CD-Rezension

Zwei Neuerscheinungen von Gunda Gottschalk |

Irrlichterndes Herauslehnen aus dem Fenster

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Wuppertal, 16.09.2017 | Gunda Gottschalk ist eine umtriebige Musikerin: Sie ist Mitbegründerin des Ensembles für Neue und Improvisierte Musik ‚Partita Radicale’, die Wuppertaler Szene belebt Gunda Gottschalk durch das Improvisations-Orchester WIO, für die Spielstätte ORT ist sie für die Programmgestaltung zuständig und kuratiert vor Ort die Reihe ‚Soundtrips NRW’. Seit 1994, seit der Begegnung mit Peter Kowald, ist sie Mitglied in Peter Kowalds ORT-Ensemble, musiziert mit unzähligen Vertretern der Improvisierten Musik. Darüber hinaus umspannt ihre Arbeit das Spektrum der musikalischen Begleitung von Tanz, Theater, Film, Bildender Kunst und Literatur, ihr Beitrag ist dabei wesentliches Element der Gesamtperformance. In der aktuellen Ausgabe des Magazins freiStil findet sich eine umfassende Würdigung der Wuppertaler Musikerin.

In all ihren unterschiedlichen musikalischen Einsätzen erweist sich Gunda Gottschalk als eine feste Größe in der Kunst des Improvisierens. Zwei jüngst erschienene CDs belegen dies sehr anschaulich. Jeweils in einer Duo-Formation kreiert sie kammermusikalische Spontankompositionen, aus dem Jetzt entwickelt: einmal mit Dusica Cajlan-Wissel am Klavier in dem Album Sonata Erronea, einmal mit Peter Jacquemyn am Kontrabass. Mit dem belgischen Kontrabassisten und bildenden Künstler arbeitet sie seit 1995 zusammen, ihre Duo-CD È pericoloso sporgersi wird 2001 von dem Nachwuchsforum der Gesellschaft für Neue Musik und dem Ensemble Modern ausgezeichnet. Der Titel zitiert eine Warnung und stammt aus der Zeit, als es noch Züge mit Fenstern gab, aus denen man sich herauslehnen konnte. In diesem Jahr erscheint eine im Titel erweiterte Zusammenarbeit mit Peter Jacquemyn: È pericoloso sporgersi, ma non è prohibito und verweist darauf, dass ein Herauslehnen auch nicht verboten sei.

Das Album Sonata Erronea bestreitet die Violinistin mit Dusica Cajlan-Wissel am präparierten Klavier. Die Pianistin ist wie Gunda Gottschalk klassisch ausgebildet, seit 1996 wandte sie sich der zeitgenössischen und improvisierten Musik zu.

„Irrig“ oder„falsch“, wie der CD-Titel nahelegt, ist an den zehn Tracks nun wirklich gar nichts. Seit Miles Davis’ Diktum gibt es bekanntermaßen eh keine falsche Note in der Improvisation. Irrlichternd ist das gemeinsame Erkunden von spielerischen und klanglichen Abenteuern, an denen man als Zuhörer teilhaben kann. Da gibt es Energieausbrüche von rhapsodischer Wucht (Fuga) oder ein Duo-Galopp (Spiel), Anfänge im Pianissimo mit steigernder Dynamik bis zu einer bedrohlich-dicht wirkenden Atmosphäre (Taucher). Interessant, wie das Klangspektrum von (präpariertem) Piano und Violine vom Bass zum höchsten Register des Saiteninstruments variantenreich mit immer wieder überraschenden Wendungen eingesetzt wird.

Ähnlich gestaltet sich das Zusammenspiel mit Peter Jacquemyn: In Viaggio I trifft das Pizzicato der Violine auf ein wuchtiges Bogenspiel im Walking Bass-Modus, in erratischen Läufen entwickelt sich eine temporeiche Reise, die zu dem im Titel angegebenen Assoziationsraum passt: Erkennbar kommt der Zug in Fahrt. Ein mechanisch-repetitives Maschinengeräusch erzeugt das Duo, der Kontrabass faucht und ächzt, begleitet vom durch Strich und Pizzicato begleiteten Gewimmer der Violine. Nach verhaltenem Noise-Spiel (Viaggio III) und disharmonischem Duett (Viaggio V) endet die Klangreise mit dem Zug im tiefen Dauerton des Basses, bei dem das Spiel von Gunda Gottschalk ebenfalls im unteren Register ihres Instruments verbleibt (Viaggio VII).

Gut, dass ein Herauslehnen aus dem Fenster von musikalischen Regelwerken bei improvisierter Musik nicht nur nicht verboten, sondern konstitutive Bedingung ist. Gunda Gottschalk gelingen jedenfalls durch ihre Improvisationen mit Peter Jacquemyn und Dusica Cajlan-Wissel subtile Klangskulpturen und –farben, in die man als Zuhörer immer wieder überrascht gerne eintaucht.

Gunda Gottschalk, Dusica Cajlan-Wissel: Sonata Erronea. Acheulian handaxe aha 1701

Gunda Gottschalk, Peter Jacquemyn: È pericoloso sporgersi ma non è prohibito. Elnegocitorecords eNR066

Live ist Gunda Gottschalk mit ihrem Projekt ‚Von Gräsern und Wolken’ am 20.09.2017 im Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum zu erleben (s. nrwjazz-Rezension der gleichnamigen CD).