CD-Rezension

Free Reservoir |

Simon Nabatov mit Trio-CD in Höchstform

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 11.10.2017 | Bei einer jahrzehntelang währenden Liebe zum Jazz geht einem im Meer der Neuerscheinungen mitunter die Leidenschaft beim Zuhören verloren, Routine bei der Rezeption entspricht nur allzu häufig derselben bei der Musikproduktion. Ein Hör-, das zum Erweckungserlebnis wird, ist sehr selten. Wenn gerade allseits an den 100. Geburtstag von Thelonious Monk erinnert wird, muss der Rezensent zwangläufig an seinen ersten Hörkontakt mit Monk denken, der ein solches Erweckungserlebnis bedeutete. Wenn nun der in Köln lebende Pianist Simon Nabatov in einem Facebook-Eintrag an Monk als den „baddest jazz pianist ever“ erinnert und die ironische Würdigung in eine neue CD zum Ausdruck bringt, so sei Nabatov selbst in den Fokus geriückt: als einer der Großen der Jazzpianistik. Sein aktuell erschienenes Album Free Reservoir ist dafür ein überzeugender Beleg. Aufgenommen in den New Yorker Reservoir Studios mit Max Johnson am Bass und Michael Sarin an den Drums legt das Trio in den fünf Tracks ein intensives Interplay an den Tag, dass einem der Atem verschlägt.

Der erste Track mit dem titelgebenden Free Reservoir – an das Aufnahmestudio erinnernd - beginnt im irrwitzigen Tempo mit schnellen Läufen und immer neuen Wendungen, nach ca. vier Minuten hält das Trio inne, um einem nur mit wenigen Akkorden begleiteten Bass- und folgenden Drum-Solo Raum zu geben, das im steigenden Tempo mit erratischen Klangtupfern und perlenden Kaskaden auf dem Piano wieder Dynamik aufnimmt. Der folgende Track Slow Droplets führt uns mit einigen disharmonischen Akkorden in eine rätselhafte meditative Klangwelt. Schrille Beckentöne, ein Dauerton auf dem gestrichenen Bass, das Piano im tiefen Register bereiten den Weg für rhythmisch gespielte Akkkorde und Akkordsprünge im Diskant vor – ein tieftönend grundiertes Misterioso. Der Titel Maracatu Askew deutet bereits darauf hin, dass es sich um ein im afrobrasilianischen Rhythmus gespieltes Stück handelt, das den rhythmischen Akzent in ein monkesk-funkiges Triospiel übersetzt.

Bei Tap Dance Inferno spielt Nabatov zu hektischen Bass-Läufen und entsprechender Drum-Begleitung zunächst auf gedämpften Piano-Saiten mit satten Tieftönen, was nach synkopiertem Zwischenspiel übergeht zu superschnellen Läufen, die vom Klang her an ein Spielzeugklavier erinnern und in ihrer ostinaten Form einen „infernalischen“ Trance-Tanzcharakter erzeugen. Das fast 18-minütige Short Story Long beginnt zunächst mit mysteriösen Geräuschen, mit Bass- und Klavierlauten, mit Glockenklängen, auf das ein solistisches schnelles Klavierspiel einsetzt, zu dem allmählich Bass und Drums dazukommen. Es entspinnt sich ein schnelles Zusammenspiel, bei dem Simon Nabakov virtuos „in die Vollen“ geht. Etwa zur Hälfte übernimmt ein ebensolches Bass-Solo eine gewisse Intermezzo-Funktion, bevor die drei Musiker zu einem furiosen Powerplay zusammenfinden. Die letzten drei Minuten des Tracks enden „sphärisch“ mit gestrichenen Dauertönen und zurückgenommenen Perkussionslauten und kommen so klanglich zum Ausgangspunkt zurück.

Free Reservoir ist eine Danse infernale eines hochinteressanten Klaviertrios, wie man es in dieser Perfektion und kreativen Dichte lange nicht gehört hat. Simon Nabatov erweist sich einmal mehr als ein Tastenmagier, der seine klassische Pianistenausbildung in eine klischeefreie Improvisationskunst einbringt und zu hochvirtuoser schamanistischer Wucht verhilft. Seine Extended-Techniken sind dabei kein harmloses Geplänkel mit narzistischem Selbstzweck, seine gesamte exzellente pianistische Technik steht im Dienst einer offenen Musikalität und schöpft aus einem unendlich wirkenden Reservoir an Ideen.

Simon Nabatov, Max Johnson, Michael Sarin: Free Reservoir. Leo Records LR 800