Festivals in NRW

Acht Brücken Festival |

Von Steve Reich über C. Messners Re!quiem zu John Adams

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Acht Brücken Festival

Köln, 14.05.2016 | Am Dienstag den 10.5. ist das Acht Brücken Festival in Köln mit der Aufführung von Leonard Bersteins “Mass“ zu Ende gegangen. Elf Tage gefüllt mit 57 Konzerten von Neuer Musik bis Jazz. Viele der Konzerte waren ausverkauft. Hier einige Schlaglichter aus dem Programm:

Steve Reich - Six Pianos (1973)

Das Publikum der Kölner Philharmonie erinnert am 3.5. an die BesucherInnen eines Indie Konzertes im Kölner Luxor oder im Düsseldorfer Salon des Amateurs. Baseball Kappen, Lederjacken,T-shirts und enge Jeans beherrschen das Bild. Es sind sechs Pianisten, die durch ihren Auftritt in der Philharmonie geadelt werden und die es schaffen junges Publikum in das Konzert zu holen. Auf dem Programm steht “Six Pianos“ von Steve Reich, dem Pionier der Minimal Music. Reich konzipierte dieses Werk 1973 ursprünglich für sämtliche Pianos in einem Klavier Geschäft, entschied sich dann aber für eine abgespeckte und spielbare Version für sechs Pianos. Eingeleitet wird das Werk von Solo Werken, der sechs Pianisten. Den Einstieg macht der Kanadier John Kameel Farah mit seinem Stück “Introitus“, das sich auf den Beginn des christlichen Gottesdienstes bezieht. Farah verbindet in seinem Werk Barockmusik mit moderne Improvisation. Dann übernimmt der Kölner Pianist Gregor Schwellenbach mit seinem Stück “Closer Music`s Maria“ in das Erol Sarp sich einklingt. Das Duo erweitert sich dann zum Trio mit Daniel Brandt. In der Musik sind die repetativen Elemente bereits vorweggenommen, die dann das Werk von Steve Reich bestimmen.

Daniel Brand spielt danach mit seinem Weggefährten Paul Frick und Hauschka das Stück “Ocean Drive“, eine Brandt Bauer Frick-Komposition. Hauschka spielt nun ein Solostück auf seinem präparierten Flügel. Der Kreis schließt sich wieder mit Farah, der ein Renaissance Werk von William Byrd bearbeitet hat und es mit temperamentvollem Spiel in die Gegenwart transferiert. Das Gewebe von Miteinander und Nebeneinander, der sechs Pianisten bildet ein äußerst gelungenes Konzert, in dem immer wieder zu hören war welchen enormen Einfluss Minimal Music auf die moderne Musik, von Trance bis Techno, hat.

Re!quiem – für alle jene, die dem religiösen Wahn zum Opfer fielen

Der 4. Mai gehört On - Neue Musik Köln @ Acht Brücken Die Veranstaltungen finden im alternativen Jack In The Box auf dem alten Bahngelände in Ehrenfeld statt. Hier ist gibt es Neue Musik und Experiment, aber auch indisch inspirierten Jazz.

Der Schlagzeuger, Soundartist und Komponist Jens Düppe hat ein bizarres Motiv der katholischen Volksfrömmigkeit ausgegraben und in eine Performance umgesetzt.

Die heilige Wilgefortis (heilige Kümmernis), eine bärtige Jungfrau aus dem 14. Jh., die den Kreuzestod stirbt. Um der Zwangsverheiratung zu entgehen betet sie zu Gott, er solle sie entstellen. Ihr Gebet wird gehört und ihr wächst ein kräftiger Bart. Zur Strafe lässt ihr heidnischer Vater sie kreuzigen. Jens Düppe setzt das Thema mit Tanz, Musik und Rezitation in Szene und zeigt wieder, dass er einer der innovativsten Musiker der Jazzszene ist.

Den Mittelpunkt des Abends bildet die Auftragskomposition der Komponistin Christina C. Messner „Re!quiem – für alle jene, die dem religiösen Wahn zum Opfer fielen“. Unter der Leitung der Dirigentin Susanne Blumenthal führen drei Chöre, unter ihnen der Kölner Kinder Uni Chor, das komplexe Werk auf. Mit dabei sind: die SängerInnen: Irene Kurka, Daniel Gloger, Alexander Schmitt und Fabian Hemmelmann, sowie die MusikerInnen Daniel Agi (Flöte), Heather Roche (Klarinette), Dorrit Bauerecker (Akkordeon) und Dirk Rothbrust (Schlagzeug). Unterschiedliche Religionen kommen im Re!quiem zu Wort, z.B. werden Suren aus dem Koran von einem moslemischen Prediger gesprochen und gesungen. Das Werk ist ein Nachruf auf alle Opfer von religiösem Fanatismus und ein Aufruf zur Toleranz. Der Wechsel der Chöre, ihre Bewegung im Raum, die hellen Kinderstimmen, die rezitativen Gesänge der Solisten begleitet von den Instrumenten bilden ein vielschichtiges musikalisches Gewebe.

Diesem Werk seien auch nach dem Acht Brücken Festival weitere Aufführungen gewünscht.

Beendet wird der Abend mit der deutsch-indischen Jazzformation Eastern Flowers und ihrem Konzert Cows in the Temple. Südindische Tempelmusik und moderner Jazz werden hier einer miteinander verbunden, fernab von gängigen Fusion Klischees. Eastern Flowers, das sind: Jarry Singla am Piano und Harmonium, der Perkussionist Ramesh Shotham an Ghatam, Kanjira, Tavil und Cajatom und Christian Ramond am Bass.

Arvo Pärt/Galina Ustwolskaja

Am 5. Mai ist das Staatliche Symphonieorchester Estland unter Leitung von Bas Wiegers in der Philharmonie zu Gast. Auf dem Programm stehen der estnische Komponist Arvo Pärt mit „Lamentate“ (2002) für Klavier und Orchester und zwei frühe Werke von Galina Ustwolskaja, Sinfonisches Poem Nr. 1 und 2 (1958/59).

Arvo Pärts Werk ist von der Monumalplastik “Marsayas“ des britisch-indischen Künstlers Anish Kapoor inspiriert und geht auf einen altslavischen Kirschentext zurück. Das Werk ist ein Klavierkonzert und ist rein instrumental, die Musiker aber haben in ihren Partituren den Text stehen und können ihn so mit ihrer Musik ausdrücken. Olga Scheps spielt das Klavier, dass in das Orchester eingewoben ist. Auch wenn die ZuhörerInnen den Text nicht hören, so vermittelt die Musik Arvo Pärts tiefe Gefühle, von stiller Trauer bis zu fassungsloser Bestürzung, die vom Orchester und vor allem der Pianistin meisterhaft umgesetzt werden.

Nach der Pause werden zwei Werke von Galina Ustwolskaja gespielt. Ganz im Stil des sowjetischen staatlichen Pathos, Zuckerbäcker Stil in der Musik. Während die Komponistin ihre anderen Kompositionen aus ihrer „sowjetischen Phase“ vernichtet hat, haben diese beiden Werke überlebt. Sie sind sicher historische Dokumente, aber diesen Sowjet Pomp hätte man gut und gerne dem Festival vorenthalten können.

John Adams – Gospel According to the Other Mary

Der amerikanische Komponist John Adams (*1947) hat ein Passionsoratorium geschrieben, in dem Maria Magdalena, die in der christlichen Tradition einen zwielichtigen Ruf hat, im Mittelpunkt steht. Peter Sellars, der das Libretto für das Evangelium der anderen Maria geschrieben hat, benutzt Stellen des alten und neuen Testamentes. Als zweiten Strang werden aktuelle Textcollagen der Sozialistin und Frauenrechtlerin Dorothy Day, der afro-amerikanischen Schriftstellerin June Jordan und Texte von Frauen aus Mexiko und Nicaragua verwendet. So stehen neben den Rezitationen der biblischen Texte über das Leiden Jesu, aktuelle Themen wie Streik, Gefängnis und Unterdrückung der Frau.

Die Musik des zweistündigen Oratoriums ist ungemein vielfältig, von weichen Melodien über fröhlichen Passagen bis zu aufbrausenden Klängen spannt Adams den weiten Bogen seiner Neoromantischen Musik. Immer wieder überrascht der Komponist mit neuen musikalischen Ideen und erweitert an vielen Stellen den Klangraum der Instrumente in zeitgenössischer Weise. Ein episches Werk mit vielen Schattierungen und feinen Klängen. Das Netherland Radio Philharmonic Orchestra und der Netherlands Radio Choir und die Solisten haben dieses Werk in all seinen Feinheiten großartig gespielt und gesungen.

Diese kurzen Schlaglichter zeigen nocheinmal die ganze Bandbreite des Acht Brücken Festivals. Ein erfolgreiches Festival, dem es gelungen ist zeitgenössische Musik so auszuwählen und zu präsentieren, dass die unterschiedlichsten Publikumsgruppen sich angesprochen fühlten. Musik für Köln.