CD-Besprechung

Pascal Niggenkemper le 7ème continent talking trash |

(Viel-)stimmige Programmmusik mit suggestiven Klangräumen

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 07.08.2016 | Eine Plastiktüte auf dem Meeresgrund – dieses Motiv ziert das Cover der Neuerscheinung le 7ème continent - talking trash des in Paris lebenden deutsch-französischen Kontrabassisten Pascal Niggenkemper. Damit wird optisch auf das Konzept dieser in vielerlei Hinsicht sehr außer-gewöhnlichen CD verwiesen: auf den 7. Kontinent, bestehend aus der Akkumulation einer Unzahl unterschiedlicher Abfallprodukte, die im Meer „floaten“, eine ständig fließende und sich verändernde Form annehmen und aufgrund ihrer massiven Konsistenz einen Kontinent ausmachen – oder wie es im Booklet heißt: „...eine künstliche Welt, inmitten des Ozeans, versehentlich von Menschen geschaffen...“.Die Metaphorik des Fließens, des Zufälligen, des Interagierens von Einzelteilen und einem Ganzen, von Individuellem und Kollektivem beschreibt treffend das Konzept des internationalen Sextetts mit Musikern aus Frankreich, Deutschland, Österreich und Spanien, mit Joris Rühl und Joachim Badenhorst (Klarinetten, Verstärker), mit Eve Risser und Philip Zoubek (präpariertes Klavier) und Julián Elvira (Sub-Kontrabass und Pronomos-Flöte) und dem Bandleader Pascal Niggenkemper (Kontrabass und Komposition). Die ungewöhnliche Besetzung des Live-Mitschnitts aus dem Kölner Loft zeigt: Es handelt sich um ein doppeltes Trio oder – je nach Hörweise - ein dreifaches Instrumenten-Duo, man kann dem Klanggewebe mit seinen Stimmen und Geräuschen häufig kein einzelnes Instrument zuordnen, zu verfremdet und präpariert wird es jeweils eingesetzt.

Mit great pacific garbage patch setzt die CD verstörend ein: Man hört ein hochfrequentes Zirpen, darüber legt sich allmählich eine andere ostinate Tonspur, das Ganze entwickelt eine gewisse Dynamik, die im Tutti endet und noch zweimal wieder einsetzt.

In 135°W - 155°W & 35°N - 42°N erhält man zwar eine eindeutige Standortangabe für die Müllberge im pazifischen Ozean, akustisch verbleibt der Hörer jedoch im Ungewissen: Die Klarinetten-Töne verschmelzen langsam zu einer auf- und absteigenden Linie mit den präparierten Klavieren, zu einer Andeutung eines mehrfach wiederholten Themas, das sich in ein allgemeines Grundrauschen verliert. Wie häufig auf der CD finden sich patternartige Elemente, die von mikrotonalen Verschiebungen, von verschiedenen Klangschichten „begleitet“ werden. So auch in gyres océaniques: Ein Groove auf den präparierten Klaviersaiten wird rhythmisch und lautlich ausgeweitet und öffnet sich einer wundersamen Bläser-Linie mit sphärischen glockenspielartigen Klavierläufen. Im Gegensatz zu diesem stark rhythmisch geprägten Stück arbeitet das laut Angabe des Komponisten zu 70 % notierte plastisphere mit einem Dauerton, über den sich allmählich subtil modulierte andere Klangschichten - ebenfalls aus Dauertönen bestehend - legen. Die so generierte atmosphärisch dichte bis beklemmende Atmosphäre wird am Ende durch Klarinettenläufe aufgehoben. Als Kontrast dazu der Track talking trash mit einem beschwingten „Menuett“ – einer surrealistisch anmutenden Theater- oder Filmmusik. In crochet coral reef wiederum erzeugt das Sextett einen unwirklichen akustischen Schwebezustand, eine genial imaginierte Unterwassermusik, eine musikalisch adäquate Deutung des Lebens um ein Korallenriff. Die Improvisation ideonella sakaiensis beginnt mit einem Noise-Gewummel. Der Titel benennt eine bisher unbekannte Bakterienart, die sich hauptsächlich von Plastik(-müll) ernährt, womit der Bezug zum Konzept des Albums, aber auch zur Musik hergestellt ist: Zirpen, Fauchen, Schreie, flirrende Geräusche, rotierende Bläsertöne, ostinate Klavier-Läufe und -Cluster lassen die quirlige und pulsierende Dynamik von Mikro-Lebewesen assoziieren. Nebenbei: Den Mitschnitt dieses Tracks – anderthalb Jahre später als die anderen mit Constantin Herzog am Kontrabass aufgenommen - kann man bei youtube verfolgen, ich rate eher davon ab, weil der Film zu sehr von der Suggestivwirkung der Musik ablenkt, die Optik zerstört zu leicht die dunkle Magie des Klangkosmos’.

Geisternetz setzt mit dissonanten Tönen ein, die sich im Dauerglissando sirenenartig steigern, es dominieren Geräusche von überblasener Flöte mit chromatischem Fortschreiten. In dem Schlussstück entwickeln die präparierten Bässe und Klaviere - dem Titel kinetic islands entsprechend - viel Repetition und Bewegung, die verschiedenen Improvisationsideen finden sich zu einem gemeinsamen Strom zusammen, sie enden mit einem düsteren bluesartigen Klagelied der Klarinetten, die Abfallmasse des siebten Kontinents kommt allmählich zum Stillstand.

Pascal Niggenkemper gelingt mit seinem Sextett eine ausgesprochen dichte sphärische Musik, die in ihrem Fließen und Schweben „ozeanisch“ klingt und in gewisser Weise einen experimentellen Unterwasser-Sound erzeugt. Dabei entsteht keine esoterische Lautmalerei, sondern eine (viel-)stimmige Programmmusik, die mit dem thematischen Referenzrahmen ‚Müllkatastrophe in den Weltmeeren’ einen reichen assoziativen Klangraum für ein subtiles Wechselspiel von Komposition und Improvisation schafft. Die Assoziationskette geht von der Vorstellung aus, dass beim Präparieren von Instrumenten häufig Abfallprodukte eingesetzt werden. Müll erzeugt in diesem Sinne Klang, dies wiederum schafft die assoziative Brücke dazu, das Thema Müll in den Weltmeeren in seiner ökologischen Monströsität mit in der Tat kontinentalen Ausmaßen mit musikalischen Mitteln zu erfassen. Das Projekt le 7ème continent.talking trash schafft es, eine globale ökologische Absurdität mit einem eindringlichen Klangkosmos ästhetisch begreiflich zu machen – ein Beweis für den Ausnahmefall, dass mit Mitteln der abstraktesten Kunstform doch sehr konkrete Reflexion und Kritik formuliert werden können.

Pascal Niggenkemper: le 7ème continent.talking trash. clean feed. cf373CD