"Schwarz meint nicht düster"|

Caroll Vanwelden macht aus Shakespeare starke Musik

Text & Fotos: Stefan Pieper

Herten, 20.09.2017 | Der Tag geht und die blaue Stunde kommt. Im Hertener Glashaus ist aber nicht nur die Abendstimmung besonders intensiv erfahrbar - ebenso entfaltet sich Musik in der guten Akustik besonders frei und luftig. Das kam auch einem Gastspiel der belgischen Sängerin Caroll Vanwelden und ihrer Band bestens zu Gute. Die Sängerin, Pianistin und Komponistin aus dem belgischen Gent betreibt mit unermüdlicher Leidenschaft ein Langzeitprojekt: Sie schließt die Sprachkunst des William Shakespeare mit einer heutigen Musiksprache kurz. Was ihr vor allem auf dem aktuellen, dritten Album mit souveräner, regelrecht lässiger Leichtigkeit gelingt...

„Shakespeare ist eine unendliche Welt, genauso wie Musik eine unendliche Welt ist“, bekundete sie im Hertener Glashaus. Caroll Vanwelden hat eine große Stimme - und das passt zu Shakespeares Lyrik, ebenso die selbstbewusste Aura, mit der sie vom Flügel aus mit Band und Publikum kommuniziert. Wenn sie Shakespeares Sonette, von denen es 127 gibt und sie davon bereits 48 vertont hat, auf der Bühne durchlebt, dann saugt sie alle Worte und Silben regelrecht auf. Sie meint, was sie singt - soviel ist bei diesem Konzert hör- und spürbar! Viel akribische Arbeit und ausgefuchste arrangiertechnische Raffinesse steht hinter der musikalischen Leichtigkeit auf der Bühne. „Die Versmaße der Shakespeare-Sonette muten heute sehr eigenwillig an. Der Fachmann spricht von jambischen Pentametern, wo jede zweite Silbe einen Akzent hat und darauf müssen die musikalischen Akzente passen“ beschreibt Vanwelden die Herausforderung.

Aber von Schwierigkeit und Anstrengung ist beim Konzert im Glashaus nichts zu spüren. Alles könnte von der Belgierin selbst geschrieben sein. Die Stücke beginnen oft getragen, steigern sich von einem ruhigen Dreivierteiltakt in schwelgerisch balladeske Bögen hinein, trumpfen mächtig auf, manchmal mit latent funkigen Rhythmen. Und die Musik ist sogar zu authentisch, als dass sie so ohne weiteres in die Schublade Jazz oder Singer-Songwriter-Pop abgelegt werden könnte.

Und in jedem Moment bleibt die Einheit zwischen Worten, Gesang und Band-Arrangement gewahrt. Hier hat sich über mittlerweile drei Alben einiges getan. Die neuen Arrangements sind luftiger und schlanker geworden – und stehen damit noch besser im Dienst der großen Sache. Der neue Schlagzeuger Jens Düppe liefert frische Impulse für die Rhythmik – ausgesprochen dicht dran ist sein Spiel an den Versmaßen der Songs, bringt aber auch im richtigen Moment neue Ideen ins Spiel. Die anderen Mitstreiter beherrschen die Kunst, ihr Spiel einfühlsam an den Gesang ihrer charismatischen Frontfrau anzuschmiegen. Bassist Mini Schulz sorgt für dunkle Farben untenrum, nicht nur, wenn er gerade mal mit viel inniger Wärme herrlich melodisch soliert. Und dann sind da die seidigen, schimmernden, leuchtenden Trompeteneinsätze von Thomas Siffling – spätestens hier könnte man von einer weiteren Gesangsstimme reden.

Caroll Vanwelden machte im Hertener Glashaus auch die Inhalte der jeweiligen Sonette transparent. Erläuterte, was für Geschichten hinter diesen Texten stehen. Um Liebe und noch viel mehr geht es. Man kann den trockenen, britischen Humor dieses Verfassers spüren und der musikalische Gestus, den Caroll Vanwelden und ihre Band rüberbringen, unterstreicht genau dies. Shakespeares Frauenbild ist von Stärke und Würde gezeichnet. Nicht umsonst sagt er oft „Mistress“ zu ihnen. Überhaupt ist sein Blickwinkel ein sehr moderner. Da gibt es Statements für Toleranz, etwa für gleichgeschlechtliche Liebe. Und obwohl Shakespeare auch in sehr gegenwärtiger Diktion den Zustand der Welt beklagt, sei die Farbe Schwarz doch nie düster besetzt, bekundete die Belgierin.

Caroll Vanwelden sings Shakespeare Sonnets Vol. 3

Label: Jazz n Arts Records 2017