Festivals in NRW

Achtbrücken Festival 2017 |

Musik und Sprache im Dialog

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Köln, 14.05.2017 | Musikalische Vielfalt ist Programm beim Achtbrücken Festival in Köln. Aktuelle Gegenwartsmusik in ihren unterschiedlichen Schattierungen. Das Programm reichte von Neuer Musik, über Jazz und Worldmusic, zu Spoken Word Rap bis zur Postpunk Musik der Band Einstürzende Neubauten. Über 65 Stunden Musik in zehn Tagen auf 50 Veranstaltungen.

Die aus Korea stammende und in Berlin lebendeKomponistin Unsuk Chin (1961) stand dieses Jahr im Fokus des Festivals. Unsuk Chin hat nach ihrem Studium in Korea bei Ligeti in Berlin studiert. Das Werk der Komponistin, das durch Vielfalt und Unterschiedlichkeit gekennzeichnet ist, wurde in vielen Konzerten dargeboten. Traditionell gab es einen ganzen Tag bei freiem Eintritt. Dieses Angebot wurde sehr gut angenommen, so dass die Veranstaltungen in der Philharmonie und im WDR Sendesaal bis auf den letzten Platz besetzt waren und zeitiges Erscheinen wichtig war.

Unter dem Titel: Ton. Satz. Laut. stand die Beziehung von Sprache und Musik in all ihren Facetten im Mittelpunkt. Die Beziehung von Sprache zu Musik wurde auf sehr unterschiedliche Weise von den KomponistInnen und MusikerInnen hergestellt.

In Kompostion Snatches of a conversation (2001) des ungarischen Komponisten Peter Eötvös (1944) wird das Publikum mit der Musik in ein Cafè geführt, wo es einer ironische Unterhaltung beiwohnt. Der Kellner, der zwischen den Tischen umherschwirrt, ist die Doppeltrichtertrompete, die Marco Blaauw spielt. Das Ensemble Musikfabrik spielt dazu Musik, die von Jazz und Scat-Gesang beeinflusst ist. Im selben Konzert spielt Marco Blaauw auch das Solokonzert für Doppeltrichtertrompete Glassomanie des französischen Komponisten Julien Jamet (1979). Diese Uraufführung ist eine Auftragsarbeit für das Festival. Glassomanie ist eine Sprachstörung mit spielerischen Wortbildungen ohne jegliche Syntax. Jamet übertrug in seiner Arbeit diese Lautbildung ohne semantische Bezüge auf die Trompete, oft mit reinen Luftgeräuschen, einer Mixtur von Luft- und Klanggeräuschen und mit anspruchsvollen Ansatzpositionen am Mundstück. Im Programm heißt es: „Die Trompete als sprachobsessiver Steppke.“

Der amerikanische Gitarrist Scott Fields stellt in seiner Musik den Bezug zur Sprache über die Literatur von Samuel Beckett her. (Siehe Konzertrezension: http://nrwjazz.net/jazzreports/2017/Scott_Fields_Beckett_Suit_Acht_Bruecken/ )

Auch die in Berlin lebende britische Komponisten Rebecca Saunders (1967) hat sich in ihrem Werk Bite (2016) von Beckett inspirieren lassen. Saunders hat drei Passagen aus Becketts Textes pour rien (Texte um nichts) ausgewählt und dort Schlüsselworte oder Tonfälle herausgenommen und diese in Musik für Soloflöte umgesetzt. Die Flötistin muss dabei auch vokal tätig sein. Die amerikanische Flötistin und Musikpädagogin, Helen Bledsoe, Mitglied im Kölner Ensemble Musikfabrik setzte diese Komposition großartig um.

Die experimentelle Literatur Julio Cortazars, die Musikphilosophie von John Cage, aber auch ein Brief des englischen Naturforschers Charles Darwin inspirierte die niederländische David Kweksilber Bigband. Sie setzte diese Anregungen mittels Jazz und zeitgenössischer Musik und dem Gesang von Claron McFadden um.

Helmut Lachenmann, der Begründer der Musique concrète instrumentale, nahm einen Text von Leonardo da Vinci als Grundlage für seine Komposition Zwei Gefühle und zerlegt ihn in bruchstückhafte Sprachfetzen. Er trat dabei selbst als Sprecher auf.

Das traditionelle koreanische Straßentheater bildet den Ausgangspunkt der Komposition Gougalon von Unsuk Chin. Das Straßentheater setzt Sprache in Gestik und Mimik um, die dann von Unsuk Chin in Musik umgesetzt wird. Auch in der Komposition Cosmigimnicks geht sie den Weg von der Körperbewegung zur Musik, hier ist die Pantomime von Marcel Marceau die Inspirationsquelle.

Die Bassistin und Komponistin Hendrika Entzian geht mit ihrem Jazz Quartett den klassischen Weg und lässt die Musik direkt sprechen, mit melodischen Stücken, die auch ohne Stimme, einen gesanglichen Charakter haben. Am Tenorsaxophon spielte Matthew Halpin, am Piano Simon Seidl und am Schlagzeug Fabian Arends.

Die ukrainische Jazzsängerin Tamara Lukasheva, die an zwei Abenden mit zwei unterschiedlichen Besetzungen auftrat, benutzte die traditionelle Liedform, mit eigenwilliger Phrasierung und setzte ihre Stimme auch als Instrument ein. Sie trat im Duo Lit mit Dominik Mahnig und mit der New Balance Band in größerer Besetzung auf. Zusammen mit der Sängerin Thea Soti, Reza Askari am Bass und Dierk Peters am Vibraphon. Die New Balance Band stellte eine Balance aus Komposition und Improvisation, aus Stimme und Musik, aus Neuer Musik und Jazz her.

Auch der englische Komponist Harrison Birtwistle benutzte die traditionelle Liedform in seinen Kompositionen, wie dem Song about myself (2006). Er schlägt dabei eine Brücke vom Renaissance Komponisten John Dowland in die Gegenwart.

Trommelsprachen war eine Großproduktion des Acht Brücken Festivals. Trommelsprache kann zum einen das Nachahmen von Trommelrhythmen mit der Stimme bedeuten, wie wir es aus der südindischen Percussion kennen, zum anderen haben viele Trommelkulturen mit ihren besonderen Rhythmen und Takten fast den Charakter von Sprache angenommen.Vier herausragende Percussion-Musiker aus Tel Aviv, Chennai (Madras), Istanbul und Köln (Christian Thomè) brachten ihre Trommelsprachen in eine teils komponierte, teils improvisierte Suite von acht Charakterstücken ein. Dabei traten die Trommler in Interaktion mit Gesang, Instrumentalmusik und elektronischen Klängen und evozierten die Bewegungen der Tänzer auf der Bühne. Der in Köln lebende Bassist und Komponist Sebastian Gramss schrieb die Arrangements dazu und der amerikanische Komponist Michael Ellison schuf mit auskomponierten Übergängen einen Rahmen für das Werk.

Der charismatische Poet, Spokenword Rapper und Schauspieler Saul Williams sprach und rappte seine Texte und wurde dabei vom New Yorker Mivos Quartet begleitet.

Das Abschlusskonzert in der Philharmonie war ein Abend mit Werken von Unsuk Chin, der noch einmal die Originalität und Vielfalt ihrer Kompositionen zu Gehör brachte.

Beschlossen wurde das Achtbrücken 2017 im Festivalzelt mit verjazzten Coverversionen von Popsongs präsentiert von der Jazzband Uschi Galore um die schwedische Jazzsängerin Anna Luca, mit Oscar Kliewe Trompete, Alexej Malakhau Saxophon, Roman Babik Piano, Jacek Moczulski Bass und Marcel Kolvenbach Schalgzeug und Arrangement.

Auch 2017 ist es dem Achtbrücken Festival gelungen auf vielfältige Weise aktuelle zeitgenössische Musik zu präsentieren. Das Verhältnis von Sprache und Musik, Ton, Satz, Laut, wurden auf unterschiedlichste Art und Weise ausgelotet. Besonders erfreulich ist, dass der Jazz dabei wieder einen festen Platz hatte.

Programm Achtbrücken Festival 2017:

http://www.achtbruecken.de/de/programm#date=28042017