CD-Besprechung

Accordion Affairs |

Elle

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 24.03.2017 | Unter den Instrumenten des Jazz firmiert das Akkordeon sicherlich nicht an dominanter Stelle – trotz Richard Galliano oder etwa dem Vertreter der jüngeren Generation von virtuosen Jazzmusikern auf dem Instrument, Vincent Peirani. Im deutschsprachigen Raum hat das Handzuginstrument eher weniger Tradition als etwa im französischen oder italienischen. Umso mehr muss die Neuerscheinung Elle des Trios Accordion Affairs überraschen, die mit einer stilistischen Vielfalt jenseits des Musette- oder Bandoneons-Klischees aufwartet. Dem Trio um den Akkordeonisten und Pianisten Jörg Siebenhaar, Konstantin Wienstroer am Kontrabass und dem Drummer Peter Baumgärtner gelingt mit Elle eine spannende Musik, ein einfühlsamer und lebendiger Dialog von drei Musikern.

Drei Musiker? Beim beschwingten Opener Vas-Y mit eingängiger Melodie und Latin-Rhythmus hört man noch einen vierten, wie auf allen anderen Stücken: einen Pianisten. Das Rätsel löst sich, wenn man weiß, dass Jörg Siebenhaar auch den Flügel bedient, ja, in der Regel synchron mit dem Akkordeon. Wie dies mit Ausnahme weniger Overdubs in einem nahezu akrobatischen Akt von rechter Hand an der Diskantseite des Akkordeons und der Linken am Flügel gelingt bei gleichzeitiger beidhändiger Balgführung des Akkordeons, ist schon rein körperlich eine Herausforderung - von der musikalischen ganz zu schweigen. Für den Orgelspieler Siebenhaar ist dieses instrumentelle Multitasking nicht nur kein Problem, sondern die CD sprüht geradezu von multistilistischen und solistischen Einfällen, die dem raffinierten Einsatz aller Instrumente geschuldet sind. Nada entführt den Zuhörer mit einer Tango-Melancholie in die Klangwelt Argentiniens. Ein Stilelement von Accordian Affairs wird hier exemplarisch für die gesamte CD deutlich: mit Melodie, Begleitstimme und Soli wechselt der jeweilige Instrumenteneinsatz. Konstantin Wienstroer erweist sich als großer Melodiker, wenn sein Kontrabass über die rhythmische Begleitung hinaus zu wunderschön summend-singenden Linien ansetzt, meist nur von wenigen Klavierakkorden und einem wohltuend zurückhaltenden Schlagzeug begleitet - ein Solospiel, das wiederum anschließend dem virtuosen Akkordeon Raum lässt. Das Titel-Stück Elle beginnt mit einem an ein Piano-Trio gemahnendes Klavier-Intro mit folgendem Akkordeon-Spiel, es folgen ein Bass-Pizzicato-Solo und anschließend ein dem Cool verpflichtetes Piano-Solo, das in der wohlgestimmten Ballade zum Akkordeon zurückfindet. Der Miles-Davis-Walzer Teo wird in eine beschwingte Shuffle-Version gekleidet. Die Komposition mit dem Kurztitel C von Peter Baumgärtner lässt das Melodie-Riff vom gezupften Bass vorsingen, Klavier und Akkordeon und auch Kontrabass bekommen Gelegenheit zu einem virtuosen Solo. Das Traditional Koca Kavak arrangiert Jörg Siebenhaar im weltmusikalischen Gestus zu einem Lied, das sich aus einem dissonanten Schwebezustand über ein Unisono von Akkordeon und Arcobass mit der osteuropäisch-orientalischen Melodie zu einem subtilen Dialog von Akkordeon, Klavier, Bass und Drums entwickelt. Ähnlich das Stück Don Quixote aus der Feder des Bassisten Charles Fambrough mit herrlichen Soli. Das Knappengebet – ein „Klassiker“ aus dem Repertoire der Bergarbeiterchöre - wird zunächst kinderliedartig im Ein-Finger-System auf dem Piano eingeführt, um in eine anrührende komplexe Instrumentalversion des Trios übersetzt zu werden. Ähnlich liedhaft die Komposition Crusade von Jörg Siebenhaar, bei der der Kirchenorgelklang des Akkordeons dominiert, bis das Schlagzeug zu einer variierenden Durchführung mit allen Instrumenten und einem wunderbaren Solo auf dem gestrichenen Bass einleitet, das zu einem temperamentvollen Tutti übergeht.

Der New-Musette-Walzer Laurita versteht sich als Reverenz des Trios gegenüber seinem Komponisten, Richard Galliano, und kann in der flüssig-spielerischen Version durchaus als dem französischen Meister des Akkordeon-Spiels ebenbürtig angesehen werden. Mit Richie Beirachs wehmütigem Leaving schließt sich ein weit gespannter stilistischer Reigen des wunderbar eingespielten Trios, das eigentlich ein Quartett ist.

Accordion Affairs: Elle. JazSick Records 5108-JS