​Mut zur eigenen Stimme |

Tobias Schössler und Klaus Wallmeier auf dem Nordsternturm

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Gelsenkirchen, 30.08.2016 | Wenn Tobias Schössler improvisiert, kann dies schon einmal die Meinungen polarisieren. Der reine Jazzpurist mag irritiert sein, wenn Schösslers Spiel viel mehr von Debussy, Mozart, Schubert oder auch Ligeti durchtränkt scheint als von „typischem“ Standard-Material. Schlagzeuger Klaus Wallmeier liebt hingegen die Unmittelbarkeit von Freejazz oder freier Improvisation. Beide eint der Wille, sich authentisch und frei auszudrücken.

Aber die improvisierten Dialog, bei denen thematische Ideen im Mittelpunkt stehen, muten weniger wie eine Symbiose an, vielmehr scheinen konträre Energiefelder aufeinander zu treffen. Neues entsteht allemal dabei.

Man hatte schon die Qual der Wahl auf dem Gelsenkirchener Nordsternturm: Entweder den malerischen Sonnenuntergang über den Halden zu beobachten, oder in die Musik dieses Duos einzutauchen, das zwischen den gigantischen Stahlkonstruktionen auf dem ehemaligen Förderturm nicht viel Platz hatte: Auf dem Nordsternturm verblüffte vor allem Tobias Schösslers eigenwillige Rhetorik in seinem Klavierspiel.

Da kommen musikalische Ideen aus großen Tiefen heraus, die nicht selten, allerdings auch eher punktuell, Momente von berückender Schönheit kreieren. Irgendwann rückte Schössler einem Chopin-Stück improvisierend zu Leibe, andere Passagen seines an Zitaten und Bezügen reichen Spiels sind von armenischer Volksmusik inspiriert. Sie brauchen im Nordsternturm ihre Zeit, um mit sich und der Location richtig warm zu werden. Richtig frei und selbstbewusst pulsiert das Spiel dieses Duos zum großen Finale: Jetzt sind Schössler, Wallmeier und das versunken lauschende Publikum in einem intensiven Kosmos vereint unterwegs. Nahtlos setzt die Zugabe noch eins drauf: Mit ergreifend lyrischen Wendungen verdichtet sich die Suggestivkraft – und es lebt einmal mehr Feuerwerk aus raffinierten Anschlagstechniken, die von Tobias Schösslers vielfältiger Auseinandersetzung mit pianistischen Stilistiken zeugt. Man hatte in diesem Moment des Konzertes das Gefühl, dass die beiden gerade erst angefangen haben – und es noch so viel mehr zu sagen gäbe. Mögen Schössler und sein Duopartner nicht müde werden, all dies weiterhin konsequent zu artikulieren!

Unlängst haben die beiden im Osnabrücker Fattoria Musica Studio eine neue CD aufgenommen. Sie soll bald auf dem Wismart-Label erscheinen - man darf gespannt sein!

Weitere Infos, Termine und komplette Diskographie unter

www.tobias-schoessler.com/