NRW Jazz on Tour

Giacinto Scelsi Festival 2017 |

Viele neue Impulse

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

.keine Angabe, 13.01.2017 | Das neue Jahr beginnt mit einem musikalisches Kleinod, dem Giacinto Scelsi Festival im Gare du Nord in Basel. Marianne Schröder hat als künstlerische Leiterin ein hochwertiges, abwechslungsreiches und interessantes Programm zusammengestellt. Auch wenn der Musiker und Mystiker Scelsi im Mittelpunkt des Festivals steht, ist es alles andere als ein Treffen für eingeweihte Spezialisten. Das Festival stellt vielfältige Bezüge zu Scelsis Musik her, die von Skrjabins über Webern bis hin zu dem amerikanischen Komponisten Christian Wolff reichen. Aber auch angrenzende Bereiche, wie italienische Volksmusik oder Musik aus der rätoromanischen Folklore, haben ihren Raum. Europäische und asiatische Musiktradition treffen aufeinander. Bezüge zur Malerei werden ebenso hergestellt wie zur Literatur. Ob man vom Jazz, aus der Klassik, der Neuen Musik oder aus dem Folk/Worldmusic kommt, dieses Festival gibt allen Musikinteressierten neue Impulse und stellt Bezüge zu unterschiedlichen Genres her.

Konzert 1

Marianne Schröder ist nicht nur die umtriebige Leiterin des Festivals, sondern gleichzeitig eine großartige Pianistin.

Sie eröffnet das Festival mit Soft Horizons, for piano (2012)von Barbara Monk Feldman. Das Stück ist von einer Meerlandschaft inspiriert. „Vielleicht sind wir in der Musik wie in der Natur manchmal zu einer kleinen Erkenntnis von etwas fähig, das wirkt, als liege jenseits unserer Wahrnehmung und das als solches auf unsere Verwundbarkeit hinweist,“ (MF). Marianne Schröder gelingt es die Räume der Stille im Stück fühlbar werden zu lassen. Mit sanften Tönen wird das Publikum aus dem Alltag in das Konzert geleitet. Bereit für Neues, Unerwartetes, für neue Horizonte.

Barbara Monk Feldman war als Composer in residence eingeladen, musste leider wegen Krankheit kurzfristig absagen.

Der Pianist Pervez Mody, der aus Indien stammt, spielt Werke von Aleksander Skrjabin, u.a. Sonate No. 9 und Poeme op.72, Vers la flamme undvon Scelsi 2 preludi 1930-1940 und Quattro illustrazioni 1953, das von der indischen Mythologie, den vier Erscheinungsformen des Gottes Vishnu, inspiriert ist.

Skrjabins Musik ist ein wichtiger Bezugspunkt für Scelsi, einer seiner Klavierlehrer war ein Skrjabin Schüler. Auch als Mystiker waren Skrjabin und Scelsi Seelenverwandte. Skrjabin hat mit Farben und Düften experimentiert. Diese Tradition wird aufgegriffen und es werden Duftsubstanzen im Raum verdampft.

Der renommierte Baseler Schriftsteller, Jazzkritiker und Jazzmusiker Jürg Laederach liest aus

Einem Text von Henri Michaux, dem Schriftsteller und Maler. Michaux war mit Scelsi befreundet. Scelsi liebte die moderne Malerei und hatte eine zeitlang in Rom eine Galerie, die moderne Kunst, besonders die amerikanische Moderne, vertrieb.

So stellt sich auch die Beziehung zu Jackson Pollock her. Über die Arbeit von Pollock wurde 1951 ein kurzer Film gedreht, die Musik dazu hat Morton Feldman geschrieben, seine erste Auftragsarbeit. Die schwedische Cellisten Karolina Öhman und Rohan de Saram spielen Feldmans Filmmusik live ein. Pollock war übrigens ein großer Jazzfan und die Musik gab ihm Inspiration für seine Werke.

Angeregt durch Pollocks Action Painting komponierte Scelsi das für ihn ungewöhnliche Klavierstück Action Music No.1 (1955). Marianne Schröder spielt das temperamentvolle und wilde Stück mit viel Hingabe. Scelsi erklärte ihr, dies sei für einen Film (!) geschrieben.

Zwei weitere Werke runden den ersten Festivalabend ab, Sequenza XIV, per violoncello, written for Rohan de Saram (2002) von Luciano Berio und die Chansons Madécasses (1925)

von Maurice Ravel.

Berios großer Wunsch war es, dass sein Cellostück in einem Konzert zusammen mit Ravels Chansons Madécasses aufgeführt wird. Nun geht er auf dem Festival in Erfüllung.

Rohan de Saram hat auf Wunsch von Berio eine rhythmische Passage aus seiner Heimat Sri Lanka in das Werkintegriert.

Ravels Chansons sind für Piano, Flöte, Cello und die Stimme als “führendes Instrument“. Das erste Liedhat eine ausgesprochen erotische Stimmung. Aoua! das zweite Lied, ist ein Aufschrei der Sklaven gegen die Unterdrückung durch die Weißen. Ravel greift bereits 1925 die Musik der Sklaven Madagaskars auf und gibt ihnen so eine Stimme. Jedes der drei Lieder, entführt die ZuhörerInnen in eine eigene exotische Welt. Die Ausführenden: Marianne Schröder, Piano, Anja Clift, Flöte, Rohan de Saram, Cello und die führende Stimme ist Franziska Hirzel, Sopran.

Kompositionen aus Frankreich (Baskenland) und Italien mit Bezügen zu Asien und Afrika.

Konzert 2

Der Sonntagmorgen beginnt mit Scelsi. Der Schweizer Tenor Tino Brütsch singt zwei Lieder aus Le grand sanctuaire 1970.

Rohan und Suren Saram spielen das Duo I funerali di Carlo Mano 1976 für Cello und Perkussion. Ein ganz besonderer Moment wie der großartige Cellist und sein Sohn an Trommeln und Gongs ganz aufeinander bezogen musizieren. Das Cello/Schlagzeug Duo wird dann erweitert durch Marianne Schröder am Flügel. Die drei MusikerInnen improvisieren gemeinsam über alte Volksweisen.

Diese feinen Improvisationen bilden thematisch den Übergang zum Bereich Volksmusik.

Eingeleitet durch die Sonatine über rätoromanische Volksweisen 1952 (2001 für Klavier) von Jürg Wyttenbach, dem Berner Komponisten, der in Basel lebt. Marianne Schröder vermittelte mit ihrem Spiel die Schönheit und das Temperament dieser Volksweisen.

Lucilla Galeazzi singt alte italienische Volksweisen und begleitet sich selbst mit der Gitarre. Sie trägt die Lieder schlicht als Volkslieder vor, ohne aus ihnen Kunstliedern zu formen.

Lucilla Galeazzi ist eine Sängerin mit großem Stimmumfang, die voller Kraft die Lieder vorträgt und eine enorme Bühnenpräsenz hat. In ihren jungen Jahren hat auch Scelsi ihre Konzerte in Rom besucht. Scelsi war kein Mann im Elfenbeinturm, er hat am Kulturleben seiner Zeit teilgenommen. Die Lieder von Lucilla Galeazzi machen das Festival bunter.

3.Konzert

Ein besonderer Gast ist die Pianistin Ursula Oppens, „eine Legende der zeitgenössischen Klaviermusik in Amerika.“ Sie ist berühmt für die Wiedergabe der schwierigen und komplexen Klavierwerke von Elliot Carter, mit dem sie lange Jahre zusammengearbeitet hat. Gleichzeitig ist sie eine Meisterin des klassisch-romantischen Repertoires.

Ursula Oppens eröffnet mit Igor Strawinskys Sonate pour piano 1924. Elliot Carter hat den Komponisten sehr verehrt.

Von Elliot Carter spielt sie Night Fantasies 1980 und Two Diversions 1999. Im Werk Two Diversions setzt Carter sich kreuzende Rhythmen ein, wie es sein Freund der mexikanische Komponist Conlon Nancarrow machte. Mit Conlon Nancarrow hat Oppens ebenfalls zusammengearbeitet und sie spielt seinen ihr gewidmeten Canon for Ursula 1989.

Christian Wolff komponierte das Lied Bread and Roses 1978, ursprünglich ein Lied der amerikanischen Arbeiterbewegung, das auf einen berühmten Streik der Textilarbeiterinnen von 1912 zurückgeht. „Der Mensch braucht nicht nur Brotsondern auch Schönheit“ (U. Oppens). Wolff bildete in den 50ern mit John Cage und Morton Feldman den sogenannten “New York Club“ von dem wichtige Impulse für die gesamte zeitgenössische Musik ausgingen. Christian Wolff interessierte sich sehr für die Belange und die Musik der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Er schätzte die Jazzavantgarde um John Coletrain und Ornette Coleman sehr. Seine Experimente mit Improvisation haben wiederum John Zorn, Anthony Braxton u.a. beeinflusst. Mit Braxton hat auch Ursula Oppens zusammengearbeitet. Bezüge in alle Richtungen.

Ursula Oppens spielt alle diese Werke mit großer Meisterschaft und besonders bei den Stücken von Elliot Carter hält das Publikum förmlich die Luft an. Sie wird vom Festivalpublikum zu Recht gefeiert. Welch eine Pianistin!

Der letzte Teil des Festivals ist den Streichern gewidmet. Rohan de Saram spielt zwei Cello Werke von Scelsi. Es ist immer eine Freude dem großen Cellisten zu zuhören. Für das Festival ist es ein Gewinn, das Rohan de Saram viel Gelegenheit zum Spielen hatte.

Das Beetvoven Quartett Basel spielt das Streichquartett 1905 von Anton Webern, das noch stark von Brahms geprägt ist. Webern hat das Streichquartett im Geburtsjahr von Scelsi geschrieben.

Zum Abschluss gibt es noch einen letzten Höhepunkt, Scelsis Werk Anagamin 1965, für elf Streicher. Eine Streicherhymne, bei der Scelsi den Klang in seine Obertöne, Klangfarben und Bewegungen aufspaltet.

Mit diesem Stück geht das vierte Scelsi Festival für dieses Wochenende zu Ende. Ein Festival mit großartigen Musikern, Musik für einen offenen Geist und ein offenes Herz.

Ein Anagamin ist in der buddhistischen Lehre jemand, der nicht mehr wiederkommt, d.h. nicht mehr wiedergeboren wird. Dieser Titel sollte nicht allzu wörtlich genommen werden. Es sei dem Festival zu wünschen, das alle ZuhörerInnen wiederkommen und noch neue hinzukommen mögen.

Vielen Dank an Marianne Schröder und alle ihre HelferInnen, die dieses besondere Festival möglich machen.

Am 15.1. gibt es um 18 Uhr noch ein Orgelkonzert im Baseler Münster mit Werken von Scelsi, Dvorak, Bach, Szarthmary, Notker St. Gallen, Gubaidulina.

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