CD-Rezension

B-A-C-H |

Dieter Ilg gelingt großartiger Jazz - inspiriert vom Thomaskantor

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 15.09.2017 | Die puristische Perspektive auf Crossover-Projekte rümpft reflexartig die Nase über die Adaption vom Klassik-Repertoire ins Jazz-Idiom – und zwar von beiden Seiten. Der Verdacht der vampiristischen und populären Anbiederung der musikalischen Kreuzung, verbunden mit dem Schielen auf Marktgängigkeit, ist nicht so weit hergeholt, erfreuen sich klassische Motive ja bis hin zum Supermarkt-Gedudel und zu Handyklingeltönen allgemeiner Beliebtheit und Verbreitung.

Seit Benny Goodman in den 1930er Jahren mit seinem Orchesterstück Bach Goes To Town den Leipziger Kantor für den Jazz entdeckte, folgten viele Musiker diesem ersten Fusion-Ansatz. Die durchgehenden Metren der Barock-Musik ließen sich dem Anschein nach besonders gut auf den Jazz übertragen. Der „Third Stream“ wurde vor allem durch die Adaptionen von Jacques Loussier ab den 1960er populär in des Wortes doppelter Bedeutung und bescherte dem Play Bach Trio einen Millionenerfolg. Es folgten unendlich viele Varianten des „verjazzten“ Bach im „Jazz Goes Klassik“-Crossover mehr oder weniger als bloße Ohrwurm-Destillate.

Langer Vorrede kurzer Sinn: Es gibt löbliche Ausnahmen. Dieter Ilg zum Beispiel. Er wird von beiden Musikwelten anerkannt: Er ist nicht nur ein großartiger Musiker und Bandleader, sondern aufgrund seiner Ausbildung am klassischen Kontrabass und vieler Projekte im Jazz und der Verbindung von Jazz und Klassik ein ausgewiesener „Brückenbauer“ zwischen beiden Musikwelten. Seine Jazz-Übersetzungen von Verdi, Wagner und Beethoven sind allesamt bejubelt und prämiert worden. Als sicher kann gelten, dass seinem neuen Album B-A-C-H eine ähnliche Anerkennung beschieden sein wird.

Sein exquisites Trio mit Rainer Böhm am Piano und dem Drummer Patrice Héral bereitet 12 Stücke aus dem Oeuvre des Thomaskantors auf, darunter „Hits“ wie Air – Ilgs Bass „singt“ die Melodie ehrfurchtsvoll-ergreifend - oder Siciliano (Sonate Nr. 2 für Flöte und Cembalo, BWV 1031) in einer Version, die sich von ihrem Ursprung zunächst ein stückweit entfernt. Einstieg und Schluss des Albums greifen Kleine Präludien aus dem Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach auf: BWV 931 und 924. In Dieter Ilgs Musiker-Biographie markieren die Präludien schließlich den ersten Kontakt zur Bach’schen Musikwelt. Vier Goldberg-Variationen bieten die Grundlage für einen unterschiedlichen Zugang: mal in einer rhythmisch zupackenden (Goldberg C), mal in einer sehr ruhig schreitenden Weise, die in den von Klavier und Kontrabass gespielten Linien eng am Bach’schen Original bleibt (Goldberg A), mal kommt das Trio erst später im Verlauf des Zusammenspiels zum Ausgangsmaterial zurück (Goldberg H). Eine fetzig-rhythmische Kraft entfaltet das Trio mit 1052, angelehnt an das Concerto Nr. I in d-Moll, BWV 1052. Präludium XII und Präludium VII stellen jeweils einen sehr ruhig-entspannten Auszug aus dem Wohltemperierten Klavier dar. Sarabande ist von der Französischen Suite Nr. 5 in h-Moll, BWV 814 inspiriert. Ilg gibt auch hier mit seinem Kontrabass mit dezenter Begleitung von Rainer Böhm und Patrice Héral die Melodie vor, es folgt ein herrliches Klaviersolo, das Trio findet gemeinsam zu den polyphonen Kompositionslinien des Referenzstücks zurück.

Diese Vorgehensweise ist typisch für das gesamte Album: Das Zusammenspiel der drei Musiker hat sich bereits bei den genannten Klassik-Interpretationen bestens bewährt und findet auch bei B-A-C-H einen hohen Grad der Vollendung eines kohärenten und relaxten Musizierens.

Es groovt und swingt und singt, alle Mitglieder des Trios improvisieren aufs Feinste und lassen die Grenze zwischen Komposition und Improvisation meisterlich verschwinden.

Die einzelnen Album-Titel werden im Booklet alle mit dem Hinweis „inspired by...“ versehen. Dies macht deutlich: Dieter Ilg und seinem Trio geht es um eine eigene Transformation von Bach, ohne den ästhetischen Kern, die kristalline Schönheit von dessen Musik zu verleugnen. Im Gegenteil. Unprätentiös, ohne technischen Schnickschnack verlassen sich die drei Musiker gekonnt allein auf ihre Spieltechnik und ihre Eingebung.

Das Bach’sche Oeuvre dient dabei mehr als Steinbruch für ihre inspirierte Musik, scheinbar mühelos übersetzen sie Bach in eindeutige Jazz-Idiomatik. Gut, das kennt man von allen großen Jazz-Titeln: Ob aus dem unerschöpflichen Reservoir des Great American Songbook, ob aus dem der Volksmusik, ob aus dem der klassischen europäischen Musik: Jazzer beziehen aus unterschiedlichsten Quellen ihre Inspiration für eigene musikalische Kreation. Dieter Ilgs B-A-C-H ist dafür ein wirklich gelungenes Beispiel.

Dieter Ilg: B-A-C-H. ACT 9844-2

Gelegenheit, einem Live-Auftritt von Dieter Ilg mit seinem Trio beizuwohnen, hat man am 29.09.2017 im Anneliese Brost Musikzentrum Ruhr in Bochum.