Hoch hinaus! |

Laia Genc und Roger Hanschel auf dem Nordsternturm

Text: Stefan Pieper | Fotos: Bernd Zimmermann

Gelsenkirchen, 23.02.2016 | Welch kreative Kraft in der Spontaneität liegt, bewies einmal mehr eine Begegnung zweier NRW-Jazzer, die zwar schon viel voneinander gehört, aber noch nie miteinander spielerisch verbunden waren. Laia Genc, Pianistin aus Köln und Roger Hanschel, ein mittlerweile auch in Köln lebender Saxofonist, kamen auf besondere Einladung der Initiatoren der FineArtJazz-Reihen, hoch oben auf dem Gelsenkirchener Nordsternturm zusammen.

Was hier in zwei langen Sets entsteht, ist ein Nehmen und Geben auf Augenhöhe. Sich austauschen, in die Ideenwelt des anderen hineinfinden, sich dort einmischen und etwas aufgreifen, um es zu vollenden – solche Synergien entwickelten sich in diesem zuhauf.

Während draußen in der Ferne eine der letzten noch tätigen Stahlwerke mächtig auflodernde Feuerstöße in den Himmel schickt und die Patina eines vergangenen Industriezeitalters die Wand hinter der kleinen Bühne in bunte Farben taucht, funkeln und schillern nordische Klangimpressionen. Roger Hanschel weiß sein Instrument in atmosphärischen Farben zum Klingen zu bringen. Laia Genc umkleidet dies mit subtilen, oft auch hypnotisch vorwärtstreibenden Texturen und erzeugt immer wieder schillernde, funkelnde Oberflächen, an denen auch gerne mal die Wellen brechen.

Wenn sich ein Attribut vor allen anderen aufdrängt, heißt dies vor allem Sensibilität. Aus wagemutigen Klängen, ebenso wie aus rasanter Virtuosität ganz viel lyrische Emotion zaubern, das ist Sache der in Köln lebenden Pianistin, für die diese neue Duo-Begegnung auch eine ganz besondere Erfahrung ist. Roger Hanschels „Antworten“ auf dem Altsaxofon widerspiegeln nicht minder das ganze Ausdrucksspektrum seines Instruments. Sein wandlungsfähiger Sound schwebt leicht und sensibel, kann aber auch, wenn es sein muss, ordentlich Druck machen, der aber nie stechend wirkt. Und, da hier alles rein akustisch überkommt, schwebt die Musik angenehm geschmeidig durchs raue Ambiente der Maschinenhalle.

Beide enthalten ihrer Hörerschaft die vielen Quellen, aus denen sich aufgeklärter zeitgenössischer Jazz speist, nicht vor: Da stürmen schnelle Läufe himmelwärts in kühner Verschachtelung – im Kern sind das glasklar definierte Ganztonskalen. Überbordende Spielfreude lebt auch bei Laja Genc – manchmal kindlich fantasievoll werden Töne nach frecher Zufallslogik hin- und hergeworfen und man liegt gar nicht so falsch mit so einer Assoziation: Die musikologische Bezeichnung für ein solches Zufalls-Verfahren heißt ja auch „Aleatorik“ (Alea= , lateinisch,Würfel).

Dies alles mit so viel verspielter Leichtigkeit zu behandeln und aus so etwas große Emotion und mitreißende Kommunikation zu zaubern, zeugt von der musikalischen Größe und – vor allem!- vom Selbstbewusstsein dieses Duos. Nach der Pause spielen sich die beiden noch mehr in Fahrt. Jetzt sind die Entwicklungsbögen noch länger und phasenweise sorgen auch kolossale Soloparts für zupackendes Soundkino, für das vor allem Roger Hanschel verantwortlich zeichnet.

Am Ende kommt noch einmal eine Hommage: Roger Hanschel hat auch mit Charlie Mariano zusammengespielt. Ihm ist eines der letzten Stücke dieses Ausnahme-Konzerts gewidmet. Und da strahlen auch die Referenzen an den legendären, indien-affinen Meister auf: Tonskalen und Unisonoparts, die Mariano der homophonen Musiktradition des Subkontinents ablauschte und dem Jazz einverleibte. Einschlägige Referenzen kann auch Laia Genc benennen, später im Gespräch nach dem enthusiastischen Beifall und vielen ehrlichen Dankesbekundungen einzelner Zuhörer für so viel hier erfahrene musikalische Faszination. Der ganz große gemeinsame Nenner ist auch für sie (wie für viele andere Pianisten in NRW) der im letzten Jahr verstorbene Brite John Taylor. Noch ein anderer Name muss fallen, als von diesem kongenialen Miteinander zwischen freigeistiger Rasanz und lyrischer Tiefe die Rede ist: Paul Bley, an den Laia Gencs Spiel auch manchmal erinnern mag, war eines ihrer ersten Erweckungserlebnisse.