#23 Radio Days à la française |

Jean-Paul Ricard, der Jazzpapst von Avignon

Text: Karl Lippegaus | Fotos: Birka Jazz,

Köln, 18.01.2017 | Stell‘ dir vor, es gibt das Radio, aber keiner hört hin. Das war mal anders - vor allem in den Anfängen, bevor es die Glotze gab. Als der Rundfunk ganz wesentlich dazu beitrug, den Jazz bekannt zu machen. Schon zu Beginn der 30er Jahre verdankten es Duke Ellington und Count Basie ganz wesentlich dem Radio, das ihre Bands live aus einem Club überall im weiten Amerika zu hören waren. Weiße Kids, die sonst nie Johnny Hodges und Lester „Pres“ Young gekannt hätten, wurden hellhörig bei diesen durch die Nacht flehenden Saxofonen. Mutterseelenallein hockte der kleine Frank Sinatra auf seiner Bude in Hoboken, New Jersey und lauschte der Stimme Bing Crosbys; da wurde ihm klar, dass er Sänger werden wollte. Woody Allen drehte 1986 „Radio Days“, einen seiner schönsten und witzigsten Filme, mit Musik aus der großen Bigband-Ära, wo man sehen kann, wie Radiosendungen in den USA gemacht wurden.

Als Pat Metheny mal zu uns in ein öffentlich-rechtliches Sendestudio in Deutschland kam, war er baff: „Das soll ein Radiosender sein? Hey Mann, wo sind die Posters, wo die Stickers?“ Tja, äh, hm. Stimmt schon, Pat. Nachts wenn er mal wieder nicht schlafen kann hört Eberhard Weber aus seinem Fernseher in Südfrankreich den Jazzsender TSF. Ich durfte ihm zeigen, wie er auf deren Website immer sofort sehen kann, welcher Titel gerade läuft. „Ab und zu bringen die richtig gute Sachen – sogar von mir!“ In glasklarer Qualität kann man im Netz einen Sender aus Rio empfangen, der 24 Stunden am Tag Bossa Novas spielt. Robert Wyatt im Rollstuhl, wie er über Kurzwelle Radio Havanna aus dem Äther fischte. Oder Don Cherry, immer mit dem Radio am Ohr, Melodien herausfischend, sie transkribierend und als Etüden an seine Musiker verteilend. Die BBC hat sechs Kanäle landesweit und einer heißt „Alternative“. Zur Nachahmung empfohlen, meine Damen und Herren aus den Redaktionsetagen. Ich könnte Ihnen so manche Story zum Thema ‚Radio & Jazz‘ hier erzählen, habe mich aber für die entschieden, die mir vor ein paar Tagen ein jovialer weißbärtiger Typ im Grand Hotel in Straßburg morgens vor dem Frühstück erzählte.

Jean-Paul Ricard kam in einem kleinen Dorf in der Provence zur Welt, das Le Thor heißt. Das einzige Gerät, das zuhause Musik ausstrahlte, war ein Radio. Jeden Tag wurde es am späten Nachmittag eingeschaltet und alles lauschte dem laufenden Programm. Die Familie des Jungen war nicht besonders musikalisch, aber seine Mutter sang gerne. Sie kümmerte sich um den Haushalt und meistens lief ein Programm mit den Sängerinnen, die sie mochte: vor allem das neorealistische Chanson der Nachkriegsjahre, interpretiert von Cora Vaucaire oder Marianne Oswald. Oft ertönte da eine Begleitung, die Jean-Paul vage mit Jazz assoziierte, denn er hatte das Glück gehabt, schon früh Jazzkonzerte zu besuchen.

Mit zehn oder zwölf Jahren war er zum ersten Mal beim Festival in Antibes gewesen. Und was Jean-Paul an diesen Chansons gefiel, waren gerade die Jazzanklänge. Wenn er allein zuhause war, suchte er im Radio, das in der Küche stand, nach dieser Musik, die ihn in den Ferien am Mittelmeer so fasziniert hatte. Damals war ihm noch nicht mal der Name geläufig – le jazz, c’est quoi? In dieser Melange aus dem Küchenradio aber entdeckte er die Anfänge seiner späteren Musikbegeisterung. Viel später, als er endlich seinen eigenen Radioapparat besaß, war seine Lieblingssendung der täglich ausgestrahlte abendliche „Pop-Club“, präsentiert von José Arthur, auf France-Inter. Das Programm war sehr eklektisch und oft spielten die Musiker live im Studio; sie wurden interviewt, da liefen die heutigen Rock-Klassiker und da waren die ersten Popgruppen sowie manchmal Jazzbands.Oder Chansonniers von der feinen Rive gauche in Paris wie der junge Claude Nougaro.

Das Radio strömte einen ständigen Fluss an Klängen und Stimmen aus, dem Jean-Paul sich als Junge etwas wehrlos ausgesetzt sah, „denn erstmal hatte ich gar keine andere Wahl.“ Mit der Zeit machte er sich gezielt auf die Suche nach der Musik, die ihn am meisten interessierte: „das breitgefächerte Musikprogramm des ´Pop-Club´ von José Arthur brachte mich auf meine Spur.“ Eines Tages kam der erste Fernseher, aufgestellt wurde er bei den Großeltern. „Es wurde zum Ritual, dass sich jeden Samstagabend die ganze Familie dort versammelte. Nach den 20 Uhr-Nachrichten liefen die großen Wochenend-Shows, aber später - gegen halb elf oder elf - wurden Jazzkonzerte übertragen, sei es aus Antibes oder von anderen Festivals.“ Diese tollen Programme entdeckte Jean-Paul leider erst viel später. „Jedes Mal, wenn die Erkennungsmelodie lief und man die Hände eines Pianisten über die Tasten gleiten sah – ein Bild, das sich ihm für immer einprägte -, sprang mein Großvater auf, schaltete sofort ab und verkündete laut: ´Schon wieder diese Negermusik!´“

Jean-Paul lacht heute darüber, das Lachen erfasst seinen ganzen Körper, und er sagt, gerade dadurch habe er sich in seiner Neugier nach allem was Jazz betraf eher noch angestachelt gefühlt. Dass diese Musik so erbarmungslos „zensiert“ wurde machte ihm große Lust nach ihr zu fahnden. Die Obsession mit den Schallplatten regte sich als Nächstes. In dem kleinen Dorf Le Thor im Vaucluse gab es keinen Plattenladen, und erst als man ihm ein sogenanntes Electrophone geschenkt hatte, seinen ersten Plattenspieler, bekam Jean-Paul auch die ersten Schallplatten, 45er Singles waren das. „Mit meinem Taschengeld konnte ich, als ich die ersten Male nach Avignon fuhr,in einem der mehreren Plattengeschäfte, die es dort damals noch gab, meine erste Vinylplatte erstehen.“

Noch heute erinnert er sich gerne an seinen ersten Kauf, diese Platte besitze er immer noch. Es war der Mitschnitt eines der ersten Jazzkonzerte, die er besucht hatte: „Dizzy on the French Riviera“ von dem Trompeter Dizzy Gillespie. Irgendwann gab es die kleinen Transisterradios, die man überall mit hin schleppen konnte, ob an den Strand, in die Berge oder unter die Bettdecke mit der Freundin. Als er über seinen Prüfungen fürs Abitur brütete, isoliert irgendwo auf dem Land hockend, war dieses kleine Radio sein ständiger Begleiter. Von Sendungen wie „Salut, les copains“ bis zum „Pop-Club“ - in der Rückschau findet Jean-Paul, dass damals eine besondere Vielfalt an Musik im Radio präsentiert wurde, was er heute etwas vermisse.

Mit der Zeit ging er systematischer vor und fischte sich die Jazzsendungen aus dem Programm. VonAndré Francis und Henri Renaud, all den Leuten, die Jazz im nationalen französischen Radio präsentierten. Bald wurde Jean-Paul zum Plattensammler und ist es bis heute geblieben, weil er vor allem durch die Platten neue Musiker entdecken konnte. Dabei ging er so vor: Wenn er eine neue Platte von Charles Mingus kaufte, entdeckte er, dass der Pianist Jaki Byard oder das Altsaxofon von Eric Dolphy stammte und dann suchte weiter nach Platten von diesen Leuten. Ein enormes Jazzarchiv wuchs heran, von Leuten, die Jean-Paul als passionierten Sammler von Jazzplatten besonders interessierten. Anfangs hatte es nur wenige Radiosendungen mit Jazz gegeben, die er zuhause empfangen konnte, und nur seiner Neugier verdankte er es, dass er gerade durchs Radio ständig neue Künstler entdeckte. Immer empfand er den Jazz als eine sehr breit angelegte, variationsreiche Musik – im Gegensatz zu den Leuten, die sagen, sie würden keinen Jazz mögen, er klinge immer gleich.

Jean-Paul Ricard sagt, im Jazz finde er einen Reichtum und eine Vielfalt an Ausdrucksformen, die ihn bis auf den heutigen Tag fasziniere. Noch jetztstößt er auf alte Musiker, die er früher aus irgendwelchen Gründen übersehen hatte: so befasste er sich kürzlich eingehend mit dem Fall des Pianisten Jan Johansson (1931-1968), der in Schweden gelebt hat. Mit Stan Getz hatte er ihn irgendwo schon mal gehört, aber diesmal suchte er gezielt nach Platten wie „Folkvisor“, die Johansson unter eigenem Namen gemacht hatte - und entdeckte einen sehr produktiven Musiker von hohem Rang. Dass so herausragender Künstler wie Johansson – der ausserhalb Schwedens fast gänzlich unbekannt ist - irgendwann fast völlig in Vergessenheit geraten konnte findet Jean-Paul sehr bedauerlich.

Jean-Paul Ricard ist Psychologe und Gründer des Ajmi (Association pour le jazz et la musique improvisée) in Avignon. Ein Haus für Jazz, im Schatten des Päpste-Palastes, mit Konzertsaal und eigenem Plattenlabel, wo regelmäßig Konzerte, Fotoausstellungen und Workshops stattfinden. Ricard präsentiert dort monatlich Schallplattenabende für Jazzfans.

Kontakt:www.jazzalajmi.com

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