The coolest Cat in Town |

Kultursommer versetzte in die Swing-Ära

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Gelsenkirchen, 22.08.2016 | Kulturelle Aushängeschilder der Region vereinen sich beim Kultursommer auf Lüttinghof_Die Burg im Wasser – der große Platz vor der alten Wasserburg bietet alljährlich den perfekten atmosphärischen Rahmen. Vor etwaigem Regen schützt ein großer Schirm das Publikum. Unter diesem Dach vereinten sich bei der jüngsten Ausgabe einmal mehr die hochkarätige Klassik und der Jazz - der ja auch längst in der Hochkultur angekommen ist.

Seit drei Jahren findet jeweils am Samstagabend Jazz statt und die Auswahl war wie gewohnt treffsicher: So unterschiedlich sind die Stile, so gemeinsam teilen sie ein Merkmal: nämlich, dass lebendige Spielfreude auf der Höhe der Zeit stattfindet. Da ist die deutsch-schwedische, heute in Wuppertal lebende Sängerin Anna Luca, die mit ihrem Quartett auf empfindsames, sehr ehrlich wirkendes Songwriting setzt. Zart, manchmal verspielt, bestreicht Anna Lucas Repertoire eine breite Palette zwischen Modern Jazz und zunehmend auch pop-affinen Stücken. Alles ist in jedem Moment von einer tief persönlichen Handschrift getragen. Als überaus starke Stimme erwies sich bei diesem Auftritt der Saxofonist Denis Gäbel. Zum Schluss entließ Anna Luca ihr Publikum mit einem fragilen Volkslied aus Schweden, wo sie aufgewachsen ist.

Unter „Nighthawks“ verstehe man hier nicht Edward Hoppers berühmtes Nachtszenen-Gemälde. Vielmehr heißt die Band des Trompeters Reiner Winterschladen und Bassisten Dal Martino so. Und wenn die fünf zu einem perfekt getimten Fusionjazzrock aufspielen, ist die Imaginationskraft groß. Auf Burg Lüttinghof evozierte dies nicht so sehr nocturnale Stimmungen, wie der Titel vermuten ließe - vielmehr stellte sich bei diesem vorwärtstreibenden unerschütterlichen Drive das Gefühl von befreitem Fahren auf breiten Highways durch endlose Landschaften ein. Fabelhaft sind die klanggewaltigen Riffs und Soli des Gitarristen Jörg Lehnhard. Weite Klanghorizonte spannt das Spiel von Keyboarder Jürgen Dahmen – und der aus Bergisch-Gladbach stammende Trompeter Reiner Winterschladen bläst sein Horn mit mal schneidender, dann auch wieder samtiger Coolness. (Wer dies nochmal erleben möchte sollte sich den 8. September im Münster Hot Jazz Club oder den 9. September im Domicil Dortmund vormerken. )

Von Essen zog das von Martin Strathausen begründete Musikerkollektiv „Tape Five“ auf, um im Zuge der Electroswing-Bewegung die loungige Club- und Nujazz-Kultur mit ganz viel aufreizender Sinnlichkeit der Swing-Ära kurzzuschließen. Auch auf der Bühne vor der Burg wird genau dies geleistet, dass es nur so sprüht und knistert und Tanzbeine in Erregung kommen - es sei denn, man erstarrt nicht sofort in Ehrfurcht angesichts der schier unglaublichen Energieentfaltung seitens der Sängerin Dionne Wudu. Was sie auf ihren Stöckelschuhen entfesselt, ist an sich schon Hochleistungssport. Und dann ihre dunkle, kraftvolle Gesangsstimme erst in den endlosen vielen Songs. Unmissverständlich stellt sie klar, dass sie „The coolest cat in town“ ist, wie einer der von Tape Five aufbereiteten Songs heißt. Man fühlt sich ins New York der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hineinkatapultiert, aber zugleich von der mächtig abrockenden Band als gut geölte Zeitmaschine auch wieder ins Heute verpflanzt. „Tape Five“ ist längst international erfolgreich und hat unlängst vor allem das Publikum in Russland nur so von den Stühlen geholt. Aber die Ursprünge der Band liegen gewissermaßen vor der Haustür: Dionne Wudu ist gebürtige Hammerin und hat an der Folkwang Hochschule ihr wesentliches Handswerkszeug gelernt. Heute ist sie nicht nur Sängerin, sondern auch Musical-Darstellerin, Schauspielerin und sogar TV-Moderatorin. Gut durchs Leben kommt, wer auf vielen Hochzeiten zu tanzen in der Lage ist...