​Bewusstsein schärfen, Kräfte bündeln, Image fördern! |

Was braucht die Jazzszene von NRW?

Text: Stefan Pieper und Bernd Zimmermann

Gelsenkirchen, 28.04.2016 | Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen ist auch in Sachen Jazz kein bisschen leise: Geschätzte 1000 Musikerinnen und Musiker spielen regelmäßig auf circa 200 Livebühnen. Etwa 3500 Jazzkonzerte locken übers Jahr eine halbe Million Besucher an. Über 30 Festivals tragen ebenso zum Imagefaktor der Region bei. Jazz ist prägend für die Kultur und Lebenselixier für eine funktionierende Kreativwirtschaft. Aus diesem Grund hat das Ministerium für Wirtschaft, Energie, Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen den nrwjazz e.V. bei seiner Studie über die Situation der Jazzszene in NRW unterstützt. Diese wurde am 22. April 2016 auf der Fachmesse jazzahead offiziell veröffentlicht.

Kulturfördergesetz

Der nrwjazz e.V. dankt dem Landtags-Vizepräsidenten Oliver Keymes, der zum Fürsprecher des Projekts wurde. Oliver Keymes gehört zu den maßgeblichen Initiatoren eines – bislang bundesweit einzigartigen - Kulturfördergesetzes für das Land Nordrhein-Westfalen. Hier geht es um die Stärkung kulturellen Engagements „als zweckdienliche Grundlage für wirtschaftliche Entwicklungen“. Jetzt wollen die hier formulierten Handlungsempfehlungen mit Inhalt gefüllt sein! Die Studie des nrwjazz e.V. will hierfür einen Baustein liefern.

Jazz steht für Integration, Flexibilität und Improvisation - nd ist dadurch mehr denn je Vorbild für gesellschaftliches und auch wirtschaftliches Handeln. Nicht umsonst werden Jazzmusiker heutzutage sogar zu Management-Seminaren eingeladen. Die Jazzszene in NRW ist eine Ressource mit Gewicht, aber sie könnte durch noch mehr Vernetzung, viel mehr eigenes Engagement und vielfach verbesserte Rahmenbedingungen deutlich erfolgreicher dastehen! So könnte man das Fazit der Studie auf den Punkt bringen, die eine Initialzündung für umfassende Verbesserungen, aber auch tieferes kritisches Hinterfragen bestehender Zustände sein will.

Es geht ums Ganze

Zeitgleich zur Studie des nrwjazz e.V. hat die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Jazzmusiker in Deutschland erforscht. Die am 22. April in Bremen veröffentlichte Studie des nrwjazz e.V. erforscht über eine einzelne Personengruppe hinaus den Gesamtzusammenhang. In drei empirischen Erhebungen und vielen qualifizierten Interviews ging es um Verwertungskreisläufe zwischen Anbietern (Musiker), Konsumenten (Publikum) und vor allem der entscheidenden Schnittstelle „dazwischen“, den Veranstaltern.

128 Musikerinnen und Musiker, 28 Veranstalter und 303 Jazzbegeisterte aus dem Publikum in NRW haben sich an den Umfragen beteiligt. Die Analyse der Ergebnisse belegt deren Repräsentativität - setzt sich der Kreis der Antwortenden doch proportional aus den verschiedenen Regionen von NRW zusammen. Ähnliches trifft auf den unterschiedlichen Grad an künstlerischer Erfahrung, Ausbildungsstand und Professionalisierung zu. Die sehr umfangreichen Fragebögen thematisierten viele Aspekte wie künstlerische Tätigkeit, Kompetenzen zur Selbstvermarktung, herrschende Rahmenbedingungen, Erfahrung mit Medien und Publikum, Prioritäten bei der Liveperformance oder generelle Einschätzungen zur Präsenz des Jazz in der Öffentlichkeit. Bei der Musiker-Umfrage ging es außerdem um Ausbildungsinhalte, Selbstvermarktung, Tonträgerproduktion, bei den Veranstaltern um die Gestaltung des Konzertbetriebes, um organisatorische Fragen, aber auch um das Spannungsfeld zwischen Aufgabenbelastung und ehrenamtlicher „Manpower“ in den Vereinen. In jedem Fall wurde danach gefragt, welche Unterstützungen von außen wünschenswert wären und was in Eigenleistung verändert und verbessert werden könnte.

Der Arbeitsmarkt wird enger

Das Gesamtresultat der Studie macht deutlich, dass bei aller vorhandenen Kreativität und ebensolchem Idealismus der Akteure an unterschiedlichen Stellen Hemmnisse im „Verwertungskreislauf“ bestehen. Die finanzielle Situation vieler Musiker ist prekär, aber die der Veranstalter ebenso, weil sich die Durchführung von Konzerten in den seltensten Fällen gewinnbringend auswirkt.

Zugleich wird der Arbeitsmarkt für Jazzmusiker immer enger, da trotz immer mehr Hochschulabsolventen die Zahl der Auftrittsmöglichkeiten allenfalls stagniert. Das typische Jazzpublikum wird im Durchschnitt immer älter. Es mangelt augenscheinlich an Nachwuchs in den Konzerten und Jazzclubs. Ansätze zu einer Generierung neuen Publikums greifen allenfalls am Rande – vor allem mangelt es an Geld und vielfach an Kreativität für ein nachhaltiges Audience Developement. Hinzu kommt, dass die öffentliche Präsenz des Jazz in den Medien schlecht bis verbesserungswürdig daherkommt. Dies bekundeten alle in der Studie befragten Personengruppen übereinstimmend. Ein solcher Mangel an öffentlicher Wahrnehmung und Unterstützung geht einher mit einer gewissen Hilflosigkeit in den eigenen Reihen. Kompetenzen für ein Selbstmarketing der Musiker werden bislang nur am Rande vermittelt, wenngleich die Hochschulen diese Notwendigkeit zögerlich erkennen und ihre Potenziale langsam ausbauen. Die öffentliche Kulturverwaltung verpasst ebenfalls viele Chancen, im öffentlichen Bild der eigenen Stadt für die lokale Kultur und explizit für den Jazz zu werben.

Im „System Jazz“ ist zu wenig Geld. Die Schieflage zwischen der geförderten Hochkultur und den äußerst punktuellen Fördermitteln, die noch beim Jazz ankommen, ist extrem. Wenn es aber um die Generierung von Förderung geht, mangelt es an präzisen Informationen, wo und wie diese beantragt werden können und welche Kriterien ausschlaggebend sind.

Ausbaupotenziale

Auch beim immer wichtiger werdenden Sponsoring schlummern noch große Ausbaupotenziale. Hier haben die vielen Erfolgsgeschichten der großen Festivals in NRW einen unbedingten Vorbildcharakter für die freie Szene. Auf Festivals gilt der hohe Imagefaktor des Jazz für eine Stadtgesellschaft längst als ausgemacht.

Viele Verbesserungen setzen bei der Bewusstseinsbildung der Akteure an. Das beginnt bei dem Vertrauen in die Wirksamkeit eigenen Handelns jenseits der Abhängigkeit durch öffentliche Fördermittel - jazz we can! Selbstbewusstsein ist gleichermaßen bei den künstlerischen Produkte selbst und ebenso bei deren Präsentation dringend angezeigt. Um mit Jazz ein Publikum zu erreichen, braucht es unmittelbares Lebensgefühl und keine inflationäre Wiederholung. Auch ist ein dezidiertes Bewusstsein für Publikumserfolg noch weiter ausbaufähig.

Jazz braucht eine bessere Lobby. Ein großes Problem der Jazzszene ist ein weit verbreitetes Einzelkämpfertum sowohl unter Musikern wie auch unter Veranstaltern. Würden hier noch mehr Akteure an einem Strang ziehen, sich solidarisch organisieren, Interessengemeinschaften und Kollektive bilden, erschiene die Szene in NRW nicht so fragmentiert wie es aktuell der Fall ist.

Jazz in NRW ist in mehrfacher Hinsicht von Ungleichheit betroffen: Den hoch ausgebildeten Musikern stehen auf breiter Ebene ehrenamtlich agierende Veranstalter gegenüber, bei denen es an Professionalität und finanziellen Mittel für eine verantwortungsvolle Musikvermittlung nicht selten mangelt. Professionalisierungsoffensiven in diesem Bereich sind daher mit einer dringend zu verbessernden Spielstättenförderung verbunden. Diese Sichtweisen teilen auch nahezu sämtliche Musiker und beweisen damit einen realistischen Blick.

Werte-Debatten

Jazz veranstalten ist oft ein Verlustgeschäft: Zu hoch sind die Kosten für Gagen und sonstige Abgaben, viel zu gering die Einnahmen durch den Ticketverkauf. Das berührt eine generelle Wertedebatte über das künstlerische Tun an sich. Musiker können kaum von ihrer Kunst leben, weil Konzerte durchweg zu „billig“ angeboten werden. Das Publikum ist aber durchaus bereit, höhere Preise zu zahlen, was die Erhebung im Rahmen der Studie zeigt. In dieser Hinsicht muss die Debatte um Mindestgagen für Musiker um einen Wertediskurs beim Publikum über angemessene Eintrittspreise dringend erweitert werden. Das Fazit mutet paradox an, aber liegt auf der Hand: Mehr Publikum gewinnen, das bereit ist, höhere Eintrittspreisen zu bezahlen, würde den Jazz nicht nur kreativ, sondern auch wirtschaftlich machen.

Noch auf eine weitere Diskrepanz muss ringend hingewiesen werden, die vor allem in der öffentlichen Kulturverwaltung besteht: Es geht um die Ungleichbehandlung zwischen öffentlich geförderten, ehrenamtlich getragenen Spielstätten und privatwirtschaftlich agierenden Veranstaltern. Die einen genießen viele Vergünstigungen, die nicht zuletzt auch billigere Ticketpreise ermöglichen, während die anderen Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen müssen. Dies deckt sich mit der Einschätzung des Kreativreports NRW des Wirtschaftsministeriums, welche übergreifend die Bedingungen in diesem Bundesland, welches durch seinen Strukturwandel eine ganz neue Bewertung von Kultur vornimmt, hinterfragt.

Die Studie kann unter folgendem Downloadlink abgerufen werden und ist natürlich auch auf Anfrage postalisch beim nrwjazz e.V. erhältlich.