„In einer Wolke aus Träumen schweben“ |

Filippa Gojo und Sven Decker in der Kunsthalle Recklinghausen

Text & Fotos: Stefan Pieper

Recklinghausen, 01.11.2017 | Die viel besuchte zweite Ausgabe der neuen Konzertreihe „Sparda-Jazz-Lounge“ in der Recklinghäuser Kunsthalle wollte den Blickwinkel weiten und neue Möglichkeiten im Jazz demonstrieren. In dieser Hinsicht agieren die Sängerin Filippa Gojo und der Saxofonist und Klarinettist Sven Decker ähnlich konsequent, wie die Formensprache in den abstrakten Bildern von Rosemarie Koczy daherkommt, die aktuell in der Recklinghäuser Kunsthalle ausgestellt sind. Beiden Disziplinen gemeinsam ist die Freiheit im unmittelbaren Ausdruck.

Unmittelbarer, als dieses Duo kann man wohl kaum agieren. Der Anfang des Konzerts wirkt noch wie eine jazzigen Aufwärmübung: Filippa scattet sich immer höher hinauf, derweil Sven Decker sein Horn mit einem souveränen Spaziergang durch die Tonhöhen auf Betriebstemperatur bringt. Doch das ist erst der Aufbruch ins Ungeahnte. Dieses Ungeahnte kann zart, verspielt, abstrakt, freigeistig und oft alles zugleich sein. Mal intoniert die heute in Köln lebende und aus Bregenz stammende Sängerin eine liedhafte Melodie ohne Worte, über die Sven Decker abwechselnd auf Melodika und Saxofon ein „Begleitmuster“ legt. Die verspielte Sensibilität dabei berührt und entrückt. Filippa hatte unlängst eine ganze Platte allein mit ihrer Stimme gestaltet – entsprechend selbstbewusst behält sie oft die Gesamtführung in den Arrangements in der Hand, während viele kompositorische Ideen nach eigenem Bekunden vor allem von Sven Decker kommen. Melodische Linien, rhythmische Lautmalereien, Klang-Meditationen - dazwischen auch mal gesungene Worte und Silben, all dies bildet ein allumfassendes vokales Ganzes. Sven Decker klinkt sich ein, soliert leidenschaftlich und lässt es manchmal auch spielzeughaft auf einer Melodika erklingen. Wenn dann hat wieder seine Bassklarinette das Wort hat, wirkt dies überwältigend empfindsam und zugleich auch rauh geerdet. Es erstaunt immer wieder,wie aus scheinbar kleinen Figuren auf Anhieb großes musikalisches Kino entsteht, welches das Publikum in der Kunsthalle in seinen Bann zieht.

Keimzelle sind nicht selten ein paar Intervallfolgen, die aber umso dezidierter ausgewählt sind. Und Filippa Gojos gesangliches Potenzial zeigt sich nicht zuletzt dadurch, wie geschmeidig sie jedem Tritonus und Septimsprung gewachsen ist. Weitere Instrumente kommen ins Spiel. Karge, aber nuancierte Töne auf einer Art Daumenklavier bilden Fixpunkte, über die Filippa eine Art vokales Ostinato singt, während Sven Decker lange Melodiebögen atmen lässt. Schließlich breitet unter Filippas Händen eine indische Shruti-Box weittragende, schwebende Bordun-Töne aus. Vor allem: So freigeistig und phasenweise exotisch dies anmutet, so erfüllt es doch immer die Definition von Jazz. Man muss sich hineinhören, darf sich versenken. „Ich weiß nur, dass ich träume, dass der Traum mich lebt und ich in seiner Wolke schwebe“ heißt es in einem Gedicht von Rose Ausländer, das in der Kunsthalle groß an der Wand abgedruckt zu lesen ist. Das passt auf diese musikalischen Momente.

Dieses Konzert in der gutbesuchten Kunsthalle war keine Konsensversanstaltung, die einmal mehr die meisten Vorstellungen, die die meisten Menschen ohnehin vom Jazz haben, zum x-ten Mal bestätigt. Dieses Live-Erlebnis polarisiert. Einige wenig verließen nach der Pause den Saal. Wer bliebt, und sich drauf einließ wurde reich beschenkt.