Wo ist mein Beat? |

Fünf Jahre `Myanmar Meets Europe` Interview mit Tim Isfort

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Uwe Bräutigam, Markus van Offern, Goethe-Institut, Christoph Bernd, Dorian Kiani

Duisburg, 26.05.2015 | Der Bassist und Komponist Tim Isfort hat das Traumzeit Festival geleitet, war Kurator des Moers Festivals und ist Bassist in Jan Klares Band The Dorf. Er arbeitet seit fünf Jahren mit Musikern aus Myanmar (früher Burma) zusammen. Im Interview zieht er eine Bilanz über die Zusammenarbeit von europäischen Jazzern mit traditionellen Musikern aus Myanmar.

Tim, wie bist du dazu gekommen Jazz in Myanmar zu spielen?

Im Dezember 2010 bin ich von der deutschen Botschaft eingeladen worden zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands in Myanmar Musik zu machen. Die deutschen Botschaften haben in einer Reihe von sogenannten Krisenländern solche Musikveranstaltungen zur deutschen Einheit veranstaltet. Ich bin durch meinen Kollegen, den Trompeter Markus Türk, dazu gekommen. Wir sind zu zweit nach Myanmar geflogen und gaben dann in Rangun ( Yangoon) einen Workshop mit Musikstudenten, die sich für westliche Musik interessierten. Diese Studenten wollten alles von uns wissen und saugten unseren Jazz förmlich auf. Das Land war lange isoliert, es gab kaum Informationen, Internet war noch sehr eingeschränkt. Wir gaben den Workshop eine Woche lang und dann haben wir mit ihnen zusammen Konzerte gegeben. Das erste Konzert war extrem surreal. Wir als westdeutsche Jazzmusiker gaben in der russischen Botschaft in Myanmar mit burmesischen Studenten ein Konzert zur Wiedervereinigung Deutschlands.

Was war an dieser Reise besonders wichtig für dich?

Das Besondere an dieser Reise war, dass wir die traditionelle burmesische Musik kennen lernten. In diesem Sinne sind wir reicher zurückgekehrt, als wir hingekommen waren. Wir kamen zum ersten Mal mit der klassischen Burmesischen Musik und dem traditionellen Hsaing Waing Orchester in Berührung. Ich dachte bis dahin, dass ich mich in der Musik gut auskenne, über alle Kontinente hinweg auch die Instrumente kennen würde. Und dann trafen wir auf Musik und Instrumente von denen wir bisher nichts wussten. Man kennt Tablas oder Gamelan Orchester, aber die Instrumente bzw. die Musik hatte mit beiden nichts zu tun. Wir saßen dort und versuchten zu verstehen, wie diese Musik funktioniert. Ich probte mit traditionellen Musikern und fragte mich: Wo ist mein Beat? Die Burmesen versuchten mir ihre Musik beizubringen. Ich notierte dann das Stück, dass wir gespielt hatten, übte es den ganzen Abend und traf am nächsten Tag die Musiker wieder. Da merkte ich, dass, was sie spielten, hatte nichts mit dem zu tun, was ich aufgeschrieben hatte. Erst war ich völlig verloren, bis ich bemerkte, dass hier eine Parallele zum Jazz bestand. Es gibt bei den traditionellen Musikern ein Thema, eine Melodie, die alle im Kopf haben, aber alle spielen darum herum. Ich erkannte es anfangs nicht. Die Musiker haben so viele Verzierungen und auch Tempowechsel dort hinein gebracht, dass ich einfach nicht folgen konnte. Ich war erst völlig fertig. Das konnte doch nicht sein, ich erkannte nichts mehr wieder. Das war mein persönlicher Kulturschock.

Wie haben sich diese ersten Kontakte weiterentwickelt?

Jetzt sind fünf Jahre vergangen und ich war jedes Jahr in Myanmar oder habe mit Musikern aus Myanmar in Deutschland gespielt. Nun sind wir richtig nah zusammen. Ich war seit dem zehn Mal in Myanmar und die Burmesen waren auch schon sieben oder acht Mal hier. Wir haben versucht, diesen Austausch lebendig zu halten, mit einem Kern von Musikern und einem offenen Umfeld. Es waren auf beiden Seiten auch immer wieder neue Musiker dabei.

Die MusikerInnen kamen aus Italien, Frankreich, Holland oder England, deshalb heißt es auch “Myanmar Meets Europe“. Mir war wichtig, dass MusikerInnen aus verschiedenen Ländern hier zusammenkommen. Die Grundidee dabei ist, dass die Musik unsere Sprache ist. Auch mit gebrochenem Englisch ist die Verständigung sehr schwierig, am Ende ist es die Musik, die sagt, jetzt sind wir richtig, nun stimmt es. Alle spüren ob der Funke übergesprungen ist, oder ob es zäh ist. Das merken die Musiker auf beiden Seiten. Natürlich gibt es die Höflichkeiten und auch die Geduld, aber irgendwann merken alle, nun machen wir gemeinsam Musik. Jetzt passiert auch etwas.

Am Anfang dabei waren Anne Paceo, eine französische Schlagzeugerin, Francesco Diodati Gitarrist aus Italien, Michael Vatcher, ein amerikanischer Drummer, der in Amsterdam lebt. Viele Musiker waren dabei. Einige von ihnen, wie Jan Klare, haben sich tiefgehend damit beschäftigt. Andere sind nur kurz dabei, geben aber auch spannende Impulse, wie Jim Campbell, ein Elektroniker, der auch in der Band The Dorf dabei ist. Er hat Mikros aufgestellt und die Musiker gefragt, ob ihre Musik elektronisch durch den Fleischwolf drehen darf. Da ist ja auch ein Risiko dabei. Die traditionellen Musiker hatten kein Problem damit. Das ist das Tolle an der burmesischen Volksmusik, dass sie völlig offen ist. Es gibt da keine Grenze, an der es heißt: Das geht nicht. Man kann ständig neue Türen aufmachen.

Wie war die Resonanz bei den Menschen in Myanmar?

Wir haben ja eine Tournee mit über 20 Musikern, auch durch die ländlichen Provinzen gemacht. Da kamen die Familien mit ihren Kindern aus den umliegenden Dörfern. In einem abgelegenen Dorf hatten wir mit 50 Leuten gerechnet und am Ende waren etwa 700 Menschen auf dem Konzert. Als wir spielten haben wir natürlich in extrem verwunderte Augen geschaut, die Leute haben solche Musik noch nie gehört. Aber es gab auch Vertrautes, da die traditionellen burmesischen Musiker dabei waren. Dann waren wir westlichen Jazzer und Elektroniker da, ein Streichorchester aus einer ethnischen Minderheit und zwei Cartoonisten, einer aus Myanmar und einer aus Deutschland. Die Zeichner haben das Projekt am Live-Zeichentisch begleitet. Das ist eure Pagode, das ist unser Kölner Dom.

Es gab einen eigens entwickelten Zeichentisch, der zerlegbar war. Dort konnten von unten Fotos oder Videosequenzen projiziert und dann übermalt werden. Das Ganze wurde abgefilmt und auf eine provisorische Leinwand projiziert. Die Zeichner waren sehr kreativ, z.B. haben sie ein Flugzeug als Scherenschnitt aus Pappe genommen und Wolken aus Watte, so konnten auch Kinder daneben stehen und staunen. Es war von Hightech bis sehr haptisch alles im Einsatz. Und es war jeden Abend anders, ebenso wie die burmesische Musik und unser Jazz.

Die Menschen in der Hauptstadt haben natürlich einen anderen Bildungshintergrund, als die Menschen in den Dörfern im Landesinneren. Die Kinder gehen in der Regel nach drei bis sechs Jahren von der Schule ab und arbeiten dann. Das war auch zu spüren, es gab dort auch Passagen in unserer Musik, denen die Leute nicht mehr folgen konnten. Aber das ist nicht schlimm. Es war eine große Sache für beide Seiten, wir haben viel mitgenommen und die einheimischen Musiker haben ebenfalls einiges mitgenommen.

Gab es Widerstand von den buddhistischen Mönchen, gegen westliche Musik?

Überhaupt nicht, wir haben eher gegenteilige Erfahrungen gemacht. Wir spielten 2013 als erstes westliches Ensemble bei einem Pagoden Festival an der Shwedagon Pagode in Rangun. Das Pagoden Komitee lud uns ein. Wir spielten dort in der gemischten Besetzung und es war das erste Mal, dass so etwas stattfand. Wir haben den Buddhismus als sehr offen und tolerant erlebt. Auf der Tournee sollten wir auf einem Dorfplatz spielen und als es anfing zu regnen, öffnete das buddhistische Kloster seine Pforte und wir konnten dort spielen. Der Widerstand kommt eher, wenn auch sehr versteckt, vom Regime, denn es ist immer noch ein Regime, das in Myanmar herrscht. Es gibt zwar nach 50 Jahren Isolation und Diktatur eine Öffnung. Die Armee hat ihre Uniformen ausgezogen und trägt nun Anzüge, ist aber immer noch mit 80 Prozent im Parlament vertreten. Die Opposition ist pro forma und die Reformen werden nur in kleinen Häppchen umgesetzt, um das Volk ruhig zu halten.

Wir haben selbst erlebt, als wir politischer wurden mit unseren Cartoons, dass wir an einigen Orten keine Auftrittserlaubnis bekamen und den ganzen Nachmittag mit der Polizei verhandeln mussten. Als wir dann schließlich auftreten durften, war Militärpolizei mit MPs im Publikum. Das war schon eine bedrohliche Atmosphäre. Wir zeigten Bilder vom Mauerfall, die Musik war entsprechend dramatisch und die Zeichner machten ihre Bilder. Am Ende klatschten die Militärpolizisten mit und alles ging gut aus.

Du hast eben von den Musikern erzählt, die großes Interesse am Jazz hatten. Gibt es so etwas wie eine kleine Jazzszene?

Die Studenten, auf die wir trafen, hatten einen unstimmbaren Kontrabass, ein kaputtes Schlagzeug und ein völlig verstimmtes Klavier und spielten damit Jazzstandarts. Markus Türk und mir kamen fast die Tränen, als sie uns vorspielten. Bisher hatten sie kaum westliche Kontakte. Sie waren so 17-18 Jahre alt. Seitdem haben wir viele Workshops mit ihnen gemacht. Jetzt, mit Mitte 20, ernähren sie ihre jungen Familien mit Jazzmusik. Sie spielen in Hotelbars oder machen eigene CDs. Als ich das letztes Jahr sah, war ich richtig stolz. Sie haben den Traum gehabt, Jazz zu spielen und nun spielen sie tatsächlich in Restaurants oder Bars und verdienen für ihre Verhältnisse richtig gutes Geld.

Ein Problem ist, dass sie unsere Musik kopieren. Es gibt in Myanmar ein Nacheifern von allem, was aus dem Westen kommt. Wir haben während der ersten Workshops immer gesagt, dass es toll sei, dass sie unsere Musik so aufsaugten, aber dass es auch wichtig sei, die eigene Kultur, die eigene Musik zu schätzen. Ihr habt hier einen großen Schatz, den es zu bewahren gilt. Wir in Deutschland haben ihn verloren. Einmal natürlich durch die Nazizeit und dann auch durch die 68er Zeit. Das sind die zwei Extreme, die zur Verneinung der deutschen Volksmusik beigetragen haben. Es gibt ja wahnsinnig schöne deutsche Volkslieder. Ich bin in der Zeit aufgewachsen, als es total uncool war Volksmusik, Volkslieder zu hören. Wir verbanden mit Volksmusik Ernst Mosch usw.

Mittlerweile gibt es eine ganz andere Bewegung, die Singer/Songwriter, hier gibt es auch eine Rückbesinnung auf Volkslieder. Da merkt man dann, dass Volksmusik nichts mit rechter Gesinnung, Stammtisch und Lederhosen zu tun haben muss. Das war in meiner Jugend noch das Klischee, deshalb waren für mich Punk, The Who und dann Jazz die Orientierungspunkte.

Wie geht es weiter? Bleiben die Kontakte? Wirst du weiter in Myanmar oder mit Musikern von dort in Europa Musik machen?

Unbedingt. Zum einen haben wir die traditionellen Instrumente gekauft. Ich bin sicher der einzige, der die Instrumente für ein komplettes traditionelles Hsaing Waing Orchester im Keller stehen hat. So können wir die Musiker einfliegen und wir können hier Konzerte spielen, in ganz Europa. Dann gibt es die bestehenden Kontakte zum Goethe-Institut und zur deutschen Botschaft. Da sind immer wieder Projekte entstanden. In den letzten fünf Jahren haben wir mit Unterstützung des Landes NRW und dem Goethe-Institut einen sehr kontinuierlichen Austausch organisieren können. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind einzigartig.

Wir sind jetzt soweit, dass wir Musikstücke der jeweils anderen Kultur spielen können. Damit können wir die Kultur der anderen im jeweiligen Land der Bevölkerung nahe bringen. Das große Projekt Myanmar Meets Europe hatte auch immer wieder kleine Seitenprojekte. Eines dieser Projekte war “What Is This Melody“, wo auch die chinesische Musikerin Xu Fengxia mit einbezogen wurde. Solch eine kleine Gruppe ist eine sehr konzentrierte Form der Zusammenarbeit mit einzelnen Musikern auf Augenhöhe. Hier gibt es eine sehr detaillierte Arbeit an A-Teil, B-Teil, Tonleiter und Improvisation. Ich werde im Sommer eine Platte herausbringen, die die letzten drei bis vier Jahre dokumentiert. Dort wird es verschiedene Besetzungen geben. Eine Besetzung ist rein burmesisch, um zu hören wie die Musik ursprünglich klingt, dann eine kleinere mit jeweils drei Musikern aus Myanmar und aus Europa und eine große Besetzung mit 11 Leuten.

Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt des Goethe-Instituts auf Klassik. Mit einheimischen Streichern wird das a-Moll Violinkonzert von Bach einstudiert. Es soll dann in Myanmar aufgeführt werden, vielleicht kommen die Musiker auch nach Deutschland und es wird hier einige Konzerte geben. Nächstes Jahr werden wir dann im Jazz weiter machen. Eventuell werden wir das Projekt mit Tanz verbinden. Die traditionelle Musik in Myanmar ist sehr stark mit dem Tanz verwoben. Es gibt eine Marionetten Tradition, bei der die Tanzbewegungen von Puppen ausgeführt werden. Die Bewegungen der Marionetten werden aber auch von menschlichen Tänzern ausgeführt. Es gibt umfangreichen Tanzstücke und Opern. Es könnte einen Austausch von europäischen und burmesischen Tänzern geben. Das sind aber nur erste Gedanken.

Läuft die Förderung dieser Projekte über das Goethe-Institut?

Das letzte Projekt“What Is This Melody“ ist vom Kultursekretariat Wuppertal teil finanziert worden, d.h. der Veranstalter und das Kultursekretariat teilen sich die Kosten. Als ich 2011 die Burmesen zum ersten Mal zum Traumzeit Festival geholt habe, wurde auch ein großer Teil vom Kultursekretariat finanziert. Das Goethe-Institut ist unser stärkster Partner in Myanmar bzw. Südostasien. Das Goethe-Institut kann natürlich nicht nur ein Projekt über Jahre fördern, sondern muss seinem Auftrag an Vielfalt gerecht werden.

Aber Xaver Augustin, der Leiter des Goethe-Instituts in Rangun, ist einer der wenigen Kulturpolitiker, der wirklich sieht, was hier entstanden ist, etwa dass junge Musiker aus Myanmar, die in den Projekten mitgearbeitet haben, nun ihre Familien mit ihrer Musik ernähren können. Oder dass wir hier in Europa auf wirklich großen Festivals gespielt haben. Und vor allem, dass die Musik, die hier entstanden ist, unerhört ist, dass es kaum etwas Vergleichbares gibt. Das ist ein riesiger Schatz. Es ist auch für mich ein Geschenk, dass ich durch den oben erwähnten Zufall, dort gelandet bin. Es ist halt sehr schwer in der hiesigen Politik der Kulturförderung, die verschiedenen Bälle für dieses Projekt hoch zu halten. Du bist zum einen selbst beteiligter Musiker, du musst den Kontakt zu den burmesischen Musikern pflegen und du musst dich um Förderer und Sponsoren kümmern, also ständig Anträge schreiben.

Ist hier für dich persönlich eine Spur gelegt worden, die du musikalisch verfolgen wirst? Oder war das nur ein Projekt, das sehr bereichernd war, aber nun kommt ein neues Projekt?

Ich glaube, dass diese Zusammenarbeit mit den Musikern aus Myanmar und die Erfahrungen mit dieser andersartigen Musik mich lange begleiten werden. Diese Erfahrung hat für mich eine neue Welt aufgemacht und ich hinterfrage, böse formuliert, die engstirnige Vorstellung von einer Rhythmusgruppe in der westlichen Welt. Man ist plötzlich wieder näher an Ornette Coleman dran oder an anderen Sachen, die rhythmisch freier sind. Beim Musizieren ändern sich auch die Hörgewohnheiten, man wird wieder offener. Man ist nicht mehr so erzkonservativ unterwegs mit Taktstrichen, Akkordfolgen usw. Das haben wir alle gelernt, das hat auch seine Berechtigung. Aber hier ist eine neue Tür aufgegangen, eine neue musikalische Dimension. Das ist nicht irgendein Projekt, für mich ist klar, dass es weitergeht.

Wenn ich das richtig herausgehört habe, dann hat diese Erfahrung mit der Musik Myanmars dein Bassspiel verändert, nicht nur im Zusammenspiel mit burmesischen Musikern, sondern auch im westlichen Jazzkontext.

Nicht nur im Jazz. Ich komponiere auch viel Musik, Streichquartette oder mache Arrangements für andere Musiker. Diese Erfahrung hat mich beeinflusst und hat mir geholfen, mich weiter zu entwickeln. Sie ist nicht auszuklammern. Sie ist in meinem Kopf und schlägt sich in allem, was ich musikalisch mache, nieder. Wenn ich als Bassist ein Solo spiele, dann fließt ja alles, was ich den letzten Jahren erfahren habe, mit ein. Beim Komponieren ist es besonders deutlich. In den letzten Jahren habe ich mich viel mit Minimalmusic auseinandergesetzt und da finde ich viele Gemeinsamkeiten. Es gibt Tonfolgen, die immer wiederholt werden, leicht variiert werden, sich zu einem Klangteppich verdichten, dann spielt die Oboe darüber und dann kommt der Basstrommelspieler und beendet das Ganze mit einem Paukenschlag. Das sind einfach Impulse, die gehen nicht verloren, die sind in meinem musikalischen Gedächtnis und werden mich begleiten. Ich glaube allerdings auch, dass es für mich noch sehr viel zu lernen gibt. Ich habe bemerkt, dass ich mich gerade im letzten Jahr getraut habe, bestimmte Sachen zu spielen, ebenso wie die Kollegen aus Myanmar. Eigentlich stehen wir erst ganz am Anfang.Myanmar hat eine Jahrhunderte lange Musikkultur. Es gibt ein traditionelles Liederbuch mit 400 bis 500 Liedern. Nur die Texte sind aufgezeichnet, nicht die Musik. Die großen Musiker kennen vielleicht von der Hälfte der Lieder die Musik dazu auswendig und geben sie an ihre Schüler weiter. So ist diese Musik sehr lebendig und sie entwickelt sich weiter. Ein bestimmtes Stück hat vor 80 Jahren anders geklungen, als es heute klingt.

Dagegen erscheint unsere klassische Musik wie in Stein gemeißelt. Sie ist zeitlich, in der Tonhöhe und auch dynamisch sehr festgelegt und der Spielraum, den ein Dirigent oder ein Orchester hat, um ein Stück zu interpretieren, ist vergleichsweise gering.

An welchen anderen Projekten arbeitest du zurzeit?

Die CD zum Projekt “Myanmar Meets Europe“, die im Sommer herauskommen soll, habe ich schon erwähnt. Sie soll ein Baustein sein, um die erste Etappe zu dokumentieren. 2016 wird es wahrscheinlich mit neuen Projekten im Myanmar Kontext weitergehen.

Seit fast 18 Jahren arbeite ich an meiner zweiten Orchesterplatte, zwar nicht stetig und konsequent, aber nächstes Jahr möchte ich sie doch herausbringen. Es sieht nach einem Doppelalbum aus. Ich habe 1997/98 eine Platte gemacht mit dem Tim Isfort Orchester. Da waren Leute dabei, wie Blixa Bargeld, Tom Liwa, Christian Brückner oder Katharina Thalbach. Damit sind wir auch ein paar Jahre aufgetreten und haben tolle Sachen gemacht. Aber davon konnte ich nicht existieren, es war ein utopisches Liebhaberprojekt. Trotzdem habe ich damals schon begonnen, weitere Orchesteraufnahmen zumachen. Ich habe zwischendurch Festivals geleitet, war in Myanmar und im Kongo. Es hat sich viel in meinem Kopf bewegt und nun möchte ich all das zusammenfassen und abschließen. Die Spannweite des Albums reicht von Gästen, die schon auf der ersten Platte waren, bis hin zu Minimalmusic. Myanmar wird dort nicht dabei sein, das halte ich getrennt. Das ist ein ganz großes Projekt. Dann spiele ich natürlich weiter in The Dorf. In meinem Studio nehme ich immer wieder Musik auf. Ich bin spezialisiert auf akustische Musik und mache viele kleine Jazzproduktionen, Streichquartett oder Tango. Oft arrangiere ich dabei auch noch. Außerdem muss ich noch ein Kind großziehen und Hühner halten, damit ist mein Kalender schon voll.

Dann möchte ich mich ganz besonders dafür bedanken, dass du dir für unser Gespräch soviel Zeit genommen hast.