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Die schwarzen Pferde der Angelika Niescier |

Ein Interview

Text: Dietrich Schlegel | Fotos: Bernd Zimmermann

Köln, 07.04.2015 | Sonnengleich prangt das O aus „NOW“, dem Titel ihrer neuesten CD, über einer lachenden Angelika Niescier, umrahmt von ihren ebenfalls fröhlich gestimmten Mitstreitern Stefano Senni und Simone Zanchini. Auch die einliegende Scheibe gleißt in strahlendem Gelb. Ein unübersehbares Signal dafür, dass hier drei Musiker in kollegialer Harmonie und bester Spiellaune zusammen gefunden haben, was nicht heißt, dass alle sieben Titel vor Lebensfreude nur so überschäumen. Wie immer bei Niescier wechseln die moods von einem Stück zum anderen, jetzt noch voller Energie und Rasanz, gleich darauf in den milden Farben einer impressionistischen Paysage. Aber „NOW“ unterscheidet sich doch von allen bisherigen Aufnahmen der international renommierten, mehrfach Preis gekrönten Saxophonistin, Komponistin und Bandleaderin. Und das hat sie so gewollt. „Die Musik ist etwas anders als das, was man von mir kennt“, verrät sie im Gespräch, „es ist hier etwas Neues entstanden, das man mit mir nicht so ohne weiteres assoziiert“.

Wie kam das zustande? Für das Südtirol Jazzfestival Alto Adige, das alljährlich auch auf dem Weingut von Alois Lageder bei Bozen stattfindet, hatte der Organisator und künstlerische Leiter des Festivals, der Arzt und Jazzfan Klaus Widmann, bei Angelika Niescier angefragt, ob sie einen von Lageder ausgelobten Kompositionsauftrag annehmen würde. Sie sagte zu und bekam eine Wild Card für die Besetzung, hatte also freie Hand bei der Auswahl der Musiker, mit denen sie ihr Werk aufführen wollte. Dann begannen die Überlegungen: Welches Format und welche Klangfarbe, zu denen welche Musiker in welcher Besetzung passen? In ihrer sprudelnden Mitteilsamkeit, die gelegentlich an die schnellen Passagen ihres Saxophon-Spiels denken lässt, vermittelt sie einen Einblick in den Prozess ihrer Überlegungen:

„Ich wollte unbedingt mit italienischen Musikern arbeiten, wenn ich schon das Glück habe, in Italien zu spielen. Ich finde es ohnehin ungemein inspirierend, wenn ich mit Musikern aus anderen Regionen und Ländern zusammen komme, zu erfahren, unter welchen sozialen Bedingungen, aus welcher Sozialisierung deren Musik entstanden ist. Natürlich“, so fügt die weitgereiste Musikerin hinzu, „bleibt der große gemeinsame Nenner der Jazz, aber es gibt so viele unterschiedliche Parameter, die dann ineinander fließen, wenn man zusammen spielt, und das ist immer aufregend, als betrete man, auch wenn wir alle Jazzmusiker sind, musikalisches Neuland.“

Ihre Aufgeschlossenheit für andere (Musik-) Kulturen bezog sich zwar auf italienische Musiker, aber die Wahl des Instrumentariums hatte, wie sie versichert, nichts mit Italien oder mediterraner Atmosphäre zu tun: „Ich wollte einfach etwas Neues machen, was ich noch nie versucht hatte, und es sollte dieses Mal mit Akkordeon sein.“ Die Frage, ob sie damit einem gewissen Trend gefolgt sei, denn Akkordeonisten wie Fausto Beccalossi oder Vincent Peirani seien doch gerade angesagt, verneint sie entschieden. Sie sei völlig unbeeinflusst von irgendwelchen Trends in der Musikwelt: „Ich habe eine gewisse Vorstellung davon, wohin ich mich entwickeln möchte, und mir fehlte einfach die Erfahrung mit diesem Instrument. Das reizte mich!“ Also ein Akkordeonist und dazu noch ein italienischer musste gefunden werden. Das war nicht so leicht. Den goldenen Tipp Simone Zanchini gab ihr schließlich ein befreundeter Kollege, der Bassist Martin Gjakanovski. Schon nach einem Telefonat mit Zanchini wusste Niescier: „Mit dem komme ich klar. Der passt!“ Zanchini seinerseits empfahl ihr den Bassisten Stefano Senni, selbstredend auch ein Italiener. Und damit stand auch fest, dass es bei einem Trio bleiben sollte.

Bevor sich Niescier an die Arbeit des Komponierens machte, ließ sie sich von einem deutschen Kollegen in einer Art Crashkurs in die Spieltechnik und das Klangbild des Akkordeons einführen, „damit ich eine Vorstellung davon bekomme, wie ich für Akkordeon schreiben muss“. Auch hat sie sich ein paar Tage auf Lageders dem biologischen Weinbau verpflichteten Hof aufgehalten, um sich einen Eindruck von der dortigen Lebens- und Arbeitswelt zu verschaffen. Rechtzeitig zum Tiroler Jazzfestival im Juli 2012 war „The Imprint“, eine an die Zyklen eines landwirtschaftlichen Betriebs angelehnte fünfsätzige Suite, zur Aufführung gereift. Die Proben mit Zanchini und Senni seien völlig entspannt und problemlos verlaufen, erzählt sie, das Konzert sei vom offensichtlich kennerischen Publikum mit großem Beifall aufgenommen worden. Auch die drei Protagonisten waren mit sich selbst äußerst zufrieden. Es war dann Zanchini, der - auch aufgrund des Mitschnitts - immer wieder drängte: „Lasst uns mehr daraus machen!“ Als erstes folgte ein umjubelter Auftritt des Trios beim „ Romanischen Sommer“ in St. Gereon, der schönsten romanischen Kirche Kölns mit ihrer fantastischen Akustik. Ebenso erfolgreich verliefen Konzerte beim Kölner „Winterjazz“, dem von Niescier selbst initiierten Festival, und dem Bonner Jazzfest. Durch ihr intensives Zusammenspiel verstanden sich die drei Musiker immer besser und inspirierten Niescier und Zanchini zu neuen Kompositionen. Der Wunsch nach einer CD ergab sich wie von selbst. Mit blue pearls music war bald ein Label gefunden, in dessen vielseitiges und eher unorthodoxes Programm das Konzept des Trios nahtlos passt. Und so wurde im April 2014 in Italien aufgenommen, wenig später in Köln vom viel gefragten Tonmeister Christian Heck abgemischt – und am 6. Februar konnte das Release von „NOW“ gefeiert werden.

In der Tat ist eine bemerkenswerte CD entstanden, ungewöhnlich nicht nur für Niescier-Fans. Altsaxophon und Akkordeon ergeben faszinierende Klangbilder, sowohl im Wechsel- wie im Zusammenspiel, und besonders beeindruckend bei rasenden Unisono-Läufen. Die neben den notierten Teilen freien Räume nutzen Niescier und Zanchini zu Improvisationen mit schier unerschöpflichen Ideen. Hier bleibt Niescier zumeist, wie wir sie kennen, voller Energie bis zur dissonanten Schrillheit, weich und warm, wenn sie entsprechende Stimmungen malt. Aber wer kannte hierzulande schon diesen Akkordeon-Giganten Simone Zanchini? Volle Blockakkorde, virtuose Läufe, akustische Akzente aller Art holt er unangestrengt aus seinem selbst designten hölzernen Instrument heraus. Vom Bassisten Stefano Senni war Niescier schon bei ersten Probe überzeugt. Ihm kommt in der Schlagzeug losen Band die Aufgabe zu, das Ganze zusammenzuhalten, „während wir anderen beiden ‚abfliegen‘. Stefano weiß immer ganz genau, wann er uns erden muss und wann er uns freilassen kann“, schwärmt sie.

„NOW“ enthält nur zwei Kompositionen aus der Originalkomposition: „Now“, kontrastreich zwischen Wohlklang und schroffer Dissonanz wechselnd, und „Then“ als kontemplatives Gegenstück, in das man träumend versinken könnte. Niesciers drittes Stück auf der CD, „Two Sides Of A Coin“, in dem Senni seinen freien Raum wunderbar nutzt, könnte einen programmatischen Titel für Niesciers musikalisches Schaffen abgeben. Das wäre jedoch zu kurz gegriffen, denn in der Gesamtbetrachtung umfasst ihre Musik weit mehr als nur „zwei Seiten einer Münze“, legt so viele und immer neue Schichten frei, dass jeglicher Versuch einer Rubrizierung versagt. Angelika Niescier ist so wenig einzufangen, wie offenbar die schwarzen Pferde in dem zweiten Stück der CD: „Kare Konie a gdzie moje – Meine schwarzen Pferde, wo sind sie?“, eine von ihr vivace arrangierte volkstümliche polnische Melodie, die bei polnischen Jazzmusikern sehr beliebt ist.

Eine Frage an die 1970 in Szczecin/Stettin geborene Angelika liegt nahe: Trittst Du auch mal in Polen auf? „Nein“, erwidert sie, die Weitgereiste, und lacht, doch ein wenig überrascht, um gleich darauf ernst zu werden: „Warum nicht, das frage ich mich auch manchmal, da habe ich meine Wurzeln wohl noch nicht stark genug gesucht. Ich kam ja mit elf Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland, war also sehr jung. Deshalb vielleicht habe ich keinen künstlerischen Kontakt gehabt. Ich habe aber jetzt mehrere Male mit dem polnischen Trompeter Maciej Fortuna – ja, so heißt er wirklich - zusammen gespielt, einmal auf Sardinien und dann bei einem international besetzten Weihnachtskonzert des Goethe-Instituts in Rom. Ich vertrat Deutschland, er Polen. Ein super Trompeter und ein super Typ, dazu ein totales Alphatier, na, und da ich in dieser Hinsicht auch nicht ohne bin, haben wir uns sehr gut verstanden. Als ich nach einigem Zögern dann mit meinem Polnisch rausrückte, hatten wir noch viel Spaß.“

Nach diesem polnischen Intermezzo nochmal zurück nach Italien und zu „NOW“, der Sonnenscheibe von Bozen, zu der auch Simone Zanchini zwei Kompositionen beigesteuert hat. „Ció la Putina che mi salta“ könnte als Burleske bezeichnet werden, worauf schon der Titel deutet, etwa „Mich beißt ein Floh“ oder „Mir platzt der Kragen“ oder auch „Mich sticht der Hafer“. Es könnte aber auch die Nadel des Plattenspielers gemeint sein, die immer aus den schadhaften Rillen springt. So oder so, Zanchinis Finger fliegen nur so über die Klaviatur des Akkordeons wie das Wasser aus einer frischen Quelle. Die irrsinnigen Unisono-Passagen von Saxophon und Akkordeon sind dann auf Zanchinis zweiter Komposition „Morte accidentale di un Anarchico“ zu bestaunen. Der Titel ist eine Anleihe bei dem gleichnamigen Theaterstück, mit dem Dario Fo an den noch immer ungeklärten Tod des Anarchisten Giuseppe „Pino“ Pinelli (1928 – 1969) erinnert – er war während eines Polizeigewahrsams aus dem vierten Stock des Mailänder Polizeipräsidiums gestürzt (worden?). Pinelli wurde danach zu einer in mehreren Canzones und zwei Filmen gewürdigten Legende der italienischen Linken. Das letzte Stück, der Standard „Your Are Too Beautiful“ von Victor Young, wird von dem Trio nach allen Regeln der Kunst gegen den Strich gebürstet, gedehnt und zerfasert, ein relaxter Ausklang nach aufregender Parforce, auch für den Hörer.

Bereits im März begann das „NOW“-Trio mit der deutschlandweiten CD-Release-Tournee, u. a. am 5. Mai zum Wiedersehen in Bozen und 30. Mai auf dem Elbjazz-Festival in Hamburg. Am 25. April hat in Lüdenscheid das Projekt „Jazz and Renaissance“ Premiere. Neben zehn Musikerinnen und Musikern an alten Instrumenten übernehmen Niescier, Dierk Peters (vib), Matthias Akeo Nowak (b) und Christoph Hillmann (percussion) den Jazz-Part. Die Musik des Renaissance-Komponisten Diego Ortiz wird in historischer Aufführungspraxis, die auch Improvisationselemente enthält, mit der+ des modernen Jazz konfrontiert (www.ortiz-project.affettomusicale.com). Ganz anders geartet ist das Projekt „Streben und Sterben“, bei dem Niescier neben dem Bassisten und Komponisten Sebastian Gramms als Co-Leader fungieren wird. Sie werden sich ab August mit Schuberts „Winterreise“ und mit anderen Komponisten jener Periode befassen, von denen sie sich beim gemeinsamen Komponieren inspirieren lassen möchten. Im Herbst geht es mit Niesciers ständigem Quartett SUBLIM – außer ihr an Alt und Sopran Florian Weber, Matthias A. Nowak, Christoph Hilmann - für das vierte Volume (wieder bei shaa-music) ins Studio beim Radio Berlin-Brandenburg. Als Gast kommt der Vokalist Michael Schiefel hinzu. Eine weitere CD mit dem Niescier/Weber NYC Quintett und Ralph Alessi (tp), Chris Tordini (b) und Tyshawn Sorey (dr) ist in Vorbereitung (bei intakt records). Außerdem ist für Herbst das Release einer CD mit Niesciers isländischem Trio SHA (für Scott McLemore (dr) und Hilmar Jenson, dem Gitarristen in Jim Blacks Band AlasNoAxis, und Angelika) avisiert.

Angelika Niescier scheut keine Experimente, keine ungewöhnlichen Konstellationen. Fast könnte man meinen, die Kare Konie, die schwarzen Pferde, die sie im zweiten Stück ihrer „NOW“-CD sucht, stünden symbolhaft für ihre unentwegte Suche nach neuen Herausforderungen, nach neuen Klängen, nach Grenzen, die es zu überwinden gilt. Niemand in der Jazzwelt würde sich wundern, wenn sie bei einem der nächsten polnischen Jazzfestivals auftauchen würde.

Der Beiträg erschien gleichlautend im Jazzpodium 4/15