Vielschichtiges gelungenes Instant Composing |

Duo Tramontana-Gratkowski in Soundtrip-Reihe

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 09.10.2017 | Wenn Musiker zusammenkommen und sich mit ihren Instrumenten etwas zu sagen haben, wenn also die kreative Chemie stimmt, erlebt man in der improvisierten Musik einen Glücksfall des Musizierens im Hier und Jetzt. Im Bochumer Kunstmuseum gelingt dies in der Reihe Soundtrips NRW häufiger, im letzten Konzert mit dem Gast-Duo Sebi Tramontana und Frank Gratkowski und Udo Moll und Martin Blume war sich das Publikum darin einig, einem Ausnahmekonzert beigewohnt zu haben. Im siebten von neun Konzerten von Aachen bis Münster mit unterschiedlichen Musikern der Stadt oder Region zeigt das Duo, dass man sich seit annähernd zwanzig Jahren bestens kennt und „blind“ versteht und sich in unterschiedlichen Konstellationen gewinnbringend einzubringen weiß.

Das 4-teilige erste Set des Duos in Bochum beginnt mit einem fließenden kraftvoll geblasenen Dialog von Sebi Tramontana an der Posaune und Frank Gratkowskis Bass-Klarinette. Bei Tramontana gilt: Nomen est omen, der aus Sizilien stammende Musiker – und Graphiker und Schauspieler – stürmt mit seiner Posaune wie der gleichnamige berüchtigte böige Nordwind aus dem Mittelmeerraum gleich los, das Duo bringt die musikalischen Moleküle zum Tanzen. Die nächste Sequenz kommt in ihrer zurückgenommenen Dynamik einem Temperatursturz gleich – auch dieser ist als Folgeerscheinung für den genannten Nordwind bekannt. Frank Gratkowski bläst auf der Querflöte leise Läufe, die gestopfte Posaune gesellt sich im Pianissimo dazu, das man dem kräftigen Blasinstrument in dieser Zurückhaltung nicht zugemutet hätte. Es entspinnt sich ein zartes Zusammenspiel, das von den Klappengeräuschen der Flöte rhythmisch grundiert wird. Die folgende Sequenz wechselt zu einem sehr dynamischen Spiel, die „sprechende“ Posaune tritt in einen trotzig-frechen Dialog mit dem Alt-Saxophon von Frank Gratkowski. Das Duo schließt mit einer zunächst ruhig beginnenden Sequenz von Klarinette und Posaune, die stille Annäherung nimmt allmählich an Fahrt auf und wird zu einem dynamischen Dialog, beide Bläser „verlängern“ ihre Instrumente durch Vocalizing-Techniken und erreichen mit kratzig-expressivem Spiel einen ersten Höhepunkt des Abends.

Im zweiten Set kommen als Mitspieler der Kölner Trompeter Udo Moll und der Haus-Perkussionist Martin Blume dazu. Letzterer eröffnet den Reigen mit leichter Besenarbeit, zu dem Frank Gratkowski in seine Klarinette ohne Mundstück bläst und singt. Es entsteht mit den beiden Blechbläsern ein dichtes Geflecht von unterschiedlichen Interaktionen, ein Konzert von in mehrfacher Hinsicht unterschiedlichen Stimmen, das Multiphonics, Atem-, Zisch- und Schmatzlaute, Shouting, Growling, Screaming, ein Ploppen und Zirpen genauso in den musikalischen Erzählfluss einbezieht wie synkopierte Rhythmen, Glissandi und Spiegelungen unterschiedlicher Tonhöhen und Dynamiken. Anders als dem bei improvisierter Musik leicht entstehenden Verdacht von Tohuwabohu oder dilettantischer Beliebigkeit zeigen die vier Musiker in ihrem Spiel ein ausgesprochen feines Gespür füreinander, für ein passendes Aufeinanderhören und –reagieren im Sinne eines instant composing von ästhetisch „ansprechenden“ musikalischen Magnetfeldern. Diese umfassen schrille Momente wie melodiöse und witzig-ironische Ansätze, wenn etwa Frank Gratkowski sein Alt-Saxophon mit einer Trinkflasche „stopft“ oder Sebi Tramontana den Text eines Cole Porter-Song gekonnt theatralisch rezitiert, als handele es sich um ein Shakespeare-Sonett.

Der Rezensent ist nicht der einzige im Raum, der sich eine Fortsetzung der vielschichtigen musikalischen Unterhaltung der Talking Four wünscht – was kann man mehr von einem Konzert verlangen.