Jazz und Literatur

Überzeugende Synästhesie von Klang und Literatur |

Rezitation von ‚Das Gespräch der drei Gehenden’ von Peter Weiss

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 21.12.2017 | In mehrfachem Sinne knüpft die Rezitation von Peter Weiss’ Das Gespräch der drei Gehenden im Kunstmuseum Bochum an vom Hause gepflegte Kontinuitäten an: Das Kunstmuseum ist traditionell „Austragungsort“ von improvisierter Musik, die Reihen „Klangbilder“ und „Soundtrips NRW, von dem Schlagzeuger und Perkussionisten Martin Blume kuratiert, haben hier ihre Heimat und – willkommener Nebeneffekt bei dem Aufführungsort – geben die Chance für ein institutionelles Crossover mit den jeweiligen Ausstellungen des Kunstmuseums. Zu dem Maler, Filmemacher und Schriftsteller Peter Weiss gibt es eine ganz besondere Beziehung: 1980 realisierte das Museum eine vielbeachtete Retrospektiv-Ausstellung zu der Malerei von Peter Weiss, daraus folgte eine enge persönliche Bindung. Es ist deshalb bestimmt kein Zufall, dass die Stadt Bochum seit 1990 alle zwei Jahre einen nach Peter Weiss benannten Kunstpreis in den Sparten Literatur, Theater, bildende Kunst und Film vergibt, in diesem Jahr an den Autor und Regisseur Milo Rau.

Und nun folgt der diesjährigen Preisverleihung eine Performance bestehend aus einer Rezitation des Fragmentes von Peter Weiss Das Gespräch der drei Gehenden mit dem Schauspieler Fabio Menéndez und dem Perkussionisten Martin Blume. Die Interaktion von Lesung und Musik ist eine Produktion des Theater Gegendruck aus Recklinghausen.

Peter Weiss hat das Fragment als „inneren Monolog mit unterschiedlichen Stimmen“ konzipiert, Fabio Menéndez bringt in seiner Rezitation diese Stimmen mit vollem Körpereinsatz zum Leben. Anders als bei so mancher „Dichter“-Lesung, die eher vom Namen des betreffenden Schriftstellers als von einer professionell-akzentuierten Rezitation lebt, gelingt es dem am Mühlheimer Theater an der Ruhr engagierten Schauspieler, den vertrackten Weiss-Text mit seinen ineinanderfließenden und immer wieder zurückgenommenen, zweifelnden Wahrnehmungen und widersprüchlichen Eindrücken eines Ich-Erzählers nahezu szenisch zu deuten. Auswahl und dramaturgische Anordnung der Textausschnitte – von Johannes Thorbecke verantwortet – bilden eine passende Grundlage für die Performance.

Die Wiederholungen und textlichen Nuancen finden sich im Spiel Martin Blumes wieder, geschickt setzt die variantenreich eingesetzte Perkussion lautliche und rhythmische Akzente, die die Effekte der Weiss’schen Sprache und des Sprechens, nein: der szenischen Umsetzung von Fabio Menéndez verstärken und einen eigenen ästhetischen Reiz der gesamten Aufführung generieren. Ähnlich wie bei einer musikalischen Performance interagieren beide Künstler und setzen Mittel wie Dynamisierung von Lautstärke und Tempo, Klimax, aber auch Stille ein. Die narrativen Suchbewegungen des Textes mit seinen von Film und Malerei geprägten Elementen spiegeln sich auf der musikalischen, lautlichen und aktionalen Ebene. Martin Blume und Fabio Menéndez gelingt eine spannende synästhetische Verbindung, eine Übersetzung des literarischen Textes in eine andere eigenständige Ausdrucksform. Man wünscht sich mehr von dieser gelungenen Form der Vermittlung von Klang und Literatur.