Ausgezeichnete Saxophon-Virtuosin im Stadtgarten |

Angelika Niescier mit Joachim Kühn im Klangrausch

Text: Vera Marzinski | Fotos: Vera Marzinski

Köln, 05.11.2017 | Zwei, die grandios improvisieren und im Duo eine besondere Klangwelt bieten – das sind Angelika Niescier und Joachim Kühn. Die Saxophonistin erhielt einen Tag zuvor eine besondere Auszeichnung.

"Außergewöhnlich inspiriert" und "klangmutig" - so sieht die Jury die deutsche Saxophonistin und Komponistin Angelika Niescier und hat ihr deshalb den wichtigsten Jazzpreis im deutschsprachigen Raum verliehen. Außergewöhnlich inspiriert ist auch ihr gemeinsames Konzert mit Joachim Kühn im Kölner Stadtgarten – einen Tag nach der Verleihung des "Albert-Mangelsdorff-Preis". Diese Auszeichnung gilt als wichtigster Preis für Jazz im deutschsprachigen Raum und wird alle zwei Jahre von der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) verliehen und mit 15.000 Euro dotiert. Die in Köln lebende deutsche Saxophonistin, Bandleaderin und Komponistin polnischer Herkunft zeige "eine enorme musikalische Vielseitigkeit", heißt es in der Jury-Begründung, "daneben aber auch Authentizität sowie Klarheit im musikalischen Konzept."

Angelika Niescier, geboren 1970 in Polen,ist nicht nur eine zielstrebige Künstlerin mit unbändiger Energie, reichhaltiger Tonpalette und virtuoser Technik, sondern komponiert auch für Film, Theater, Big Band, Ballett und Sinfonieorchester. Zudem erhielt sie zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Vor rund 20 Jahren spielte Niescier beim Jazzfestival in Viersen zum ersten Mal mit Joachim Kühn, der 1944 in Leipzig geboren wurde. Er ist ein rastloser, unbändiger Freigeist, mit atemberaubender Spieltechnik, unstillbarer Lust am Spielen und unerschöpflicher Ausdrucksmöglichkeiten. Im Juni 2017 bekam Joachim Kühn den Echo Jazz - inzwischenschon zum vierten Mal. Und das vollkommen zu Recht, gilt er doch weltweit als „der“ deutsche Jazz-Pianist. Neugier, Offenheit und Experimentierlust hat Kühn sein Leben lang demonstriert wie wenige andere. Er gehört zu den wenigen Pianisten, mit denen Ornette Coleman konzertierte. Und von ihm präsentierte Kühn gemeinsam mit Angelika Niescier zwei Stücke im Kölner Stadtgarten. Dazu ein Stück von Kühn selbst, zwei von Niescier (Kühn sagte eins an: „Barbara komponiert von Angelika“) und – ganz, ganz viel Improvisation. Sie jagten sich gegenseitig, kamen mit kurzem Augenkontakt wieder auf den Punkt, schwangen auf einer gemeinsamen Welle und trennten sich wieder in die gemeinsame oder solistische Improvisationen. Angelika Niescier ist Meisterin der Improvisation. Gigantisch, wenn sie die Töne kaum hörbar, fast flüsternd auf ihrem Tenorsaxophon rauskitzelt, um dann wieder in endlos, schier atemberaubende, lautstarke Läufe zu wechseln. Kein Wunder, dass sie zum „Improviser in Residence 2008“ in Moers für ein Jahr ausgewählt wurde. Auf der Suche nach Berührungen und Weiterentwicklung ist sie immer und dort hatte sie verschiedene Musikerinnen und Musiker eingeladen und selbst weiter ihre Improvisationen ausgefeilt. Sie forscht und entwickelt sich beständig weiter. Sie spielt solo, als Duo und im Trio. Hat diverse Projekte, wie ihr langjähriges Quartett „SUBLIM“, das Trio „NOW“ oder das Quintett „NYC Five“ oder „Angelika Niescier NYC Trio“ - Tyshawn Sorey (drums) und Chris Tordini (bass), mit dem sie auch in Berlin zur Preisverleihung auftrat. So hob die Jury des Deutschen Jazzpreises besonders Niesciers Ensemblearbeit hervor: "Mit jedem Ton, mit jedem Wort zeigt sie große Neugier auf die Position ihres Gegenübers – und das mit einer stilistischen und integrativen Offenheit, die zur Entwicklung gemeinsamer Wege ermutigt, anstatt nur auf eigene Erfahrung zu bauen." Das war auch im Stadtgarten zu spüren. Wie es sich anfühlt, so einen Preis zu erhalten? „Wenn so ein Preis vorbeifliegt kommt das irgendwie schon cool“, sagt sie. Wichtig ist ihr aber, dass sie aus einer inneren Notwendigkeit arbeitet und forscht und diese führe zu neuen Projekten und Konzerten – und auch nebenbei zu solchen Preisen. Vor dem Konzert im Stadtgarten hielt Ulla Oster, Vorsitzende der Initiative Kölner Jazz Haus e.V., die Laudatio auf Angelika Niescier und beschrieb Niescier als eine Künstlerin mit Unerschrockenheit, Forscherdrang, Beharrlichkeit gepaart mit Lebendigkeit und viel Humor.