CD Besprechung

Muche/Hein – 7000 Eichen |

Transferration

Text: Uwe Bräutigam

Düsseldorf, 30.11.2016 | Der Posaunist Matthias Muche und der Gitarrist Nicola Hein sind zwei Musiker und Klangkünstler, die sich in Anlehnung an die Kunstaktion von Josef Beuys sich 7000 Eichen nennen. Sie agieren in den Grenzgebieten von Jazz, Neuer Musik, Improvisierter Musik, Noise und No Wave. Mit ihrem Album “Transferration“ loten sie diese Bereiche aus. Mit erweiterten Spieltechniken verschieben sie Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten auf ihren Instrumenten.

Besonders im Spiel von Nicola Hein sind die erweiterten Techniken so verfremdend, dass es eines geschulten Ohres und hoher Konzentration bedarf zu erkennen, dass eine Gitarre eingesetzt wird.

Auf dem Album sind fünf Stücke, die zwischen sechs und fünfzehn Minuten dauern.

Die CD beginnt mit dem ironischen Titel Stahlwille. Ein Titel, aber ohne Ironie, der gut zur Band Rammstein passen könnte. Das Stück eröffnet mit saugenden, rauschenden Klängen aus der Posaune, im Hintergrund knirschende, reibende Klänge, eher Stahlwolle denn Stahlwille. Der Sound erinnert an Gefechtslärm, Stahlgewitter? Nach zwei Minuten beginnt Matthias Muche mit Posaunenphrasen, die im deutlichen Gegensatz zum noisigen Hintergrund stehen. Spielt die Posaune in Aleppo oder einer Fabrikhalle in einem Stahlwerk. Schneller wilder Hardcore.

Das zweite Stück, mit dem Titel Zwitschern, beginnt mit einem lange gehaltenen Ton, dazu eine oszillierende verzerrte Gitarre (nun erkennbar), Metalsound. Darüber spielt Muche mit der Posaune erzählend, wie eine menschliche Stimme, die Unruhe? Not? Hilfsbedürftigkeit? ausdrückt.

Im Stück Dick Vermummt hört man zu Beginn Getrappel, tiefes Blech, Anklänge an Kuhglocken. Almauftrieb der Kühe? Urbaner Alpensound? Dann wird der Klang dichter, die Posaune spielt längere Phrasen, begleitet von Schlägen, Klappern, Knattern – Nicola Hein holt die Musik aus den Alpen zurück ins Industriegebiet.

Die beiden Stücke Künstlerhaus I und II sind live Mitschnitte aus dem Künstlerhaus Saarbrücken.

Künstlerhaus I beginnt mit kurzen tastenden Tönen, die sich langsam verdichten. Matthias Muche spielt hier längere Improvisationsketten. Nicola Hein wird mit seinem Noise schneller und drängender, zusammen mit der Posaune entsteht eine Unruhe, eine Bewegung auf etwas zu, dann wird es ruhiger und filigraner.

Auch beim Stück Künstlerhaus II entstehen aus den Klangkollagen Bilder. Lang gehaltene Töne, Posaunenklänge wie Schiffhörner und Sirenen im Nebel. Aus dem Nebel schälen sich abrupt Figuren und verschwinden wieder. Lange Posaunenimprovisationen mit perkussiven hektischen Gitarrenklängen. Luftzug, Saugen. Nach zehn Minuten hört es sich an, als würde ein Schlagzeug eingesetzt, dann verfremdete Gitarrenklänge und ein intensives Posaunensolo.

Noise, Fabrikhalle, drängende schnelle Posaunenläufe, die in einem langen Ton übergehen und ausklingen.

Frei improvisierte Klanginstallationen, Soundkollagen, noisiges Ambiente. Spannend, unvorhersehbar, immer neue Assoziationen, nie langweilig, immer verstörend und herausfordernd. Der Soundtrack des Industriereviers. Blixa Bargeld hat sicher seine Freude an der CD.

Muche/Hein 7000 Eichen – Transferration

Label: Jazzwerkstatt 174

www.matthiasmuche.com

www.nicolahein.com

wwwjazzwerkstatt.eu