Hellwache Traumsequenzen |

Joscha Oetz im Dorstener LEO

Text & Fotos: Stefan Pieper

Dorsten, 21.02.2017 | Ist es ein Widerspruch, von hellwachen Traumsequenzen zu reden? Im Fall des aktuellen Trios „Perfektomat“ des Kölner Bassisten Joscha Oetz, kommt man irgendwie nicht um eine solche Charakterisierung herum. Das Konzert im Trio mit Laura Robles (Percussion) und dem Pianisten Norman Peplow bot intensive traumwandlerische Interaktion bei gleichzeitig großer imaginärer Kraft.

Nach Südamerika geht die Reise an diesem Abend im Rahmen der Reihe FineArtJazz im Dorstener LEO. Joscha Oetz hat 7 Jahre in Lima gelebt - und dort natürlich alles an buntem, vibrierenden Musikleben aufgesogen, versteht sich! (hier ein Report über Joscha Oetz)

Die Bühne im LEO ist extra für diesen Anlass gestaltet worden: Ein dunkelblau angestrahlter Satinvorhang suggeriert das Ambiente einer lauschigen Bar. Für Joscha Oetz sowie Norman Peplow und vor allem die peruanische Cajon-Spielerin Laura Robles sind dies Idealbedingungen für maximale spielerische Fantasie. Alte Songs aus dem Peru der 1930er Jahre, zeitlos abgehangene Latinjazz-Arrangements und vibrierende afrokaribische Grooves sind der Stoff, aus dem sie hervorgeht.

Joscha Oetz lässt den Tieftöner präsent und höchst variantenreich pulsieren und swingen. Das ist ein guter Nährboden für den Pianisten Norman Peplow, der zu strahlend virtuosen und extrem stilsicheren Höhenflügen abhebt. Wie er die Phrasen modelliert und Akzente setzt, das ist sinnlich und viel mehr als nur große Technik, denn da ist extrem viel Farbe drin.

Laura Robles zieht derweil alle Register auf jenem wohl einzigen Instrument, was zugleich Sitzgelegenheit ist und im Flamenco sowie der südamerikanischen Musik zuhause ist: Die Cajon ist eine Holzkiste, auf der mit bloßen Händen getrommelt wird. Wie Laura Robles alle hohen und tiefen Klänge aus dieser Kiste zaubert, ersetzt dies mal eben ein ganzes Schlagzeug. Es lässt die Luft brennen, wie unter ihren unermüdlichen Händen giftige Synkopenimpulse dazwischenfunken, wie ihr Spiel komplexe rhytmische Muster ausbreitet, zerlegt und verdichtet.

Auch liefert Joscha Oetz eine Hommage an seinen Lehrmeister, den Kölner Professor Dieter Manderscheid, von dem er die hohe Kunst auf dem Kontrabass erlernt hat. Noch mehr nach vorne spielt die Band bei einer Nummer die von der besonderen Atmosphäre in der Stadt Lima inspiriert wurde, wo oft graue Nebel vom eiskalten Pazifik aufziehen. Das quirlige Leben in dieser Stadt leidet vermutlich nicht darunter. Die intensive mitreißende Interaktion des Trios im Dorstener LEO ist auch noch lange nicht zu Ende, als Joscha Oetz mitten in einer vertrackten modalen Improvisation die tiefe E-Saite reißt. Dann muss eben mal der Pianist noch leuchtender aufspielen und Laura Robles heißere Beats, Wirbeln und Synkopen abfeuern. Und dann zeigt sich auch Joscha Oetz als profunder Cajon-Spieler. Zur Zugabe nimmt er Platz auf einer eigenen Kiste und es geht im Duo weiter. Man erinnere sich: Trommeln sind ursprünglich als Kommunikationsmedium erfunden worden.

Ob Joscha Oetz nach sieben Jahren in der quirligen Buntheit einer südamerikanischen Metropole nicht Schwierigkeiten habe, sich wieder im ordnungsliebenden Deutschland wohl zu fühlen?

„Ich habe alles so intensiv dort aufgenommen, dass ich es immer in meinem Herzen trage“ lautet das beruhigende Statement dieses Bassisten.