Widerworte |

Eine Stellungnahme von Sven Thielmann

Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Essen, 14.05.2015 | Keine These ohne Gegenthese! Thomas Hufschmidt hatte im Gespräch mit nrwjazz.net die mangelnde mediale Präsenz des Jazz kritisiert - vor allem, wenn es um Musiker und Veranstaltungen im Umfeld der Folkwang-Hochschule geht. Der Essener Journalist und Jazzkritiker Sven Thielmann fühlt sich hier zu einem persönlichen Zwischenruf veranlasst. Sven Thielmanns Stellungnahme sei hier im Original-Wortlauf wiedergegeben:

"Es ist unzweifelhaft lobenswert, einem nicht ganz unbekannten Essener Jazzmusiker unter dem plakativen Titel "Klartext mit Thomas Hufschmidt" die Gelegenheit zu bieten, seine Sicht einer Jazz-Berichterstattung in Essen darzustellen. Seinem Eingangssatz "Das Problem hier im Ruhrgebiet ist, dass wir nicht so eine Medienlandschaft haben wie andere große Städte" ist uneingeschränkt zuzustimmen. Jedoch mit einem großen "Aber" ...

Wo war der Protest der Ruhrgebiets-Jazzer, als aus ökonomischen Gründen hunderte (!) Journalisten der WAZ-Mediengruppe (heute: Funke Mediengruppe) entlassen und überall im Verbreitungsgebiet Lokal-Redaktionen zusammengelegt wurden? Wo war der Protest der Ruhrgebiets-Jazzer, als die in Dortmund ansässige Kulturredaktion der WDR samt der dazugehörigen Sendeplätze aufgelöst wurde?

Um es ganz deutlich zu sagen: Es hat sich kein einziger Jazz-Musiker kritisch dazu geäußert. Und nun wundert sich der Folkwang-Professor darüber, daß es in Essen statt ehedem zwei unabhängigen lokalen Kulturredaktionen (WAZ und NRZ) nur noch eine einzige gibt, deren Arbeit in beiden Zeitungen identisch jeden Tag erscheint. Abgesehen davon, daß dadurch nur noch eine einzige Sicht der Dinge dargestellt wird - was sämtliche Kulturbereiche gleichermaßen betrifft -, haben dadurch zahlreiche qualifizierte Journalisten ihre Publikationsplattform und obendrein auch ihr Einkommen verloren.

Ich begleite seit weit über 30 Jahren als unabhängiger, freiberuflich tätiger Autor und Fotograf für die WAZ die Entwickung der Essener wie internationalen Jazz-Szene. Davon hat auch Thomas Hufschmidt immer wieder persönlich, aber auch als Repräsentant der Folkwang Universität der Künste profiertiert.

Wenn ich nun lesen muß "Von der Hochschule her machen wir ganz viel Jazz - aber das meiste davon kommt in den etablierten Medien, allen voran der Essener Tagespresse überhaupt nicht vor", dann bin ich mehr als nur etwas verärgert. Und dies aus mindestens zwei Gründen.

Erstens kennt mich Thomas Hufschmidt seit Ewigkeiten als mit Verlaub hochengagierten WAZ-Autor, der immer ein offenes Ohr für Jazzthemen hat und nachweislich die Essener Jazz-Szene nachhaltig gefördert hat. Es wäre ihm also aufgrund unserer langjährigen Bekanntschaft ein leichtes, mich - aber auch die Kulturredakteurin der WAZ Essen - auf interessante Themen und Veranstaltungen hinzuweisen.

Zweitens ist es gut und schön, daß die Hochschule "ganz viel Jazz" macht; allein bekomme ich bis heute - als mindestens stadtbekannter Jazz-Journalist - von der Folkwang Universität der Künste keinerlei Presse-Informationen zugeschickt. Was in Zeiten elektronischer Kommunikation gewiß kein Kostenfaktor mehr sein sollte. Angesichts von Honoraren, für die Thomas Hufschmidt keinen Handschlag rühren, geschweige denn musizieren würde, halte ich es keinesfalls für meine Aufgabe, irgendwelchen Informationen zu Konzerten oder Musikern hinterherzujagen, die dem Motto frönen "Die tun nix, die wollen nur spielen".

Hätte Thomas Hufschmidt eine auch nur rudimentäre Ahnung von regionaler, aber auch überregionaler Kulturberichterstattung, dann wüßte er, daß kein Genre im Vergleich zu seiner Marktbedeutung in den Medien derart überrepräsentiert ist wie der Jazz. Die durchaus aktive Rock- und Pop-Szene im Ruhrgebiet kann ein gar bitter Lied davon singen. Und wenn ich dann lese "Unsere Studenten wollen Erfahrungen sammeln", dann kann ich wahlweise nur heulen oder lachen und wieder o.g. Motto zitieren: "Die tun nix, die wollen nur spielen."

Wo bitteschön wollen Hufschmidts Studenten und, wohlgemerkt, Studentinnen denn Erfahrungen sammeln? In der Philharmonie, der Zeche Carl, bei "Jazz in Essen"im Grillo-Theater, im Goethe-Bunker bei den "Soundtrips NRW" oder bei den hochspannenden Improvisations-Abenteuern von Rü2Musik im Filmstudio Glückauf habe ich jedenfalls kaum jemals auch nur einen Folkwang-Jazzstudenten gesehen - die werten Professoren übrigens auch nicht. Da paßt sein forscher Satz "Es geht also darum, die Region zu beleben und als kulturellen Standort attraktiv zu machen" wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Vielleicht sollte sich der Herr Professor auf die von ihm genannte "goldene Ära seit den 30ern und 40ern" besinnen, als selbst Studenten der renommierten Juilliard-School wie Miles Davis rasch erkannten, daß sich das Handwerk eines Jazz-Musikers nicht im akademischen Elfenbeinturm erlernen ließ, sondern allein in der Jazz-Clubs der 42nd Street. An genügend Konzerten mit interessanten Musikern, die zum Vorbild taugen, mangelt es nämlich inzwischen im Ruhrgebiet längst nicht mehr.

Woran es dagegen sehr wohl mangelt, sind Jazz-Studenten und Zuhörer, die bereit sind, ihr nach wie vor dörflich strukturiertes Umfeld zu verlassen und das in Essen, aber auch im gesamten Ruhrgebiet vorhandene Angebot an (Jazz-) Konzerten auch aktiv wahrzunehmen. Anstatt larmoyant über angeblich mangelnde Medienpräsenz zu jammern, sollte Thomas Hufschmidt seine Energie deshalb lieber darauf konzentrieren, den oft beklagenswert geringen Publikumszuspruch bei Jazz-Konzerten zu verbessern. Den Anfang könnte er bei seinen Studenten machen."

siehe Interview mit Thomas Hufschmidt unter

http://nrwjazz.net/jazzreports/2015/Interview_mit_Thomas_Hufschmidt/