Festivals in NRW

Multiphonics Festivals |

Interview mit Annette Maye

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Verschiedene Fotografen siehe Multiphonics

Köln, 15.09.2017 | Es gibt sie noch die kleinen Festivals, die ihre ganz eigenen Wege gehen und auf denen die Besucher spannende Konzerte erleben können, auf hohem Niveau, die es so nicht alle Tage gibt. Das Multiphonics Festival (4.10.- 13.10.17) gehört dazu. Ein Festival mit großer musikalischer Bandbreite, bei dem die Klarinettenfamilie im Mittelpunkt steht.

Annette Maye, Trägerin des Künstlerinnen Preis 2016, ist die künstlerische Leiterin des Multiphonics Festival. Sie sorgt aber nicht nur für die Auswahl der MusikerInnen und ist an der Organisation beteiligt, sondern nimmt auch selbst als Klarinettistin und Komponistin aktiv am Festival teil. Trotz der vielen Aufgaben, die kurz vor dem Beginn des Festivals anstehen, hat sie sich Zeit genommen und mit NRW Jazz über die Musik des Festivals zu sprechen.

Auf dem Festival gibt es dieses Jahr die Uraufführung von zwei Großproduktionen. Eine davon trägt den Titel „Meeresrauschen“ und stammt von Dir.

Ich stamme aus Flensburg und bin an der Ostsee aufgewachsen. Obwohl ich schon viele Jahre dort weg bin, habe ich immer noch engen Kontakt zu meiner Heimat und gebe dort auch jedes Jahr Konzerte, z.B. in meiner alten Schule. Mein Musiklehrer hat mich während der Schulzeit sehr gefördert. Schon seit den 70er Jahren gab es an unserer Schule eine Bigband. Das Meer, die Landschaft, mit ihren Hügeln, Wiesen, Wäldern und Mooren hat mich stark geprägt. In meiner Komposition „Meeresrauschen“ habe ich all diese Eindrücke einfließen lassen. Es ist meine erste lange Komposition, sie besteht aus zehn Teilen, die auch alle einen Titel haben.

Obwohl ich die Stücke durchkomponiert habe, ist viel Raum für Improvisation. Die Musiker mit denen ich das Werk aufführe sind alles erfahrene Improvisateure.

Die zweite Großproduktion stammt von Niels Klein aus dem Klaeng Kollektiv.

Niels hat sich von der orchestralen Jazzmusik eines Gerry Mulligan oder des Miles Davies aus der Zeit von “Birth Of The Cool“ inspirieren lassen. Das Ziel seines Werkes LOOM ist es diesen Ansatz zeitgemäß umzusetzen. Dazu setzt er eine sechszehnköpfige Formation ein, mit fünf Holzbläsern und fünf Blechbläsern, sowie eine erweiterte Rhythmusgruppe. Teil des besonderen Ansatzes ist es, die Band akustisch wesentlich reduziert einzusetzen, sie nicht so „fett“ klingen zu lassen, wie eine konventionelle Bigband. Die Band ist hochkarätig besetzt mit vielen Kölner Musikern, z.B. den Musikern des Pablo Held Trios.

Diese regionale Verankerung ist mir für das Festival wichtig.

Neben diesen Uraufführungen sind die Konzerte von Rolf und Joachim Kühn ein weiteres Highlight.

Ganz sicher gehören die Kühn Brüder zu den Spitzenmusikern des internationalen Jazz. Und sie treten nicht so häufig zusammen auf. Wir sind sehr froh, dass wir sie gewinnen konnten.

Sie werden auf dem Eröffnungsabend am 4.10. im Stadtgarten spielen. Neben Teilen ihrer großartigen CD „Lifelines“, die sie 2012 zusammen mit John Patitucci und Brian Blade aufgenommen haben, werden sie mehrere Stücke der brandneuen CD „Spotlights“ von Rolf Kühn spielen.

Dieses Jahr hat das Festival einen Musiker in Residence – Klaus Gesing.

Klaus Gesing, der ursprünglich aus dem Raum Düsseldorf stammt, lebt heute in Triest und hat dort eine Professur.

Er ist nicht nur ein vielseitiger Musiker, sondern auch ein großartiger Pädagoge. Neben seinem Soloauftritt am 8.10. spielt er in meiner “Meeresrauschen“ Formation mit und ist langjähriges Bandmitglied im Anouar Brahem 4tet. Ein wichtiger Teil des Festivals sind unsere Workshops für Musiker*innen. Wir freuen uns, dass Klaus Gesing zwei Workshops anbietet, in denen er zum einen Körperhaltung und Blastechnik für alle Stufen und zum anderen Einsatz von Elektronik für Fortgeschrittenere unterrichtet.

Die Elektronik ist ein Nebenschwerpunkt des Festivals. Ich setze in meiner Komposition zum ersten Mal Elektronik ein, Claudio Puntin arbeitet bei seinem Konzert mit Elektronik und Videokunst und Klaus Gesing setzt bei seinem Solokonzert Loop Technik ein.

Du hast auf dem Multiphonics immer auch ein Konzert mit Neuer Musik dabei. Ich denke nur an das großartige Solokonzert 2015 von Ernesto Molinari auf der Kontrabassklarinette.

Dieses Jahr werden Petra Stump und Heinz-Peter Linshalm ein Konzert geben. Ein Duo aus zwei Klarinetten oder auch zwei Bassklarinetten. Sie spielen auf einem sehr hohen Niveau und sind äußerst innovativ. Sie haben die kurze Form für sich entdeckt und ihre “ShortCuts“ sind meist um die drei Minuten. Viele renommierte Komponist*innen der Gegenwartsmusik haben Werke für sie geschrieben. Ihr Programm ist sehr abwechslungsreich, von asiatischen bis skandinavischen Werken. Ein oder zwei längere Stücke werden sie auch spielen. Das Konzert und auch ihr Workshop sind sicher weitere Highlights.

The Art of Duo – ist ja ein wichtiger Aspekt des Festivals. Neben den Kühn Brüdern und dem Duo Stump-Linshalm gibt es noch zwei weitere spannende Duos, die man selten so hören kann.

Der große französische Klarinettist Louis Sclavis spielt mit der herausragenden Pianistin Aki Takase zusammen. Sclavis spielt sehr selten im Duoformat. Wir dürfen uns auf abenteuerliche Improvisationen freuen, die das Flair von Lyon und Yokohama zusammenbringen werden.

Claudio Puntin spielt mit Alba G. Carrol zusammen, hier kommen zwei Genres zusammen, Musik und Licht- und Farbtechnik. Ebenfalls etwas Neues und Ungewöhnliches.

Eine weitere Säule des Multiphonics Festival ist Jazz & World.

Das Quartett des Oud Spielers Anouar Brahem gehört zu dem SegmentJazz & World. Die Gruppe steht für die einfühlsame Verbindung von arabischer Musik und westlichem Jazz. Musik die Ruhe und Tiefe ausstrahlt. Das Konzert findet in der Trinitatis Kirche in Köln statt, die Athmosphäre des Ortes unterstreicht die Musik. Brahem spielt sein einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr mit dem Programm „The Astounding Eyes of Rita“ bei uns.

Die junge französische Gruppe L`Hijâz Car, die ebenfalls orientalische Elemente mit einbezieht und eine Oud einsetzt, steht für Energie pur. Eine quirlige, junge Musik mit vielen Jazzanteilen. Einige werden die Musiker von Jazz Ahead 2014 kennen. L`Hijâz Car steht für einen ganz eigenwilligen Jazz, der Genregrenzen überschreitet.

Auch die Gruppe UnbedingT, der Name ist Programm, verbindet Jazz, Swing und südeuropäische Folklore so miteinander, als hätten sie immer zusammengehört.

Grenzen werden auch bei dem belgisch-deutschen Trio FAVO aufgelöst, hier geht es nicht um Worldmusic, sondern um kammermusikalischen Jazz, der Elemente der Klassik mit einbezieht.

Vielen Dank für Deine Erläuterungen. Es erwarten uns also auf dem Multiphonics Festival wieder viele spannende Konzerte in Köln, Dortmund, Bielefeld und Düsseldorf mit herausragenden Musiker*innen.

Das vollständige Programm des Festivals:

http://www.multiphonics-festival.com/