Das Glück einer eigenen Konzertreihe |

Paul Heller + Next Level

Text: Hans-Bernd Kittlaus | Fotos: Gerhard Richter

Köln, 15.09.2016 | Wenn Paul Heller die Konzertbühne betritt, wirkt er mit seiner schlanken Gestalt und halblangen blonden Haaren sehr jugendlich für seine 45 Lebensjahre. Doch hört man dann den beeindruckenden Sound seines Tenorsaxofons, spürt man sofort seine jahrzehntelange Erfahrung als professioneller Musiker und als Mensch mitten im Leben. Seit 11 Jahren ist Heller Mitglied der WDR Big Band, seit 3 Jahren hat er seine eigene Konzertreihe „Next Level Jazz“ in Köln. Wir trafen uns zum Gespräch in einem Kölner Café.

„Ich bin in Hohenlimburg aufgewachsen. In unserem Haus gab es immer Jazz. Mein Vater war und ist Hobby Trompeter, meine Mutter war Hobby Sängerin. Sie hatten eine riesige Plattensammlung. Es hat ziemlich lang gedauert, bis ich realisierte, dass mein Vater sein Geld mit etwas anderem als Jazz verdiente. Mein Bruder Ingmar (heute Bassist der NDR Big Band) und ich hatten sehr früh den Drang, Musik zu machen. Ich startete mit dem Schlagzeug, das Saxofon kam erst später.“ Als 12-jähriger Schlagzeuger gewann Paul Heller bereits 1983 den 1. Preis beim NRW-Landeswettbewerb „Jugend jazzt“, 1986 dann als Saxofonist. Im LandesJugendJazzOrchester NRW 1987/88 lernte er Stefan Klose kennen, der Altsaxofon spielte. Während Paul Heller sich für eine Karriere als professioneller Musiker entschied und an der Musikhochschule Köln bei Wolfgang Engstfeld ein Studium begann, entschied sich Stefan Klose gegen die Musiklaufbahn und für ein naturwissenschaftliches Studium und Promotion. Die beiden verloren sich aus den Augen.

Paul Heller etablierte sich schnell im Musikgeschäft. „Prägend waren für mich Platten wie etwa die großartige Basie Jam (Pablo), natürlich Saxofonisten wie Sonny Rollins, Dexter Gordon und Johnny Griffin, mit dem ich sogar zweimal mit den von Roman Schwaller organisierten „Three Generations Of Tenor Saxophone“ auf Tour sein konnte. Und dann Ack van Rooyen als Mentor und Band Leader, mit dem ich schon seit über 20 Jahren zusammenspiele. Heute höre ich zu Hause vor allem klassische Aufnahmen, etwa von Dexter Gordon oder Hank Mobley, ich mag aber auch Sänger wie Carmen McRae und Mel Tormé.“ Und er hört oft und gern seine Frau, die führende niederländische Jazz Sängerin Fay Claassen, die er vor 10 Jahren in New York kennenlernte. Inzwischen leben sie mit gemeinsamem Kind in Köln zusammen.

Als Komponist gewann Paul Heller weitere Preise. Er spielte in vielen Big Bands, so etwa mit der Bobby Burgess Big Band Explosion, dem Brussels Jazz Orchestra und Bob Brookmeyer’s New Art Orchestra. „In Big Bands habe ich mich immer wohl gefühlt. So geht es mir heute auch mit der WDR Big Band. Das ist eine tolle Band von Solisten. Das breite Spektrum von unterschiedlichen Stilen im Jazz, das wir abdecken, empfinde ich als große Bereicherung.“ Auch als Solist ist er gefragt, nicht nur in der WDR Big Band, sondern auch in kleineren Bands. Regelmäßig veröffentlicht er Aufnahmen in unterschiedlichen Formationen mit internationalen Mitspielern auf Mons Records. In der Pipeline sind Quintett-Aufnahmen mit Wolfgang Haffner sowie mit Tony Lakatos und eine Quartett-Aufnahme mit Simon Nabatov, Martin Gjakonovski und Billy Hart. Dazu Pianist Simon Nabatov: „Ich schätze Paul als Mensch und Musiker, der in der Jazz Tradition verwurzelt ist und in diesem Stilbereich mit viel Herzblut, Kreativität und Lebendigkeit spielt. Gleichzeitig hat er die Offenheit, einen Pianisten wie mich einzubeziehen, der inzwischen in freierer Stilistik unterwegs ist. Er gibt mir genügend Freiheit, dass es mir in seinen Bands immer Spaß macht zu spielen.“

2013 meldete sich Stefan Klose bei Paul Heller. Klose hatte inzwischen eine erfolgreiche Karriere in der Software-Industrie gemacht und ist geschäftsführender Gesellschafter der Next Level Integration GmbH, die Software-Lösungen für die Energie-Wirtschaft bietet: „Mein Unternehmen genießt seit Jahren die Vorteile des Standorts Köln. Wir möchten der Stadt durch unser Kultur-Sponsoring etwas zurückgeben, auch wenn die Veranstaltungen keinen direkten Werbeeffekt für unser Unternehmen haben.“ Er bot Paul Heller an, eine Jazz-Konzertreihe unter seiner Leitung zu fördern. So entstand die Reihe „Next Level Jazz“ mit inzwischen 26 Konzerten im Studio Dumont in der Kölner Innenstadt. Paul Heller zeichnet verantwortlich für die Auswahl der Musiker, die eingeladen werden, und der Stücke, für die er jeweils den Gästen Arrangements auf den Leib schreibt. Der Kölner Kultur-Marketing-Profi Jens Bosch kümmert sich um Organisation und Vermarktung: „Ich finde es bemerkenswert, dass alle bisherigen 26 Konzerte ausverkauft waren. Das zeigt, dass es weiterhin ein gutes Publikum für hochklassigen Mainstream Jazz gibt“.

Für Paul Heller steht die Auswahl der Musiker-Gäste im Zentrum: „Ich lade Musiker ein, die ich schon lange kenne und schätze und mit denen ich einfach wahnsinnig gerne spiele, so wie Jasper van’t Hof, Franco Ambrosetti, Ack van Rooyen, Michael Abene, Roman Schwaller, Wolfgang Haffner, Charly Antolini – die Liste ist lang. Die Kompositionen wähle ich dann sehr bewusst danach aus, was zu diesen Musikern passt und was ich gern mit ihnen spielen möchte. Entsprechend arrangiere ich dann auch mit dem Ziel, dass die Gäste sich wohlfühlen.“ Ein gutes Beispiel war das Konzert im April 2016 mit Saxofonist Bill Evans und Pianist Michael Abene und der exzellenten Rhythm Section mit Bassist Martin Gjakonovski und Drummer Bodek Janke. Heller wählte Kompositionen von Evans aus, die aus dem Fusion Jazz kommen, und transportierte sie ins klassische Two-Tenors Format, sogar der „We Want Miles“-Klassiker „Jean Pierre“ war dabei. Die bestens gelungenen Arrangements Hellers bildeten die Basis für das inspirierte Spiel aller Beteiligten. Vor allem Heller selbst blies ein ums andere Mal feurige Solos mit seinem expressiven Tenorton, ohne dass sein Zusammenspiel mit Evans zum Konkurrenzkampf wurde. Standing Ovations am Ende. Einen Monat zuvor war es deutlich traditioneller zugegangen in einer Homage an den verstorbenen Paul Kuhn mit den Mitgliedern von dessen letzter Band, Schlagzeuger Willi Ketzer, Bassist Martin Gjakonovski und Sängerin Gaby Goldberg sowie Pianist Martin Sasse als Ersatz für Kuhn. Hier blieb Heller mit Arrangements und seinem Saxofonspiel ganz im Stil Paul Kuhns, was das eine oder andere Nostalgie-Tränchen im begeisterten Publikum fließen ließ.

“Next Level Jazz“ zieht jetzt in den Kölner Stadtgarten um, der mehr Platz bietet. Die nächsten Termine sind schon angekündigt, unter anderem mit einem Tenor Sax Summit mit Tony Lakatos, Roman Schwaller, Johannes Enders und natürlich Paul Heller. Der äußert sich zufrieden: „Die Möglichkeit, “Next Level Jazz“ zu machen, ist ein absoluter Glücksfall für mich. Dafür bin ich Stefan Klose sehr dankbar. Hier kann ich mich als Musiker und Arrangeur in meist kleineren Formationen voll ausleben. Das schafft eine schöne Balance zu meiner Arbeit in der WDR Big Band.“ Stefan Klose ist zufrieden: „Die Konzertreihe bewegt sich kontinuierlich auf einem musikalischen Niveau, das meine Erwartungen mehr als erfüllt. Und der Publikumszuspruch ist wunderbar.“ Jens Bosch sieht „die Zusammenarbeit mit Next Level Integration als Modell für Jazz Sponsoring in Deutschland.“ Stefan Klose betrachtet das ähnlich: „In Deutschland fließen zwar viele staatliche und kommunale Gelder in die Kultur, aber leider kaum in den Jazz. Hier ist die Wirtschaft stärker gefordert.“

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Beitrag erscheint in der Ausgabe 10/2016 des Jazz Podium

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