David Helbock Trio |

Introvertierter und rhythmisch zupackender moderner Jazz

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Dorsten, 03.06.2017 | Eigentlich hat der Mann ja recht: „Music is a mystery. Music begins where words end,“ so der Pianist David Helbock in den liner notes seiner vielbeachteten Trio-CD Into the Mystic. Es ist immer wieder die Aufgabe der Rezensenten-Zunft, dieses Statement zumindest ansatzweise etwas relativieren zu wollen. Um es gleich zu Beginn vorwegzunehmen: Die sich dem Mysterium des Live-Konzerts nicht hingeben konnten – Gelegenheit gab es dazu in NRW neben Dorsten im Alten Pfandhaus in Köln, haben in der Tat etwas, haben ein Konzert der Sonderklasse verpasst.

Der aus Österreich stammende Pianist mit der Piano-Mütze hat diese als Erkennungs- und Markenzeichen eigentlich nicht nötig, überzeugen sein Klavierspiel und seine Kompositionsfähigkeit auch so. Am Abend in Dorsten im übervollen LEO jedenfalls zieht der klassisch - und auch am Schlagzeug - ausgebildete Pianist sein Publikum in den Bann. Die musikalische Sozialisation hört man seinem Spiel deutlich an: Nicht nur, dass das Intro zu den beiden Sets jeweils aus dem adaptierten zweiten Satz aus der 7. Symphonie von Beethoven besteht – allerdings „mystisch“ und teilweise elektronisch verfremdet. Die Musik des Trios hat ebenfalls einen stark rhythmusbetonten Drive.

Der Pianist bedient Tasten und Saiten, zum Teil stark perkussiv und Akkordkaskaden hämmernd, zum Teil in flinken Läufen, zum Teil die Saiten harfenartig mit Fingern und eigener CD traktierend oder als Dämpfer eingesetzt, interessant, wie er dabei sehr behutsam Elektronik als Verlängerung der Klangmöglichkeiten des Flügels einsetzt. Sein präpariertes Klavier ist dabei frei von bloßer Effekthascherei.

Auf ein fetziges Yellow Meets Red folgt die (atmo-)sphärisch und lyrisch zurückhaltende balladeske Monk-Reverenz Spiritual Monk, die relativ einfach klingt, aber eine Menge an subtilem Material „monk-esk“ aufbereitet. Als Kontrapunkt dazu bringt das Trio den Titel AM – eine Abkürzung von „Anonymous Monkoholics“. Hier agieren die Musiker in der bizarr vertrackten Monk’schen Motivik mit umwerfendem Swing, über eine subtile Walking Bass-Linie von Raphael Preuschl an der, ja: Bass-Ukulele tobt sich David Helbock brachialpianistisch aus – unterstützt von dem stets treibenden Drummer Reinhold Schmölzer. Eros wiederum kommt als lyrische Träumerei daher. Der Pianist greift hier auch phasenweise „voll in die Tasten“, was unverkennbar den Hang zum Pathetischen trägt, ohne jedoch in Kitsch zu verfallen. Ein einfühlsames Perkussions- und ein melodiöses Bass-Spiel „harmonieren“ damit perfekt. Dies gilt übrigens auch für die Uptempo-Nummern wie Down for the Count – einer Komposition von David Helbocks Lehrer Peter Madsen - oder dem nuancenreichen Stück The Soul. Louverture aus der Feder des Bassisten swingt mit rhythmischem Impact. Überhaupt, die Bass-Ukulele durchgängig als „vollwertigen“ Bass einzusetzen, ist schon erstaunlich. Umso mehr überrascht, wie Raphael Preuschl dieses Instrument bedient und beherrscht. In puncto vollem Klang ist das bundlose Winzinstrument grandios, Preuschl setzt es virtuos und melodiös ein, die Basslinien sind durchgängig durchsetzungsstark und gemäß einem Fretless auch in den Soli herrlich „singend“. Die Frage, warum er als Kontrabassist die Ukulele einsetzt, beantwortet er wienerisch lapidar: „Lässt sich leichter transportieren.“ Zu ergänzen wäre: Lässt sich, so wie Raphael Preuschl es spielt, wirkungsvoll als Bass-Instrument einsetzen. Der Prince-Song 1999 gerät zu einer umwerfend dynamischen Adaption, die in ihrer karibischen Anmutung und in ihrer präzise gespielten Rhythmik den Saal zum Kochen bringt.

Zwei Zugaben verlangt das begeisterte Publikum: die sphärische Adaption von Star Wars und das nachdenklich-hymnische A Child Is Born mit einer wunderbaren Zwiesprache von pathetischem Piano und umspielender Bass-Ukulele.

Das David Helbock Trio erweist sich als mit großer Präzision aufeinander eingespielt, es bietet einen hochkarätig funkelnden modernen Jazz im Spannungsfeld von Introvertiertheit und rhythmisch zupackender Raffinesse. Ein tolles Live-Mysterium!