About Aphrodite |

Faktor X

Text: Stefan Pieper

Marl, 31.03.2016 | Das Sich-Neuerfinden, was man jedem kreativen Musiker wünschen möchte, erfolgt bei Gilda Razani und Hanns Wanning nicht schubweise, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess. Seit zwei Jahren treten die beiden als Elektronik-Duo „About Aphrodite“ auf. Das aktuelle Album des Duos markiert einen neuen Reifelevel, der von künstlerischer Konsequenz zeugt. Denn die lebt in der besonderen Art der beiden Dortmunder, improvisatorische Elemente und inspirierte musikalische Ideen sowie den kreativen Umgang mit elektronischen und akustischen Elementen zum großen Ganzen zu vereinen. Das ist schon lange viel mehr als mutiges Crossover. Wie ästhetisch relevant und auch funktional sehr gut brauchbar die Schöpfungen der beiden sind, markiert ein weiterer Umstand aufs eindrücklichste: Hanns Wanning und Gilda Razani wurden zur musikalischen Ausgestaltung einer tief bewegenden ARD-Dokumentation über die Opfer des Germanwings-Katastrophe beauftragt.

Mit weniger Tragik, dafür mit umso mehr märchenhafter Atmosphäre und rhythmischer Wucht für den Dancefloor kommt die aktuelle CD „Faktor X“ daher. Die Tracks dieser neuen Platte führen – von den beiden tief verstanden! - hinein in die energetischen Epizentren eines mal housigen, mal trancigen oder auch subtil technoiden „Four to the Flour“- Beats und deren Vielgestalt revidiert auch die letzten hartnäckigen Vorurteile, dass elektronische Tanzmusik „monoton“ oder „stumpf“ daherkommt. Ob es auch daran liegt, dass der Pianist und Keyboarder Hanns Wanning und die Saxofonistin und Thereminspielerin Gilda Razani aus der Variabilität von Jazz und Improvisierter Musik kommen. Dass sie als profunde Instrumentenbeherrscher ihre Musik erst mal ausgiebig live vor Publikum ausprobieren, bevor alles schließlich auf Platte kommt?

Die Tracks dieser Platte sind so atmosphärisch und emotional vielgestaltig, wie sie heißen: „Weltenbaumeister“. „Die Zukunft beginnt von vorn“ oder „Das Meer“. Unablässig schieben tiefe Bassimpulse voran, sphärische Hintergrundsounds weiten das Panorama. Viel Wärme produzieren die fetten, räumlichen Abmischungen - wo viele „Konkurrenzprodukte“ oft zu trocken daher kommen. So wird der Hörende mitgenommen. Treffsicher eingesetzte Klaviermotive, ein Saxofonton, vokale Laute entfalten gerade durch ihren konsequenten Minimalismus um so „maximalere“ Wirkungen und liefern emotionale Farbtupfer im richtigen Moment. Keine Spur von Floskeln oder Plattitüden - eine Falle, in die sonst viele tappen bei so etwas! Dafür umso mehr, dramaturgisch geschickt platzierte Impulse im richtigen Moment. Ein Laut der Stimme, wo nur der Klang die Emotion transportiert. Geräusche, die mal eine Textur erzeugen oder auch einen Imulse freisetzen. Vereinzelte Klavierakkorde, die um so „musikalischer“ wirken, wenn sie in die Abstraktion hinein fallen. Und da sind auch wieder – aber viel „hintergründiger“ als beim Vorgängeralbum eingesetzt – die sphärisch singenden Bögen, die entstehen, wenn Gilda Razanis Hände auf dem Theremin imaginäre Figuren in unsichtbare Magnetfelder hinein zeichnen. Dies alles vollzieht sich auf dem neuen Album in einer bezwingenden Dichte und vorbildhafter kreativer Reichhaltigkeit. Die Konzepte sind alle nicht revolutionär neu, aber wollen dies auch nicht sein. Stattdessen werden sie weitergedacht und mit authentischem Leben angefüllt. Und das ist innerhalb einer gewissen Schnelllebigkeit von elektronischen Popmusiktrends eine ganz wichtige Qualität!

CD und Info unter www.about-aphrodite.de