Festivals in NRW

​Moers-Festival 2016 |

Die Musik war stärker als die (Lokal-) Politik

Text: Stefan Pieper | Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Moers, 23.05.2016 | Die Festivalhalle in Moers bietet perfekte Bedingungen für das Erleben von Musik. Angesichts von circa 12000 Besuchern beim diesjährigen Moers-Festival muten die Debatten um die unsichere Zukunft des Festivals fast etwas absurd an. Zumal hier auch in diesem Jahr wieder äußerst zuverlässig die Fäden aktueller Musik vielfältig und oft unvorhersehbar zusammen liefen.

Dabei spielten auch NRWs Musiker eine gewichtige Rolle im Hauptprogramm: Der Düsseldorfer Volker Bertelmann ist unter dem Künstlernamen Hauschka viel bekannter. Er stand einmal mehr für jenen musikalischen Aspekt, der sich beim Moers-Festival gerne dem Erbe der Minimal Music verschreibt. Hauschka hat solche Prinzipien weiter entwickelt und lässt sie in seinen Projekten sehr vielgestaltig aufleben. Die persönliche musikalische Sprache setzt hier auf lyrische Klangfarben und viele melodiöse Elemente. Man merkt, dass dieser Musiker souverän über alle Genregrenzen hinaus aktiv ist – und sich auch an Popkultur abgearbeitet hat. Entsprechend kam viel emotionales Breitwandformat zum Tragen, eindringliche hypnotische Effekte durch die vielgestaltigen repetitiven Muster allemal! Der finnische Schlagzeuger Samuli Kosminen wusste sich hellwach und überaus spannend einzuklinken.

Carolin Pook, eine Wahl-New Yorkerin, die aber immer noch stark auf Köln bezogen ist, hatte das Festival zuvor mit einer illustren Großbesetzung eröffnet. Einen Tag später demonstrierte das „Subway Jazz Orchestra“, wie engagierte Mittzwanziger aus NRWs Jazzszene einen zeitgemäßen Bigbandsound für sich definieren. Aber was bedeutete hier schon eine so konventionelle Schablone wie „Bigband“, wenn unter der Leitung von Tobias Wember in diesem großen Klangkörper spannende, organisch durchgehende kompositorische Formate ausgelotet wurden – auf jeden Fall ist dieser Klangkörper, der aus dem Kölner Subway-Club als neu erstandener Spielstätte hervorgeht, eine klare Ansage an die etablierten, zuweilen doch etwas glatt poliert daherkommenden Bigband-Institutionen.

Eine regelrechte Allstar-Besetzung mit NRW-Musikern, die auch schon oft als Improvisor in Residence zusammen agieren, spielte in Tim Isforts Zapptett auf. Das waren reibungsvolle Interaktionen von gleich vier beredten Saxofonstimmen von Haydn Chisholm, Angelika Niescier, Jan Klare und Silke Eberhard erlebbar, fantastisch ergänzt um die kühne Saitenartistik des Gitarristen Torsten Töpp und angetrieben von Michael Vatcher, der auf dem Moerser Podium schon so oft getrommelt hat. Wer einmal in Moers war, kann nicht anders, als immer wiederzukommen. Das gilt für Musiker und Bands – und zwar weltweit!

Tim Isfort war es dann auch, der ganz allein mit seinem Kontrabass einen überaus fantasievollen Solokonzert in der Stadtkirche hinlegte. Dabei forderte er sein Publikum zu freien beliebigen Äußerungen auf, die normalerweise nicht in der Kirche anzutreffen sind – ein bemerkenswertes, fröhliches Happening allemal!

Jonas Burgwinkel präsentierte in Moers seine neue Band „Medusa Beats“ – sie belegt den Sprung dieses Schlagzeugers in den Sprung in die internationale Karriere. Zusammen mit Benoit Delbecq an den Keyboards und dem Schlagzeuger Petter Eldh agierte er kompromisslos und sensibel gleichermaßen.

Jazz und vieles, was weit darüber hinaus geht, lebt in Moers. Also auch zeitgemäße Spielarten, die wieder aus der Perspektive der Gegenwart aufs Jazzidiom rekurrieren. Neben Burgwinkels und seine belgisch-schwedischen Mitmusiker sorgte hier die Band „Amok Amor“ des Berliner Schlagzeugers Christian Lillinger für mächtig frischen Wind. In Sachen Dekonstruktion einschläger Elemente aus der Jazz-Historie hat er in Wanja Slawin, dem Trompeter Peter Evans und Peter Eldh am Bass hervorragend intuitive Partner gefunden, bei denen vor allem auch in Sachen Humor eine gemeinsame Wellenlänge zählt.

Das Moers-Festival 2016 gehörte den starken Frauen: Die Sängerin/Geigerin Carla Kihlstedt überzeugte in durch viel ruhige Ausstrahlung und intimes Songwriting und hatte gleich ein ganzes Streichorchester zur Unterstützung dabei. Maja Osojnik aus Slowenien verstörte – zusammen mit dem Schlagzeuger Patrick Wurzwallner - mit einer expressiven Performance zwischen dunkelstem Underground und harscher Urschrei-Ästhetik. Zwei faszinierend eigenständige Stimmen auf ihren Instrumenten sind die slowenische Pianistin Kaja Draksler und die portugiesische Trompeterin Susanna Santos Silva. Beide machten die Intensität völlig frei improvisierter Dialoge hautnah erfahrbar. Und dann riss auch ein „Topact“ aus den USA spätabends sein Publikum mit und setzte dabei recht treffsicher auf den Coolness-Faktor: Die US-Sängerin und Gitarristin Cassandra Wilson bot mit ihrer spielfreudigen Gitarrenband „The Black Sun“ das satteste Bluesfeeling, welches die neue Festivalhalle bislang erlebt hat.

Und noch einmal wurde es minimalistisch und repetitiv in Moers. Das Trio „Dawn of Midi“ schwor das Publikum auf knochentrockene Schwingungskurven eines radikalen Minimal Techno ein. Mit maximaler künstlerischer Konsequenz modellierte Pianist Amino Belyamani jeden einzelnen Ton allein durch Dämpfung auf den Klaviersaiten, ebenso wie Bassist Akaash Israni durch akrobatische Saitenbehandlung Basslines generierte und Schlagzeuger Qasim Naqvi metrische Interferenzen und Phasenverschiebungen allein durch Verändern eines einzigen Snaredrumschlages herbeiführte.

Es ist eine hohe Kunst, mit derart vielgestaltiger, oft auch „unbequemer“ Musik ein Publikum dauerhaft in Bann zu ziehen. Einen solchen Ort zu kreieren ist nur durch nachhaltige künstlerische Planung möglich. Und dieses außerordentlich stimmig zusammengesetzte Programm machte es sehr leicht, die lokalpolitischen Störfeuer zu vergessen und ganz in die Musik einzutauchen. Entsprechend wirkte es wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als Reiner Michalke bei der Abschluss-Pressekonferenz seinen Rücktritt als künstlerischer Leiter anbot. Begründung: Die letzten Störfeuer hinsichtlich vermeintlicher finanzieller Schieflagen bis hin zu einer kurzfristig drohenden Absage des Festivals wirken ausgesprochen image-schädigend auf die internationale Ausstrahlung des Festivals. Vor allem aber kosten diese aufreibenden Auseinandersetzungen zu viele Zeit und Kraft, die eigentlich komplett in eine sorgfältige künstlerische Arbeit fließen müsste. Ein Festival dieser internationalen Größenordnung braucht in vielerlei Hinsicht eine manchmal mehrjährige Vorlaufzeit. Dafür ist Planungssicherheit das allerwichtigste.

Für all dies mangele es Reiner Michalke aber an Rückhalt in der Stadtgesellschaft von Moers“. Angenommen wurde Michalkes Rücktritts-Angebot jedoch weder vom Aufsichtsrat der Moers-Kultur-Gmbh noch vom Organisationsteam, welche ihr Vertrauen und den Wunsch zum Weitermachen sofort lautstark bekundeten. (In der Moerser Lokalpresse ist zu lesen, dass lediglich die CDU unter ihrem Vorsitzenden Ingo Brohl - einem nimmermüden lokalen Stimmungsmacher gegen das Festival - diesen Rücktritt begrüßen würde.) Möge die Einsicht in die Unersetzbarkeit dieses international renommierten Kultureignisses über die Profilierungs-Querelen in der Lokalpolitik die Oberhand behalten!