Thomas Alkier |

Drum-Export aus dem Revier

Text & Fotos: Ingo Marmulla

Recklinghausen, 23.03.2015 | Anlässlich eines gemeinsamen Konzertes mit Thomas Alkier in der Altstadtschmiede Recklinghausen (23.April), sah ich mich veranlasst, das längst überfällige Telefonat zu führen, um Besetzungs- und Stückefragen zu klären. Wie es bei ähnlichen Anlässen immer Gang und Gäbe ist, stellt man irgendwann natürlich auch Fragen nach dem allgemeinen Befinden und nach Auftrittsterminen. „Wir sind morgen mit den Nighthawks im Essener Grillotheater!“ Da Thomas mir spontan anbot, mich auf die Gästeliste zu setzten, setzte ich mich am Folgetag in Bewegung und entschied mich „on the road“ ein Interview mit einem der wichtigsten Jazz-Exporte des Ruhrreviers in die Bundeshaupstadt zu initiieren. Nach dem Konzert im Backstagebereich fand sich allerdings nur noch Zeit auf das gelungene Konzert anzustoßen und herum zu blödeln. Wir verabredeten uns aber das Interview telefonisch nachzuholen. Die nachfolgenden Zeilen geben unser Gespräch über Thomas Alkiers musikalischen Werdegang, seinen musikalischen Werdegang und seine musikalischen Ansichten wieder:

Als wir uns kennen lernten, warst du gerade 15 Jahre alt und gingst noch zur Schule. Ich, knapp 10 Jahre älter, stieg gerade als Gitarrist bei Tyree Glenn Jr. ein. Wir haben uns eigentlich sofort gut verstanden und haben zusammen in meiner Ding Dong Band gespielt und eine Platte mit Wayne Bartlett aufgenommen. Du hast damals schon sehr gut geklungen, hattest eine enorme Technik und bist schließlich zum Musikstudium nach Köln gegangen. Kannst du uns mal erzählen, wie du zum Schlagzeugspielen gekommen bist, wie deine musikalischen Anfänge verliefen und wie es dann in Köln weiterging.

Zum Schlagzeugspiel bin ich mit 11 Jahren gekommen, eigentlich durch meinen Bruder. Mein Bruder hat im April Geburtstag, ich im August. Er hatte im April eine Gitarre geschenkt bekommen, die angesagt war, dann wurde eine Band gegründet und es fehlte der Schlagzeuger. Mein Bruder hat mich überredet, Schlagzeug zu spielen. Und dann stand zu meinem Geburtstag ein Schlagzeug da, weil mein Vater ein gebrauchtes Schlagzeug gekauft hatte. So bin ich zum Schlagzeugspielen gekommen. Die ersten Stunden hat mir Georg Hahn gegeben. Der machte seinen Zivildienst in der evangelischen Kirche in Recklinghausen Hochlarmark, wo mein Bruder zu der Zeit auch häufig war. Und nach und nach lernte ich Leute von Tyree kennen, von “Bandbox“ und letztendlich ja auch dich.

Und dann bist du zur Tyree Glenn Jr. Band gekommen.

Ja, das eine oder andere Mal hab ich ausgeholfen, durfte immer häufiger mitspielen und war schließlich in der Band. Das war eine super Zeit, man war eigentlich jedes Wochenende weg. Als Schüler mit den „alten Säcken“ abhängen zu dürfen, war für mich total spannend. Ich wurde immer als 18-Jähriger getarnt, damit ich auch in die Clubs durfte. Das war eine tolle Band und ich habe unheimlich viel gelernt, was Rhythm ´n´ Blues, Funk und Soulmusik angeht. Das Jazzspiel kam eigentlich erst später, als ich nach Köln ging.

Erzähl mal, wie ging es in Köln weiter?

Ja, ich habe mit 17 in Köln die Aufnahmeprüfung gemacht und durfte auf Grund einer Ausnahmeregelung ohne Abitur anfangen zu studieren. Relativ bald war ich in vielen verschiedenen Bands. Zu der Zeit gab es noch nicht so viele junge gute Schlagzeuger. Es war damals auch schwieriger an Unterricht zu kommen und ich hatte das Glück, viel von den Leuten zu lernen, mit denen ich in einer Band gespielt habe. Es fiel mir leicht, in Köln Fuß zu fassen. Mit Anfang zwanzig war ich in der Band von Charlie Mariano, zusammen mit Mike Herting und Paul Shigihara, und habe dann mit der Band beim Theaterhaus Festival in Stuttgart gespielt, wo mich Volker Kriegel gehört und für seine Band engagiert hat. So ging es schnell, dass ich mit bekannten Musikern wie Christof Lauer bis hin zu Albert Mangelsdorff gespielt habe. Das hatte aber gar nicht mehr so viel mit Köln zu tun, das war mehr die Frankfurter Szene, die Musiker waren deutlich älter als ich, eine andere Generation.

Du warst in den 80ern als Trommler extrem schnell im Geschäft und hast mit vielen bekannten Musikern gespielt, warst nebenbei bemerkt dankenswerterweise sporadisch auch mal mit mir im Studio, um Backingtracks für Gunter Hampel oder Casey Jones aufzunehmen. Dabei warst du nie eingleisig in Richtung Pop oder Jazz unterwegs. Was waren in den ersten Jahren deiner Laufbahn die für dich wichtigsten musikalischen Stationen?

Die wichtigsten musikalischen Stationen waren vor allem Volker Kriegel und Charlie Mariano, was den Jazz angeht. Volkers Band war fantastisch. Da waren beispielsweise Thomas Bettermann, später Michael Schürmann am Bass und, und, und ... Sechs Jahre lang haben wir immer ein oder zwei Tourneen im Jahr gemacht. Damals ging das ja noch. Und auch mit jemandem wie Charlie Mariano zu spielen, hat sehr viel gebracht. Der hatte so eine Aura, aber das weißt du ja selbst, weil du auch mit ihm gespielt hast. Man war ein besserer Musiker, sobald er dabei war. Da gibt es nicht so viele Musiker, die das haben. Mit Dizzy Gillespie habe ich das dann noch einmal erlebt, das war etwas ganz Besonderes. 1989 habe ich die Möglichkeit bekommen ein gutes Jahr in der Klaus Lage Band zu spielen. Dementsprechend hab ich dann weniger Jazz gespielt, aber ich bin da musikalisch ganz offen und spiele gerne auch andere Musik.

Ab 1991 kam das Vienna Art Orchestra hinzu, bei dem spielte ich auch sechs Jahre. Das war natürlich super, mit den Tourneen durch die ganze Welt. Ich habe da auf allen wichtigen Festivals gespielt. In die Band bin ich gekommen, weil Wolfgang Puschnig mich kannte, mit ihm und Christof Lauer hatten wir eine Band. Ich spielte in verschiedenen seiner eigenen Projekte, und er empfahl mich dann Mathias Rüegg, so dass ich ohne Audition in die Band gekommen bin. Da gibt es zahlreiche CD-Aufnahmen. Das waren super Musiker, und für mich als Österreicher war es toll in der Band zu sein. 1996 bin ich dann nach Berlin gezogen.

Ende der 90er, da warst du schon in Berlin, haben wir uns wieder zu einem gemeinsamen Bandprojekt mit Charlie Mariano getroffen. Ich hatte Charlie zum Jungen Forum nach Recklinghausen eingeladen. Für die damalige Begleitband konnte er sich damals nicht so richtig erwärmen, aber eine Band mit dir war ganz in seinem Sinn! Damals kamen wir musikalisch wieder mehr zusammen. Du warst musikalisch aber schon in ganz unterschiedlichen Gefilden unterwegs. Wie ging es in deiner Anfangszeit in Berlin weiter? Da hast du ja wieder ganz andere Leute kennen gelernt.

Ich kannte natürlich schon viele Musiker in Berlin, wie beispielsweise Till Brönner, und war auch hier wieder schnell in der Szene. Es ist letztlich nicht so wichtig, ob du in Berlin oder in Köln lebst. Die Musiker kennen sich gegenseitig und man spielt zusammen. Wenn die Leute wissen, dass man jetzt in Berlin ist, geht das ganz schnell. Ich habe mit Leuten wie Wolfgang Köhler und Rolf Zielke und damals sehr viel mit Kai Rautenberg gespielt (Rias Big Band). Mit Kai habe ich oft Künstlerbegleitung gemacht: Gitte Haenning beispielsweise, mit der ich heute noch spiele, oder Harald Juhnke und Dieter Hallervorden, um einige zu nennen. Ich habe das gern gemacht. Man muss da natürlich anders agieren als in einer Jazzband. Man hat ein viel engeres Korsett, weil man bedienen muss.

Was gibt es an aktuellen und zukünftigen Projekten?

Aktuell spiele ich mit den Nighthawks, die hast du ja jetzt gesehen. Das ist eine Band, die mir sehr viel Spaß bereitet und sehr erfolgreich ist, auch international. Von den CDs, die wir gemacht haben, sind drei vergoldet. Das ist doch schon eine Hausnummer! Dann spiele ich noch immer mit Gitte Haenning, aktuell hat sie ein Programm, das mit einigen ihrer alten Hits und mit Jazz kombiniert ist. Das macht mir ebenso Freude. Man muss da sehr flexibel sein. Das ist mir auch beim Unterrichten wichtig, dass meine Schüler lernen, dass es nicht nur eine Musikrichtung gibt. Man sollte facettenreich aufgestellt sein, wenn man vom Schlagzeugspiel leben will.

Und wenn dann Amerikaner in Berliner Clubs kommen und einen Drummer suchen, wirst du doch bestimmt auch angefragt.

Ja, aber diese Situation wird mittlerweile doch seltener. Da hat sich die Szene verändert. Es kommt kaum noch vor, dass ein amerikanischer Solist in die Stadt kommt und vor Ort eine Band zusammenstellt. Das Selbstbewusstsein der Europäer ist gewachsen, die Qualität der Musiker ist so gut, dass sie den Vergleich mit amerikanischen Kollegen nicht scheuen müssen. Es gibt hier in Europa hervorragende Bands, die ohne amerikanischen Headliner auskommen. Da hat sich sehr viel getan.

Kommen wir zum Schlagzeugspiel. Du unterrichtest ja auch an der Folkwang Universität in Essen und gibst deine Kenntnisse und Erfahrungen weiter. Welche Schlagzeuger waren für dich am wichtigsten und welche Schlagzeuger sind für dich aktuell bedeutsam?

Meine alten Vorbilder sind eigentlich gleich geblieben. Einige sind später dazugekommen. Mein wichtigster Einfluss ist definitiv Tony Williams. Ich finde, so muss man Schlagzeug spielen ... wenn man Jazz spielt. Es kommt natürlich darauf an, in welchem Genre man aktiv ist. Im Bereich Bigband fällt mir sofort Mel Lewis ein. Im Bereich des jazzigen Funk denke ich an Gaylord Birch, leider auch schon verstorben, der unter anderem mit den Pointer Sisters gespielt hat. Dann natürlich Jack DeJohnette und Elvin Jones. Von den rockigen Schlagzeugern find ich John Bonham sensationell.

Welchen Stellenwert haben für dich die so genannten „krummen“ Takte? Ich persönlich spiele ja gerne geradeaus. 3/4 lieb ich total, hört man aber kaum noch. Wie sieht es da bei dir aus? Hältst du es für wichtig, dass man da dran bleibt?

Ich musste ja unheimlich komplizierte Musik mit „krummen“ Takten im Vienna Art Orchestra spielen. Da gab es ganz selten mal einen 4/4 Takt. Ich hab auch mit bulgarischen Musikern zusammen gearbeitet, da gibt es dann solche Taktarten: 15/8 usw... Was mir wichtig ist, ist irgendetwas zu finden, was so klingt, als wäre es gar nicht so kompliziert. Ich bin kein Fan von komplizierter verkopfter Rhythmik, es fällt mir schwer, das beim Hören zu genießen. Wenn ich etwas Kompliziertes spielen muss, versuche ich immer einen Weg zu finden, der es einfach erklingen lässt, damit es auch beim Zuhören nicht so anstrengend ist. Das ist auch gut für die Kollegen.

Ich habe vor einiger Zeit die Autobiografie von Peter Erskine gelesen und bei NRWJazz auch darüber geschrieben. Diesem Buch kann man als Schlagzeuger bestimmt nützliche Tipps entnehmen. Welches sind denn so deine Essentials, die du deinen Studenten vermittelst?

Ganz wichtig: Sei kein „Arsch“! Man trifft sich immer zweimal! Man braucht, um in einer Band spielen zu können, eine soziale Kompetenz. Gerade für einen Schlagzeuger ist das von besonderer Wichtigkeit. Abgesehen vom Spielen ist es wichtig, dass man es draufhat, eine gute Atmosphäre zu schaffen, so dass die Mitmusiker einen gerne um sich haben. Dann kann man von seinen Mitmusikern auch erwarten, dass sie sich einem selbst gegenüber ebenso verhalten. Musikalisch ist es enorm wichtig, so zu spielen, dass die Kollegen sich dabei wohl fühlen. Was nutzt es, wenn ich technisch unfassbar gut spiele, aber keiner mit mir spielen kann. Man muss das Instrument begreifen, als das, was es ist: Das Fundament der Band!

Bleiben wir noch ein wenig beim Jazz. Mir erscheinen viele junge Drummer ein wenig zu kopflastig und technologisch. Gibt es deiner Erfahrung nach nicht doch einen europäisch akademisch geprägten Stil und einen etwas backbeat orientierten amerikanischen Schlagzeugstil?

Ich finde die amerikanischen Schlagzeuger teilweise auch schon recht akademisch. Das hängt natürlich damit zusammen, dass es sehr viele Studienorte und Studienmöglichkeiten für das Schlagzeugspiel gibt. So wie wir das Spielen gelernt haben - aus Platten heraushören, in Clubs spielen, auch für geringe Gagen, z. B. konnten wir mit der Stefan Bauer Band drei Wochen am Stück spielen, wenn sich jemand mal ans Telefon begeben hat -, das gibt es mittlerweile nicht mehr. Die Intention vieler Musiker ist teilweise eine ganz andere durch das, was in den Medien vorgegaukelt wird. Die wollen auf die große Bühne und vergessen dabei, dass man Musik macht, weil man Musik machen will. Das ist es, was ich auch beim Unterrichten vermitteln will: Es geht in erster Linie um die Sache, die man macht. Und wenn man dabei Erfolg hat, dann ist das Klasse, sollte aber nicht das erste Ziel sein.

Also, es hat in Europa schon immer unfassbar gute Schlagzeuger gegeben. Ich habe neulich auf YouTube Freddy Hubbard mit NHÖP am Bass auf einem dänischen Jazzfestival gesehen, am Schlagzeug Alex Riel. Supergut, da hat man keinen Qualitätsunterschied zu amerikanischen Drummern gehört, und das schon in den 60ern. In Deutschland haben wir heute so tolle Schlagzeuger wie beispielsweise meine Kollegen Wolfgang Haffner und Jochen Rückert.

Thomas, du weißt, mein musikalisches Herz schlägt auch immer für die freie und kreative Seite des Jazz. In Gunter Hampels Band hatten wir damals den Martin Bues, der leider völlig von der Bildfläche verschwunden ist, oder nennen wir Paul Lovens, oder international Paul Motian, Rashied Ali. Der Schlagzeugstil war geprägt vom Pulsieren, war klang- und energiegeladen. Da wurde der konkrete Beat total über den Haufen geworfen, zumindest aber völlig überspielt. Hast du damit mal experimentiert? Wie stehst du zum Spiel ohne feste Zeiteinteilung?

Ich finde das eigentlich sehr gut, ich mag nur den Ausdruck “Free Jazz“ nicht. Das Spiel ohne Regeln gibt es eigentlich gar nicht. Wenn man miteinander Musik macht, gibt es die Regel, dass man aufeinander hört. Solch eine Musik habe ich mit dem Joachim Kühn Trio gemacht. Da haben wir das erste Stück auf der Bühne zusammen entwickelt. Das konnte total frei bleiben, es konnte sich aber auch eine harmonische oder rhythmische Struktur entwickeln. Es wurde also gemeinsam ein Stück komponiert. Das finde ich total spannend. Nicht gut finde ich, wenn Leute so eine Musik machen, weil sie es nicht anders können. Die bekannten freien Jazzmusiker sind eigentlich auch alle gute Time-Spieler. Da fallen mir zwei Schlagzeuger ein. Erstens: Paul Motian, bei Bill Evans und bei Keith Jarrett und andererseits zusammen mit Jack Bruce auf der “Escalator over the Hill“. Der Zweite ist Tony Oxley, der sich irgendwann entschied, nicht mehr Time zu spielen. Was ich total schade fand, weil er die Time so fantastisch spielen kann. Er ist einer der großen europäischen Schlagzeuger, der in den 60ern Hausdrummer im Ronnie Scott’s war und mit allen Stars der Szene aufgetreten ist. Und natürlich Han Bennink aus Holland, den dürfen wir da natürlich auch nicht vergessen.

Ja, bei ihm kommt ja noch die humoristische Komponente dazu, der war ja auch schon in den 60ern ein aufkommender Schlagzeugstar und hat beispielsweise mit Wes Montgomery gespielt ...

... und mit Dexter Gordon ...

Der baut in seine freien Passagen ja auch immer Post-Bebop-Einlagen ein ...

... und das sind dann die Passagen, die mir besonders gut gefallen. Aber du weißt, was ich meine: Sobald das Leute machen, die es einfach nicht besser können, wird die ganze Sache für mich uninteressant, ist dann nur noch Geräusch.

Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere junge Drummer deine Statements mit Interesse verfolgt. Bestimmt kannst du an dieser Stelle den zukünftigen Absolventen der Musikhochschulen einige Ratschläge mit auf den Weg geben. Hast du eigentlich schon getan, aber vielleicht gibt es noch etwas zu ergänzen.

Entspannt Musik machen ... Immer daran denken, dass man es macht, weil es Freude macht. ... Und viel Musik hören!

Mit CDs mitspielen, Sachen heraushören, auswendig lernen!

Viel Spaß dabei!

Einen Gruß an Dich nach Berlin und vielen Dank für das interessante Telefongespräch. Überflüssig zu erwähnen, dass ich mich schon sehr auf unser Treffen in der Altstadtschmiede am 23. April freue.

Tschau Thomas!

Danke dir! Ich freue mich auf unseren Gig im April!