Feierlaune bei 10 Jahren Tatort Jazz |

‚Street Beat Music’ bringt New Orleans ins Ruhrgebiet

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker | Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 04.03.2016 | Ein besonderes Jubiläum ist in Bochum und der Region zu feiern: Tatort Jazz wird in diesem Jahr 10 Jahre alt. Die von Milli Häuser liebevoll und überaus engagiert betriebene Reihe mit der Tatort Jazz-Hausband um Uwe Kellerhoff (dr/perc), Alex Morsey (b) und Martin Scholz (p/kb) lädt regelmäßig unterschiedliche Gastsolisten zu bestimmten Schwerpunkten ein. In diesem Jahr findet nach rund fünfhundert Konzerten eine Jubiläumsreihe statt, die im September in ein großes Festival mündet. Den Auftakt machte jetzt ein Konzert im Bahnhof Langendreer mit ‚Street Beat Music’. Der Titel verrät, worum es geht: Groovige Musik aus dem New Orleans-Umfeld, Dr. John, The Meters, Neville Brothers und Professor Longhair lassen grüßen.

Schon der Auftakt erfolgt in Manier der bekannten Marching Bands: Die Gastsolisten Ronald Lechtenberg an der Gitarre mit Verstärker auf dem Rücken und Wim Wollner am Tenorsax und Alex Morsey mit obligatorischem Sousaphon kommen im Marsch aus dem Publikum heraus auf die Bühne, „Klassiker“ wie Iko Iko und Going Back To New Orleans bilden den Auftakt. Es folgt Opposites, eine funky Nummer aus der Feder von Ronald Lechtenberg, bei der Alex Morsey in fürs Stammpublikum überraschender Weise zum E-Bass greift. Der Blues-Klassiker Saint James Infirmary überzeugt in einer langsam schleppenden, Big Chief in einer schnelleren Version. Viel Beifall kommt nach Time auf, einer wundervollen bluesigen Slowgroove-Ballade von Ronald Lechtenberg, Shake Every Thing You’ve Got folgt in einer Medium-Tempo-Funk-Nummer und stellt so etwas wie die Party-Variante des New Orleans-Jazz dar. Nach der Pause geht’s mit Who Took The Happiness Out von der Dirty Dozen Brass Band in feinster Abgehmusik weiter, Uwe Kellerhoff tobt sich in einem Drum-Solo aus. Die Neville Brothers werden mit Yellow Moon und einer magischen langsamen Funk-Version von Voodoo bedacht, Cissy Strut von den Meters bedeutet nach Aussage von Uwe Kellerhoff eine Verneigung vor Joseph (Zigaboo) Modeliste, dem Drummer der Meters und seinem absoluten Vorbild. Nach einer rockigen Nummer von Ronald Lechtenberg endet das Konzert mit Minnie the Moocher, dem Cab Calloway-Klassiker, in einer ungewöhnlichen Ska-Fassung – selbstverständlich unter kräftiger Einbeziehung der Stimmen des Publikums. Und, nun ja, als Zugabe kommt – fast erwartbar – When The Saints, vielleicht unerwartbar nicht im Swing- oder Dixieland-Stil, sondern im eher traditionellen Groove.

Das - man glaubt es kaum – lediglich temporär zusammengekommene Quintett erweist sich absolut nicht als Cover-Band für New Orleans-gefärbte Musik, dafür werden die Vorbilder aus dem Delta in einen eigenen Stil, eigene Nummern werden im weitesten Sinne in eine rockig-bluesige Spielart überführt. Den Musikern gelingt es dabei hervorragend, die zum Teil 1- bis 3-Akkord-Muster in eine komplexere Jazzidiomatik zu übersetzen und die Klassiker mit einem eigenen Groove zu versehen. Herausragend und im positiven Sinne routiniert spielt die Tatort Jazz-Hausband, die Gäste passen genau zu der Stilebene des Themenabends: Wim Wollner bläst ein wunderschön smoothes Sax, Ronald Lechtenberg eine straighte Rhythmus- und Solo-Gitarre. Die Spiellust ist den Musikern anzumerken, die Feierlaune überträgt sich unmittelbar aufs Publikum. New Orleans ist neben dem ansteckenden Tanzimpuls – auch das zeigt das Konzert - kein schlechter Bezugspunkt, Lechtenberg verweist auf den Melting Pot der Ethnien und damit den kulturellen Reichtum der Region, der prägend war und ist für eine weltweit ausgefächerte Musikkultur – eine Vorstellung, die gerade in diesen Tagen beispielgebend sein kann.

Die zehn Jahre Tatort Jazz sind an anderer Stelle zu würdigen, die Hartnäckigkeit, mit der Milli Häuser und ihr Team das Projekt über einen so langen Zeitraum verteidigt haben, hat sich gelohnt, das Publikum ist ihr dankbar für eine Vielzahl von Abenden wie bei dem mit Street Beat Music.