Funkelndes Universum |

Sebastian Sternals „Symphonic Society“

Text: Dietrich Schlegel | Fotos: Sebastian Sternal

Köln, 14.04.2015 | Sebastian Sternal, viel gefragter und beschäftigter Jazzpianist und einfallsreicher Komponist, hat sich drei Jahre nach dem Erfolg mit seiner „Symphonic Society“, einer aus ausgesuchten Jazzmusikern und einem klassischen Streichquartett bestehenden „symphonischen Combo“, erneut und noch weiter auf das Terrain des symphonischen Jazz vorgewagt. Auf die mit dem ECHO Jazz 2013 ausgezeichnete erste CD folgt nun Volume 2, eine Fortsetzung mit derselben Formation, doch mit noch stärkerer Ausprägung des Symphonischen. Versuche, Jazz und symphonische Musik zueinander zu bringen, hat es schon mannigfach gegeben. Aber Sternal strebt da keine Anleihen an, etwa bei Strawinskys 1945 für Woody Herman geschriebenem berühmten „Ebony Concerto“. Erst recht sieht er sich nicht in der Tradition eines Paul Whiteman, der in den zwanziger Jahren für sein aus klassischen Streichern und bekannten Jazz-Musikern wie Bix Beiderbecke gebildetes Orchester erstmals den anspruchsvollen Begriff „Symphonic Jazz“ geprägt hatte. Sternal ist kein Fan einer „Verjazzung“ von Klassik – wie es z.B. Jacques Loussier mit seinem „Play Bach“ getan hat, , „indem er Bach einfach mit Swing-Achteln spielte“. Ihn interessiert eher eine Verbindung von Jazz und Klassik „aus dem Innern des Materials heraus“. Sehr interessant findet er daher den „Third Stream“ eines Gunther Schuller oder Ran Blake, eines John Lewis oder zeitweise Charles Mingus („Epitaph“) – die Verbindung des Modern Jazz mit derNeuen Musik, jenseits der E- und U-Rubriken. Für Sternal ist Jazz ohnehin immer auch eine ständige Fusion verschiedenster Musikrichtungen und Einflüsse gewesen.

Den Jazzmusiker Sternal spricht es an, wenn vom Jazz aus Schritte hin auf die so genannte E-Musik unternommen werden. „Ich habe mir auch nie vorgenommen, Jazz und Klassik bewusst zu verbinden, halte auch nichts von Crossover-Projekten. Ich mag allein schon das Wort nicht. Es wird meistens verwendet, wenn zwei Richtungen zusammengeführt werden und das mit halber Kraft für beide. W e n n Jazz und Klassik sich verbinden, dann einfach deshalb, weil sich viele Jazzmusiker immer auch intensiv mit Klassik befasst haben. Charlie Parker zum Beispiel war ein großer Verehrer von Brahms. Miles Davis beschreibt in seiner Autobiographie, dass er die Einspielungen der Préludes von Debussy durch Arturo Benedetti Michelangeli rauf und runter gehört hat. Auch ich habe immer klassische Musik gespielt und geliebt, so dass sie auf ganz natürliche Weise auch in meine Kompositionen und Arrangements mit einfließt, sozusagen von innen heraus und nicht so sehr konzeptionell von außen. Was ich mit meiner ‚Symphonic Society‘ versuche, entsprang einer intuitiven Idee. Und was daraus wurde, ist ein natürliches Ergebnis meiner Biographie.“

Der Lebensweg des 1983 in Mainz geborenen Sebastian Aaron Sternal wird bestimmt durch die konsequente und kontinuierliche Entwicklung eines begabten Jungen aus bürgerlichem Hause zu einem erfolgreichen professionellen Jazzmusiker, der mit seinen vielfältigen Aktivitäten und Einfällen schon frühzeitig auf sich aufmerksam gemacht hat. Als ihn seine Eltern mit sechs Jahren zum Klavierunterricht schickten, entsprach das gar nicht seinem Wunsch. Er betrachtete die Stunden mehr als Pflichtübung. Aber sein Lehrer, der eine Affinität zum Jazz hatte, „musste wohl ein Gespür gehabt haben, Jazz könnte auch was für mich sein. Er hat mich sozusagen auf dieses Gleis gesetzt, mir ein paar Platten gegeben, auch Leadsheets mit Akkordsymbolen der wichtigsten Stücke aus dem Great American Songbook. Und dann habe ich mit etwa elf Jahren zum ersten Mal improvisiert, habe auch erste kleine Stücke geschrieben.“

Aber eigentlich wollte Sebastian gar nicht unbedingt Pianist werden, weder Jazz noch klassisch, sondern – Filmkomponist! „Ich war ein Riesenfan von John Williams, der die Filmmusiken für Spielbergs Blockbuster ‚E.T.‘‚ Jurassic Park‘, ‚Der weiße Hai‘, auch für ‚Schindlers Liste‘ und für George Lucas‘ ‚Star Wars‘ geschrieben hat. Mich faszinierte diese symphonische Filmmusik, die Art, wie Musik Atmosphäre erzeugen kann. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich sowas auch machen könnte. Und irgendwie steckt diese Idee immer noch irgendwo in mir…“

Aber dann gewann der Jazz doch noch frühzeitig die Oberhand. Mit zwölf gewann Sebastian den Landeswettbewerb Jugend jazzt für Piano, mit vierzehn ein zweites Mal. In der Big Band seines Gymnasiums und in kleineren Bands der regen Mainzer Jazzszene, angelehnt an die damals von Joachim Ulrich von der Kölner Saxophon Mafia geleiteten Jazzabteilung der Mainzer Musikhochschule (MHS), verdiente sich der junge Pianist in Konzerten und Jam Sessions seine ersten Sporen.

Bald meldete sich Peter Herbolzheimer und lud ihn zu einer Arbeitsphase des Bundesjazzorchesters ein. „Ich war der Jüngste unter vielen jungen Talenten, die alle dasselbe wollten und von denen die meisten schon auf einem sehr hohen Niveau waren. Die haben mich mitgezogen. Und natürlich Peter Herbolzheimer selbst, der für mich ein ganz wichtiger Förderer war, ein inspirierender Mentor, prägend für eine ganze Generation von Jazzmusikern. Er hat mich dann noch während meiner Schulzeit sehr gefördert und zu vielen weiteren Arbeitsphasen des BuJazzO eingeladen – auch noch während des Studiums an der Kölner Musikhochschule. Eines Tages machte Peter mich dann auch noch zum Dozenten, obwohl ich noch ungewöhnlich jung war für diesen Job. Aber vielleicht hatte er bemerkt, dass ich über das Pianistische hinaus auch pädagogische Fähigkeiten besaß.“ Womit Herbolzheimer nur zu Recht hatte, denn Sternal lehrt mittlerweile als Professor für Jazz-Klavier und Jazz-Ensemble an der MHS Mainz sowie als Dozent für Jazz-Klavier, -Komposition und –Theorie an der MHS Köln.

2002 zog Sternal nach Köln um, „weil mich die dortige Szene reizte und vor allem, weil ich unbedingt bei John Taylor, einem meiner Lieblingspianisten, studieren wollte, was mir auch gelang und mich als Pianist sehr prägte. Gleiches gilt auch für Hubert Nuss, meinen zweiten Klavierlehrer in Köln, und natürlich für meinen Kompositionslehrer Joachim Ulrich, den ich hier wieder traf. Die Kölner Studienjahre, die bis 2008/2009 reichten, waren für mich eine sehr schöne, sehr einprägsame Zeit.“

Noch während des Studiums spielte Sternal unentwegt in verschiedenen Bands, auch mit einigen seiner Kommilitonen, mit denen er noch heute in allen möglichen Formationen zusammenarbeitet. Er pflegt weiter sein noch aus Mainzer Tagen stammendes Trio mit Sebastian Klose (b) und Axel Pape (dr). Eine besondere Vorliebe entdeckte er für das Duo-Spiel, so mit dem Saxophonisten Claudius Valk (CD „Lichtspielhaus“, konnex-records 2010), mit dem Bassisten Dieter Manderscheid (CD „Flussrauchen“, Jazzhaus Musik 2014), mit dem Trompeter Frederik Köster („Kanada“, erscheint Ende 2015), gelegentlich auch mit dem Pianisten Pablo Held und dem Saxophonisten Nicolas Simion. Sternal ist ebenfalls ein begehrter Sideman, so im Quartett des NDR-Big Band-Posaunisten Klaus Heidenreich, das unlängst eine Platte mit der NDR Big Band aufgenommen hat. Oder er ist mit Frederik Kösters Quartett „Die Verwandlung“ unterwegs. Neben diesen Aktivitäten entwickelt Sternal immer neue Projekte, vor allem als Komponist.

So wurde vor vier Jahren die „Sternal Symphonic Society“ geboren. Als er 2008 im Rahmen des Kompositionsstudiums auch ein Jahr in Paris verbrachte, verwandte einer seiner Lehrer viel Zeit auf die Analyse von Streichquartetten. „Da habe ich gemerkt, dass ich diesen Klangkörper sehr mag und mit diesem Sound etwas anstellen musste. Zusätzlich inspiriert wurde ich durch Vince Mendozas ‚Blauklang‘-Projekt auf einem WDR Jazzfest, bei dem er eine Jazzband mit einem Streichquartett verbindet, zwar in einer sehr großen Besetzung und ohne Klavier – aber das Klangbild hat mich sehr angesprochen. Ich wollte es für meine Besetzung bloß etwas kantiger und kompakter haben. So entstand die Idee, ein Streichquartett mit vier Jazz-Bläsern zu konfrontieren, sozusagen auf Augenhöhe, und das dann von einer Jazz-Rhythmusgruppe stützen zu lassen. Ich rief einige meiner liebsten Musiker an – und stieß auf Begeisterung. Das Projekt stand und konnte erprobt werden.

Die Jazz-Besetzung ist auf beiden CDs dieselbe, alles prominente und mit Preisen dekorierte Musiker, mit denen Sternal oft zusammenspielt: Frederik Köster (tp), Klaus Heidenreich (tb), Christoph Möckel (ss, as, fl), Niels Klein (ss, ts, cl). Dazu die bewährte und ebenfalls ausgezeichnete Rhythmusgruppe mit Pablo Held (p), Robert Landfermann (b), Jonas Burgwinkel (dr). Das Streichquartett wird von dem renommierten Violinisten Erik Schumann angeführt, der sich weltweit als Solist einen Namen gemacht hat und als Professor in Frankfurt lehrt. Für die CD-Release-Konzerte in Aachen, Osnabrück, Düsseldorf, München und Köln war sogar das komplette „Schumann Quartett“ dabei – derzeit eines der berühmtesten jungen deutschen Streichquartette. Anders als Strawinsky oder Rolf Liebermann, der 1954 auch ein „Concerto for Jazzband and Symphony Orchestra“ komponiert hatte, schrieb Sternal keine mehrsätzigen Großkonzerte, sondern komponierte einzelne Stücke, die mal orchestral, mal kammermusikalisch verfasst und abwechslungsreich, oftmals als Kontrast angeordnet sind. Auch die Titel „Symphonic“ I – VII auf Volume 2 sind nicht suitenartig hintereinander aufgereiht, „aus dramaturgischen Gründen“, erklärt Sternal: „Ich hatte alle Symphonic-Stücke beisammen, habe mir dann einen Konzertverlauf vorgestellt oder eine Geschichte, die auf der CD erzählt werden soll – in welcher Reihenfolge würde ich das gerne hören. So hat sich eine Art roter Faden ergeben.“

Auf das Eingangsstück „Magnolia“ – das Sternal als Widmung an Duke Ellington versteht, ohne dass dies beim ersten Hören erkennbar wäre – folgt mit „Symphonic“ I eine Fülle warmer Klänge, darauf das melodiöse „Flower Girl“, bei dem die Verschränkung zwischen Bläsern und Streichern sich wunderbar integral auswirkt, außerdem Frederik Köster mit klaren langgezogenen Linien beeindruckt. „Symphonic“ II und III sind relativ kurze Orchesterstücke, die fast durchgehend notiert sind, im Gegensatz zu allen anderen Titeln, die viel Raum für Improvisation bieten – ganz nach Ellingtons Vorbild auf die Jazzsolisten zugeschrieben. Sternal geht es beim Schreiben darum, „einen schönen Rahmen für Improvisation zu schaffen, der ermöglicht, dass der Solist sich frei ausdrücken kann und trotzdem in diesem Rahmen bleibt. Das ist für mich, was Jazzkomposition im Vergleich zu klassischer Komposition leisten muss – einen Anlass und einen Rahmen für Improvisation zu schaffen.“

Zu diesem Rahmen gehören Sternals Streicherarrangements, die das Quartett zuzeiten wie verdoppelt, wie ein eigenes kleines Streichorchester klingen lässt. So in „Flower Girl“, „Symphonic“ II, „Calgary“ (mit schönem Solo von Pablo Held) und dem Schlussstück „Stay“. Dazu Sternal: „Wir haben natürlich im Studio durch die Mischung auch etwas begünstigen können, dass das Quartett stellenweise etwas orchestermäßiger klingt. Aber grundsätzlich habe ich mich sehr intensiv damit beschäftigt, was man mit einem Streichquartett alles machen, wie man es so oder so klingen lassen kann. Einer der Grundsätze, die man beachten muss, ist natürlich, ein Quartett eben nicht so zu behandeln wie ein Streichorchester, sondern dessen eigene Gesetzmäßigkeiten zu beachten, das heißt beim Schreiben konsequent zu bedenken, dass hier eher vier Streicher-Solisten spielen als ein Streicher-Tutti. Dann kann man nämlich plötzlich doch wieder erreichen, dass vier Streicher nach viel mehr klingen.“

Die Streicher bekommen von Sternal Notentexte, die wie eine klassische Partitur geschrieben sind. „Ich habe mich wegen des schönen vollen Sounds für ein klassisches Streichquartett entschieden. Sound und Interpretation sind die großen Stärken eines klassisch ausgebildeten Streichquartetts. Und die müssen dann gar nicht improvisieren – das ist schließlich Sache der Jazzer. Jede der beiden Seiten soll ihre Stärken ausspielen. Wenn man Jazzmusiker bittet, etwas genauso zu spielen, wie es notiert ist, klingt es oft viel steifer, als wenn es klassische Musiker spielen – die das ja tagtäglich tun. Die Stärke der klassischen Streicher ist, meinen festgeschriebenen Notentext frei klingen zu lassen, obwohl er feststeht. Und die Stärke der Jazzer ist die Improvisation in einem vorgegebenen Rahmen.“

Das gilt auch für die „Suite for String Quartett and Piano“, bei der die Streicher nicht der „Konkurrenz“ der Bläser ausgesetzt sind. In den drei atmosphärisch sehr dichten Sätzen dieses kammermusikalischen Zwischenspiels übernimmt Sternal selbst den – improvisierten! – Pianopart. Besonders eindrucksvoll ist der „Snow“ überschriebene zweite Satz, der – so Sternal – “auch kompositorisch völlig rausfällt aus dem ganzen Geschehen. Im Rückblick würde ich sagen, dass ‚Snow‘ jenes Stück ist, mit dem ich mich in meinem Projekt mich als Komponist am weitesten vorwage. Es passiert ja hier fast nichts (lacht), daher wählte ich auch diesen Titel. Erst im Nachhinein hat mich ‚Snow‘ an das Prélude „Des pas sur la neige“ von Debussy erinnert, da geschieht auch nicht viel, aber es entsteht die bildliche und atmosphärische Vorstellung von Schritten im Schnee oder über eine Eisfläche.“

Hier beweist sich der vielseitige, auch klassisch ausgebildete Pianist Sternal: „Ich habe klassische Musik immer gespielt und geliebt, Mozart, Beethoven und natürlich auch Bach, den ich sehr schätze. Aber mein musikalisches Herz schlägt doch mehr für die romantischen, die impressionistischen und auch expressionistischen Klassiker. Von Debussys Klavierwerk habe ich unglaublich viel gespielt, vor allem die beiden Prélude-Bücher. Auch sein Orchesterstück ‚La Mer‘ habe ich gründlich analysiert. Aber ebenso intensiv habe ich Ravel und Strawinsky gehört und gespielt. Deswegen sind sie auch ganz tief in mir drin. Und natürlich habe ich von ‚Le Sacre du Printemps‘ die ganze Partitur durchgearbeitet. Das ist ja ohnehin ein Werk, von dem man nicht genug kriegen kann, da steckt so viel drin und ist einfach toll orchestriert.“ Im Booklet der ersten CD reiht Sternal auch wie selbstverständlich Strawinsky in seine Dankesworte mit ein, ebenso Ravel, John Williams und Vince Mendoza.

Im Gespräch ergänzt er die Einflüsse von der Jazz-Seite: „Es lässt sich nicht verleugnen, dass ich mich mit Herbie Hancock, seiner Harmonik und seinen Kompositionen intensiv beschäftigte, ebenso mit der Musik von Miles Davis, an dem man ohnehin nicht vorbeikommt. Und natürlich muss ich Komponisten wie Bob Brookmeyer und Maria Schneider nennen, vor allem aber auch Duke Ellington, der vielleicht noch ein wenig direkter mit dem verknüpft ist, was ich mache, sein Farbenreichtum, die Art, seinen Musikern auf den Leib zu schreiben – das hat mich schon sehr beeinflusst. Und selbst wenn man das bei mir nicht so heraushört, in der Rückschau bin ich auch ein großer Fan von Count Basie.“

Nach dem kammermusikalischen Zwischenspiel, von dem man sich vorstellen könnte, dass es auch in Donaueschingen oder Darmstadt Aufsehen erregen würde, geht es in der Programmfolge der CD ohne starken Kontrast mit „Symphonic“ IV weiter, in warmen Farben und fast elegischer Stimmung. Der Gegensatz folgt mit dem im Wortsinn stürmischen „North by Northwest“, dem Jonas Burgwinkels Schlagzeugspiel zusätzlich zu den Bläsern eine enorme Dynamik verleiht. „Symphonic“ V enthält kräftige Free Passagen, VI geriert sich in aller Kürze mit sehr effektvoller Instrumentierung.

Für die konzentrierte Aufmerksamkeit, die diese CD, wie schon Volume 1, beim Zuhören erfordert, wird man am Ende mit drei leichten, fast poppig daherkommenden Stücken belohnt, eine Feststellung, die Sternal lachend bestätigt: “‘Stay‘, unser letztes Stück, wäre dann die Single-Auskopplung des Albums“. Wie überhaupt dieser einem stets zugewandte junge Mann bei allem professionellen Ernst im Verlauf eines Gesprächs viel lacht, aber eher leise, wie in sich hinein, manchmal als sei er zufrieden mit seinem Werk, ein andermal als setze er ein Fragezeichen, ein drittes Mal wieder in einer anderen Schattierung.

Diese Beobachtung führt zur Frage nach Sternals persönlicher Grundstimmung. Wer nämlich von der „Sternal Symphonic Society“ überwiegend Musik in forte und fortissimo erwartet, in schnellen Tempi und fetzigen Grooves, der stellt überrascht fest, dass viele der Stücke, entweder in ihrer Gesamtheit oder zumindest in langen Passagen, kontemplativ, zart, pastellfarben, manchmal sogar elegisch, zumindest verhalten klingen. Sternal zu dieser Beobachtung: „Verhalten würde ich es in meiner Wahrnehmung nicht unbedingt nennen, Zwar zurückhaltend – aber von innen glühend, so würde ich mich eher sehen. Ich bin, das hört man wohl schon durch, ein ziemlicher Romantiker. Ich lass mich gern in Stimmungen hineinfallen, bin aber ein sehr positiver und offener Mensch – und habe auch eine Menge Energie. Ich glaube, auch das kommt an ein paar Stellen sehr deutlich raus. Grundsätzlich mag ich es, wenn noch etwas Rätselhaftes bleibt, wenn den Hörer die Botschaft nicht sofort anspringt. Wenn z.B. eine auf den ersten Blick melancholische Musik sich in Wirklichkeit als viel fröhlicher entpuppt, als eine auf den ersten Blick fröhliche Musik. Dieses Spiel mit verschiedenen Ebenen finde ich spannend – wenn sich beim Hörer also direkt eine bestimmte Wirkung entfaltet und er denken könnte: Ah ja, verstehe, das ist es. Doch erst wenn er tiefer hinein hört, erkennt er auf einmal ein funkelndes Universum – oder so.“

Auch wenn Sternal seine Formulierung durch den Zusatz „oder so“ wieder relativieren möchte – sie stellt eine absolut zutreffende Bewertung und zugleich Beschreibung seiner Kompositions- und Arrangierkunst dar: es ist „ein wahrhaft funkelndes Universum“, das ihm auf Volume 2 der „Sternal Symphonic Society“ gelingt. Diese CD steht der ECHO-gekrönten ersten keineswegs nach, sondern überhöht sie noch. Die sechzehn Stücke bergen musikalische Feinheiten sonderzahl, die sich zum Teil erst nach wiederholtem Hören erschließen. Überdies erfreuen die einfach schönen Improvisationen der Jazzmusiker und gleichermaßen die meisterhaft komponierten Bläser- und Streichersätze. Die CD wurde im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln mit größter Sorgfalt aufgenommen und vom Tonmeister Christian Heck in gewohnter Qualität gemischt. Sebastian Sternal ist mit seiner „Symphonic Society“ ein zweites Meisterwerk gelungen. Wo soll das noch hinführen?

Er ist erst einunddreißig!

Beitrag mit freundlicher Genehmigung durch www.jazzzeitung.de