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Grenzen überwinden - Brücken schlagen |

34. Südtirol Jazzfestival Alto Adige 2016

Text & Fotos: Bernd Zimmermann

Bozen, 29.07.2016 | Mit über 1000 Obstransportkisten bauten die Macher des Südtirol Jazzfestivals gleich zu Beginn einen Konzertsaal in den Fruchthof Überetsch, der größten Obstgenossenschaft Südtirols, in Frangart. Es ist die Spezialität des Klaus Widmann, Künstlerischer Leiter dieses wohl außergewöhnlichsten Festival in Europa, regionale und überregionale Netzwerke zu knüpfen und so ein ganzes Bundesland zum Spielort zu machen.

Seit Jahren setzt Widmann bei der Programmierung auf das Konzept Länderschwerpunkt, das 2014 mit Frankreich begann, 2015 mit Großbritannien und in diesem Jahr mit Österreich und Italien fortgesetzt wurde, Grenzen überwinden und Brücken zwischen den Jazzszenen bauen, die geographisch zwar Nachbarn, ansonsten aber Welten trennen. Und welch ein symbolischer Akt war das, als dieses Festival ausgerechnet am Tag des Brexit mit einem Statement zum Jazz als internationale, Grenzen überschreitende und Kulturen verbindende Kunstform von Kulturlandesrat Philipp Achammer eröffnet wurde.

Kaum ein Festival in der Welt verknüpft auch so konsequent herausragende und außergewöhnliche Spielorte mit einer Musik, die ebenfalls entdeckt werden will und nicht selten diametral zur jeweiligen Atmosphäre des jeweiligen Ortes steht.

Wer hinter die Kulissen des touristischen Südtirol blicken will, ist auf diesem Festival richtig. Und tatsächlich kommen von Jahr zu Jahr immer mehr begeisterte Jazzfans in das Land an Etsch und Eisack. In diesem Jahr mischten sich sogar die ersten Reiseveranstalter unter die Vielzahl internationaler Journalisten aus halb Europa.#

Der erste Brückenschlag fand auf dem Auftaktkonzert im schon erwähnten Fruchthof an der Stadtgrenze von Bozen statt. Im Auftrag des Festivals stellte Lukas Kranzelbinder unter Mithilfe des in Italien lebenden US-amerikanischen Saxophonisten Dan Kinzelman das "Melting Orchestra" zusammen, dass nicht nur eine Brücke zwischen den Ländern Italien und Österreich schlug, sondern auch zwischen verschiedene musikalischen Stilen. Mit dabei das neapolitanische Vokal-Trio Assurd mit ihrer lebensfrohen Volksmusik, die in Wien lebende Slowenin und Multistilistin Maja Osojnik und der österreichische Trompeter Martin Eberle. Diese Formation sollte auch die traditionelle Veranstaltung auf Fuße des Langkofels bestreiten, die in diesem Jahr leider aufgrund des zu Beginn des Festivals unbeständigen Wetters nach Wolkenstein verlegt werden musste.

Trotz Länderschwerpunkt war Deutschland und auch NRW wieder gut vertreten. Auf dem Obstmarkt in Bozen spielte Tobias Hoffmann's Expressway Sketches auf und begeisterte Festivalbesucher und zufällig vorbeiflanierende Bozener und Touristen gleichmaßen mit ihren lebendigen Jazzinterpretationen der Surf-Musik der sechziger Jahre.

Filippa Gojo und Bodek Janke standen zusammen mit dem österreichischen Ausnahme-Pianisten David Hellbock (u.a. Random Control, David Hellbock Trio) und dem italienischen Drummer Stefano Tamborrino (Heavy Horse) auf der Bühne im Gefängnishof in Brixen bei "Jazz, Wein & Knast-Poesie". Ein atemberaubendes Event in einer faszinierenden Location mit vier brillant agierenden und improvisierenden Jazzmusikern und zwei Poeten, die Sehnsuchtstexte aus dem Knast vortrugen. Ein Konzert, das so in seiner Form einmalig bleiben wird.

80 Konzerte an unzähligen außergewöhnlichen Orten in allen großen Städten Südtirols, auf Hütten, Pässen, in Burgen und auf Marktplätzen, in Hotels und Produktionsstätten, auf Weingütern, in Kirchen und Klöstern.

Eingebettet seit Jahren auch eine, von Klaus Widmann angeregte Kulturkonferenz in Kooperation mit dem Eurac, der Europäischen Akademie Bozen. Hier ging es in diesem Jahr unter dem Thema "Back to zero - (Jazz-)Kultur trifft Wirtschaft, unter anderem um die spannende Frag, wie Jazz wirtschaftlich wirken kann. Als Musiker und Referent mit dabei, Ulrich Beckerhoff, einer der Pioniere dieses Themas, der dann auch mit Glauco Venier (Piano) und Rosario Bonaccorso (Bass, Vocals) ein Konzert gab. Besonders spannend der Vortrag von Prof. Scheer über die mögliche Vorbildfunktion des Jazz für Unternehmensmanagement und - organisation.

Ein Highlight war auch das Konzert mit Max Andrzejewski's Hütte & Choer + Dan Kinzelman + Mario Rom + 6 Südtiroler SängerInnen. Ort, der Völser Weiher, ein kleiner Badesee am Fuße des Schlern-Massivs. Musikern schippern musizierend mit Ruderboten durch die schwimmenden Badegäste und präsentieren abends auf dem Badesteg aktuell einstudierten Gospeljazz.

Ein all umfassender Bericht über das Südtirol Jazzfestival zu geben ist schier unmöglich und hätte leicht Buchformat. Aber allein über die deutschen Beteiligungen zu schreiben, würde diesem Ausnahmefestival bei weitem nicht gerecht werden.

Deshalb hier eine Aufzählung der ganz besonders auffälligen Akteure, die es sich lohnt in Zukunft im Auge zu behalten. Da war David Helbock, der mit seiner Formation Random Control im Nobelhotel Laurin den malerischen Hotelgarten rockte. Der Pianist Benny Omerzell, der neben seinen Auftritten mit Kompost 3 und verschiedenen anderen Musikern des Festivals vor allem mit dem "Edi Nulz"-Drummer Valentin Schuster ein viel beachtetes Konzert auf dem Würzjoch gab. Welt-Klasse-Improvisation bot das österreichisch-schweiz-italienische Trio Francesco Guerri (Cello), Franz Hautinger (Trompete) und Lucas Niggli (Drums) im Planetarium Südtirol. Sie improvisierten auf die Projektionen des Planetariums.

Trotz aller künstlerischer Werte die Festivals in der Regel schaffen, stellen sie immer auch einen großen Image- und Wirtschaftsfaktor dar. Das Südtirol Jazzfestival ist mit seiner überregionalen und zunehmenden internationalen Strahlkraft hierfür prototypisch und vorbildhaft. Das kontinuierlich steigende Interesse bei den internationalen Gästen zeigt dies eindrucksvoll.

So plant die Gelsenkirchener Eventagentur publicjazz | events für 2017 eine Gruppenreise zum nächsten Festival. Interesseten können sich schon jetzt unter post@publicjazz.de vormerken lassen. Die Teilnehmerzahl wird begrenzt sein.