Festivals in NRW

Schönes Wochenende Festival - Music Mix Mashup |

Sidsel Endresen in Düsseldorf

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Susanne Diesner

Düsseldorf, 07.02.2017 | Nothing Is Real

Marco Blaauw steht auf der Treppe im NRW Forum und spielt auf seiner Trompete das Stück Merlin von John Zorn. Der holländische Trompeter des Ensembles MusikFabrik eröffnet damit das Schöne Wochenende Festival in Düsseldorf. Der jüdische Avantgarde Jazzer John Zorn, hat das Stück für ihn komponiert.

Auf dem ersten Festivalabend mit dem Titel: Nothing Is Real, werden „Originalwerke“ von Avantgarde Jazz bis Klassik gespielt und dienen dann als Rohmaterial für einen Remix. Zum ersten Mal sind die Ausstellungsräume für Fotografie des NRW Forums in das Festival einbezogen.

Vier Musiker des Ensemble Musik Fabrik Köln spielen in den Ausstellungshallen Solo Stücke für Trompete, Gitarre, Kontrabass und Cello.

I can`t breath - in Memoriam Eric Garner (2015) von Georg Friedrich Haas ist das zweite Stück, das Marco Blaauw spielt. Das Werk erinnert an den Afroamerikaner Eric Garner, der bei einem brutalen Polizeieinsatz in New York erstickte und dessen letzte Worte I can`t breath waren. Der Trompeter spielt vor einem großformatigen Foto des New Yorker Times Square. Ungeplant entsteht so ein Wechselspiel von Fotoausstellung und Musik.

Der Gitarrist Scott Fields, der aus Chicago stammt und umtriebiges Mitglied der Kölner Improvisationsszene ist, trägt seine filigrane Komposition Drowning in Flames (2016) auf der akustischen Gitarre vor.

Das Werk Saul des jungen französischen Bassisten Florentin Gino ist von dem Film Son of Saul über ein Sonderkommando in Auschwitz inspiriert worden. Der Cellist Dirk Wietheger spielt meisterhaft Bachs erste Cellosuite, der schwer zu spielende Klassiker der Celloliteratur.

Großartige Solisten spielen sehr unterschiedliche und abwechslungsreiche Werke in der ungewohnten Umgebung einer Fotoausstellung.

Diese Werke werden dann von dem norwegischen Remix Ensemble PUNKT live gemixt, bearbeitetund zu einem neuen Stück geformt. Jan Bang und Erik Honorè die zu Europas Remix Größen zählen, begründeten 2005 das PUNKT Festival für elektronische Musik in Kristiansand. Siehe Berichte zum Festival: http://nrwjazz.net/jazzreports/2016/Punkt_2016/

Ein weiters Mitglied des PUNKT Ensemble ist Audun Kleive, einer besten Jazz Schlagzeuger Norwegens. PUNKT mixt aus den oben genannten analogen Musikstücken elektronische Musik, in der die Originalstücke nicht mehr wiederzuerkennen sind. Lediglich Soundfetzen tauchen hier und da auf. Das PUNKT Ensemble entwickelt rhythmisch und harmonisch spannende elektronische Soundcollagen. Über diesen Remix singt die Grand Dame des norwegischen Jazz Sidsel Endresen ihre lautmalerischen Vokalisationen.

Sidsel Endresen hat neben Jan Gabarek den sogenannten Nordischen Jazzsound entscheidend mitgeprägt. In den 80er Jahren hat sie ihre Solokarriere beim Label ECM begonnen.

Der einzige Wermutstropfen ist die enorme Lautstärke, die für den Raum im NRW Forum überdimensioniert ist.

Wireless

Auch der zweite Konzerabend, der nun in der Tonhalle stattfindet, setzt sich mit dem Thema:

„Was ist ein Original, was ist echt?“ auseinander. Hier gibt es keinen elektronischen Remix, sondern Kompositionen und Bearbeitungen die Anregungen zu diesem Thema liefern.

Andreas Grau und Götz Schumacher spielen kongenial Musik an zwei Flügeln. Ravels Bolero oder Max Regers Bearbeitung von Tristan und Isolde. Aber auch zeitgenössische Werke, wie Michael Beils (*1963) Werk Doppel mit Live Video, das sich mit dem Thema: Echtzeit auseinandersetzt. Die Live Videos der Pianisten werden zeitverzögert projiziert, so das eine Abfolge von Bildern entsteht, die jeweils zeitlich versetzt ist. Das Publikum sieht die Pianisten in ´Echtzeit` auf der Bühne und zeitversetzt auf der Leinwand, was eine verwirrende geisterhafte Wirkung erzeugt. Das Werk Key Of Presence der junge Komponistin Brigitta Muntendorf (*1982) für zwei Klaviere, Live Elektronik und Zuspielung verändert und erweitert das Klangspektrum des Pianos auf unerwartete Weise.

Ein ganz besonderes Werk hat der Pianist Martin Tchiba mit Wireless – Social Media Klavier Recital initiiert. Über die sozialen Medien, Facebook, Twitter usw. hat er ein halbes Jahr lang KomponistInnen ermuntert, sich mit kurzen einminütigen Kompositionen zu beteiligen. Neben renommierten Komponisten wie Gerhard Stäbler, Kunzu Shim oder Alwynne Pritchard nahmen über dreißig junge KomponistInnen teil, darunter auch Musikkurse von drei Düsseldorfer Schulen. Die Übergänge und diverse Variationen werden vom Pianisten auf der Bühne improvisiert. Ein echtes Stück Schwarmintelligenz. Ebenfalls ein Werk mit Publikumsbeteiligung stellt Lukas Tobiassen vom Ensemble Crush vor. Er lässt das Publikum per Handy eine von vier von ihm hergestellten Musikdateien auswählen und zu einem bestimmten Zeitpunkt einspielen. So wird die Musik der Mobilphone des Publikums Bestandteil seiner Komposition. Eine weitere Interaktionsform besteht darin, per Handy dem Pianisten Martin Tchiba beliebige Adjektive zu senden, über die er dann frei improvisiert. Während des Konzertes ist der Komponist Gabriel Gonzales live über Skype aus Albuquerque in New Mexico zugeschaltet und lässt sich von der Musik zu einer spontanen Komposition inspirieren, die dann vonMartin Tchiba gespielt wird. Wireless ein Klavierkonzert voll von Interaktionen und Improvisationen unter Beteiligung von vielen Menschen weltweit.

Wem die drei Stunden abwechslungsreicher Klaviermusik mit Publikumsbeteiligung nicht genügen, der kann den Abend mit dem Decoder Ensemble und Moritz Simon Geist mit seinen Sonic Robots im NRW Forum ausklingen lassen.

Rewriting Beethoven

Der letzte Tag gehört der Klassik und den Düsseldorfer Symphonikern unter Leitung von Jonathan Stockhammer. Ein Dirigent der ebenso mit der Wiener Staatsoper, wie mit Chick Corea gearbeitet und Produktionen der Musik von Frank Zappa geleitet hat.

Bevor die Symphoniker Beethovens 7. Symphonie in der turbulenten Bearbeitung von Michael Gordon (*1956) spielen, kann das Publikum die Bearbeitung einzelner Themen aus der Symphonie zusammen mit einer Klang- und Bildinstallation auf sich wirken lassen. Eine Gruppe Schülerinnen und Schüler des Marie-Cury-Gymnasiums Düsseldorf schaffen so einen gelungenen Einstieg in das Konzert. Zum Abschluss ist Schostakowitschs 15. Symphonie zu hören. Das Vermächtniswerk des russischen Komponisten, voll mit echten und scheinbaren musikalischen Zitaten. Wie der Moderator hervorhob, eine vorweggenommene Auseinandersetzung mit dem aktuellen Thema des `Postfaktischem`.

Uwe Sommer-Sorgente, den die Grippe leider während des Festivals außer Gefecht setzte, ist es auch auf dem 4. Festival gelungen, dem Publikum zeitgenössische Musik, Jazz, Elektronik und Klassik in ungewöhnlicher Form nahe zu bringen und dabei auch neuen Formen von Komposition und Musikerzeugung Raum zu geben. Herausragende Musikerinnen und Musiker haben dafür gesorgt, dass das Festivalkonzept umgesetzt wurde. Ein schönes Wochenende.

http://www.tonhalle.de/reihen/festival/schoenes-wochenende-festival-2017/

www.tchiba.com/wp