandname ist nicht besonders eingängig: DuckTapeTicket, ein findiger Marketing-Einfall dürfte dieser Namenskonstruktion kaum zugrunde liegen. Allein, man sollte sich diesen Gruppennamen merken. Dahinter verbirgt sich ein ausgesprochen frisches Streicher-Trio mit Anna-Sophie Dreyer (Bratsche), Paul Bremen (Violine) und Veit Steinmann (Cello). Die Ente als Gruppenmaskottchen gibt beim Hören der Musik der drei jungen Streicher schon einen nötigen Bezugspunkt: Ihre Musik ist quietschvergnügt, rhythmisch-tänzelnd und offen-neugierig für verschiedene Musikrichtungen, die man mit einem Streicher-Trio neben den Pfaden der Klassik einschlagen kann.

Das dritte Album von DuckTapeTicket ist ein sehr ambitioniertes Projekt: The Undreamt Oasis erscheint nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne auf dem hauseigenen Label Neuklang der renommierten Bauer Studios in Ludwigsburg, dort wurde die CD im Frühjahr aufgenommen. (s. Bericht von nrwjazz.net von der Aufnahme) Unterstützung hat sich das Trio dafür von vier Musikern aus der Kölner Szene geholt: Philipp Brämswig (Gitarre), Joscha Oetz (Kontrabass), Dominik Mahnig (Drums) und bei zwei Stücken der CD die Vokalistin Filippa Gojo – alles hochkarätige Musiker aus dem rheinländischen Talentinkubator.

Die elf Tracks enthalten eine geschickt dosierte Mischung von anspruchsvollen Kompositionen und Arrangements und Improvisation, von traditionellen Musikelementen und raffinierten Ausbrüchen und Fusionen, von unterschiedlichsten Musikstilen: Swingender String Jazz (Rantanplan), Jazzwalzer, der von seiner melodischen und rhythmischen Struktur an Wiener Caféhaus-Musik erinnert (None Too Soon), die beiden ruhigen, atmosphärisch dichten Stücke mit Filippa Gojos Vokalisen (Schwarzweiß und mit Untertiteln, Aprèslude), ein scheinbar einfacher Blues (bisschenblues) mit einem interessanten Pizzicato-Groove. Diablo Rojo führt im Jazzrock-Modus synkopierte dissonante Streicherphrasen vor, die an die berühmte Szene aus Hitchcocks Psycho und zusätzlich durch Saiten-Geräusche an bedrohlich knarrende Türen erinnern. Das geheimnisvoll flimmernde wirr in wueste folgt einem einfachen melodischen Muster in hoher Gitarrenlage, über das sich herrlich relaxed Bass, Drums und Streicher legen.

Überhaupt, die Gesamtwirkung von The Undreamt Oasis ist einem perfekt eingespielten Ensemble zu verdanken: Dass das Streicher-Trio sich auf hohem musikalischen Niveau „blind“ aufeinander zu beziehen vermag, ist vielleicht bei einer seit längerem gemeinsam musizierenden Gruppe erwartbar. Die Rhythmusgruppe erweist sich darüber hinaus im Ensemble- und Solo-Spiel als ein Glücksfall von „Begleitung“, ja die wunderbaren Linien von Philipp Brämswig unterschiedlich eingesetzten Gitarren und Effekten, Sound und Groove von Joscha Oetz’ subtilem Bass-Spiel, das einfühlsame Schlagzeug von Dominik Mahnig, der stimmungsvolle Gesang von Filippa Gojo – all das trägt zu einem überaus „harmonischen“ Zusammenspiel und zu dem Gesamteindruck einer sehr ausgereiften Produktion bei.

Die titelgebende Suite aus der Feder von Paul Bremen besteht aus vier Stücken: Sie beginnt mit The Circle Road mit einer fetzigen Jazzrock-Nummer, gefolgt von The Sky Heart mit einem wunderschönen Zwiegespräch von Cello und Bass. The Dusk Mechanics ist eine Jazzrock-Nummer mit deutlichem Gypsy Swing-Einschlag, The Ego Burn rundet die Suite mit einer ruhigeren Jazzrock-Ballade ab.

Jazz erweist sich immer dann am lebendigsten, wenn es gelingt, unterschiedliche Musiktraditionen und –stile neu zu verbinden. In diesem Sinne ist The Undreamt Oasis mit verschiedenen An-Klängen an String Jazz, Rock Jazz, Gypsy, Blue Grass und Country eine wohltuend lebendige Oase - eine Musikproduktion, die ihren nicht unerheblichen kreativen Aufwand nicht in den Vordergrund stellt, sondern hinter einem schnörkellosen Swing und Groove und einer großen Ensembleleistung von jungen Musikern mit viel Schwung und Spielfreude zu verbergen weiß. Großartig!

DuckTapeTicket: The Undreamt Oasis. Neuklang NCD 4161.

Erscheinungstermin September 2017