CD-Rezension

Brothers |

Öde an die Freude

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 04.09.2017 | Der 31-jährige Pole Adam Baldych galt als Wunderkind auf der Violine, als Jazzgeiger ist er ein mehrfach ausgezeichneter Senkrechtstarter, dem ACT jetzt nach dem vielbeachtetem Album Bridges das vierte mit dem Titel Brothers möglich macht. Die Besetzung ist dieselbe wie bei der Vorgänger-CD mit dem norwegischen Helge Lien-Trio (Helge Lien, p; Frode Berg, Bass; Per Oddvar Johansen, dr), als Gast kommt bei einigen Stücken Tore Brunborg am Saxophon dazu.

Der Titel deutet es schon an: Das Album ist Adam Baldychs verstorbenem Bruder Grzegorz gewidmet, die einzelnen Track-Bezeichnungen wie Elegy, Faith, Love verweisen darauf, dass die Musik ein mit Brüderlichkeit assoziiertes Pathos anstrebt. Und so hört sich das dann auch in weiten Teilen an.

Umrahmt werden die Titel von Prelude und Coda, einem stimmungsvollen Klagelied, ersteres mit brüchig klingender Violine und nur mit Klavierbegleitung gespielt, in Coda werden Melodie und der melancholische Modus wieder aufgegriffen und enden im Diskant von Violine und Piano. Mit Trommelwirbel beginnt die wuchtige Rockballade Elegy und wird entsprechend ausgeführt – nomen est omen. Faith erweist sich als ruhiger Titel im ziemlich weichgespülten Schwebezustand. Eine berührende „Liebeserklärung“ gelingt Adam Baldych in Love mit einem perfekten Pizzicato-Spiel im Unisono mit Helge Liens Piano. One und Shadows geben sich melodieselig, Bass und Saxophon verstärken diesen Effekt.

Und, kaum zu glauben: Eine von zig-tausend Cover-Versionen von Leonard Cohens Halleluljah darf bei einer ansonsten ausschließlich von Adam Baldych komponierten und Liebe, Schönheit und Brüderlichkeit verpflichteten Musik nicht fehlen, Halleluljah!

So unstrittig die Virtuosität des Geigers, sein technisches Vermögen, seine differenzierte Klangarbeit und ebenso die Kongenialität seiner Mitspieler sind, so sehr überrascht der stilistische Zuckerguss-Ansatz des Album-Konzeptes.

Brothers ist in weiten Teilen - mit Verlaub – öde an die Freude, gefällige Gutbürger-Musik, Kaminfeuer-kompatibel – und wird deswegen einem bestimmten Jazzgeschmack voll und ganz gerecht.

Adam Baldych & Helge Lien Trio: Brothers. ACT 9817-2