Eine Lichtgestalt |

Pablo Held spricht über John Taylor

Text: Stefan Pieper | Fotos: Richard Kaby

Köln, 17.09.2015 | Er war gerade für die Pianisten in NRW eine Lichtgestalt: Der Londoner Pianist und Musikpädagoge John Taylor, der am 17. Juli 2015 unerwartet verstarb. Viele Pianisten gerade aus der Kölner Szene sind stark durch ihn geprägt worden. Also musste auch kürzlich im Gespräch mit Pablo Held das Thema darauf kommen. Aber man könne hier nicht in kurzen Sätzen antworten, stellte Pablo Held klar.

Stattdessen hat der Kölner Pianist nrwjazz einen umfangreichen Nachruf zur Verfügung gestellt, den er selbst im Sommer verfasst hat, und der stellvertretend für die Emotionen und Gedanken vieler weiterer (Pianisten)-Kollegen stehen dürfte.

Lassen wir Pablo Held zu Wort kommen:

„Der plötzliche Tod von John Taylor hat mich tief erschüttert und ist für mich immer noch nicht wirklich zu begreifen. Allein schon wegen seiner jugendlichen Vitalität und positiven Energie habe ich nie daran gedacht, dass John wirklich einmal von uns gehen könnte. Selbst nachdem er 2010 aufhörte in Köln zu unterrichten, schien es, als wäre er immer noch dort - allein dadurch, wie in dieser Stadt musiziert, komponiert und improvisiert wird. Sein Einfluss auf alle Kölner Musiker und natürlich im Besonderen die Kölner Pianisten ist nicht wegzudenken. Darüber hinaus, war John ein Weltklasse-Pianist und Mitbegründer bzw. Fackelträger einer ganz eigenen Musikrichtung. Als ich 17 Jahre alt war, wurde mir eine CD von John Taylor geschenkt („Rosslyn“ auf ECM) und seitdem ist er einer meiner absoluten Helden. Ich war sofort gepackt von seinem eleganten und vollen Sound, seiner völlig eigenen Harmonik und seiner scheinbar endlosen Risikofreude. Ich begann mir möglichst alle CDs von und mit ihm zu besorgen um mehr über seine Musik und sein Spiel zu lernen. Schnell wurde mir klar, wie Stark sein Einfluss auf unzählige Pianisten, insbesondere auf seine Schüler war.

So lernte ich die Musik von Florian Ross, Achim Kaufmann und schliesslich die Musik von meinem späteren Lehrer und Mentor Hubert Nuss kennen. Anfang 2004 nahm ich eine Stunde bei Florian Ross in Köln, nachdem ich ihm zu Anfang eine meiner Kompositionen vorgespielt hatte, entschuldigte er sich für eine Weile. Er kam wieder um mir zu sagen, dass er eben seinem ehemaligen Lehrer John Taylor eine Mail geschrieben hatte, in der er mich ihm empfohlen hatte. Kurz darauf, durfte ich John Taylor vorspielen - damit ging ein Traum in Erfüllung, selten war ich so aufgeregt! Ein Jahr später fing ich an in Köln an der Musikhochschule bei John zu studieren. Es gibt nicht genug Worte, die John als Musiker, Lehrer und Mensch hinreichend beschreiben können. Ich werde trotzdem versuchen ihm mit ein paar Erinnerungen gerecht zu werden. John war überaus unterstützend und ermunternd.

Er sagte mir einmal, dass er im Unterricht nur Positives sagen möchte, er wollte nichts kritisieren, eher das bestärken, was bereits da ist. Selbst wenn er mal etwas ansprach, war es immer mit Höflichkeit und voller Respekt. John war immer daran interessiert, mit was ich gerade beschäftigt war und hörte sich immer gern meine neuen Kompositionen oder Konzertmitschnitte an und war immer bereit seine Gedanken darüber mit mir zu teilen. Die Geduld mit der er all meine vielen Fragen über sein Leben als Musiker, seine Harmonik, seinen Sound und seine Einflüsse beantwortete schien endlos. Die eigenen Einflüsse - wie man lernt sich nicht in ihnen zu verlieren, sondern sie zu erkennen und zu nutzen war ein andauerndes Thema meiner Zeit bei John.

Er erzählte mir viel von seiner Beschäftigung mit der Musik seiner Helden Bill Evans, Chick Corea und Herbie Hancock, was mir sehr half. Er sah sich nie als den alles wissenden Maestro (was er natürlich war), er wollte genauso von seinen Schülern lernen, wie wir von ihm lernen wollten. Keineswegs ein gängiges Schüler-Lehrer Verhältnis! Abgesehen von der Musik, konnte man mit ihm auch über das Leben und Alltägliches reden, er war ein guter Geschichtenerzähler. Und als ob das alles nicht schon genug wäre, konnte man auch noch mit ihm spielen! Mit ihm zusammen an zwei Flügeln in Raum 335 zu musizieren, gehört zu denen bedeutendsten musikalischen Erfahrungen, die ich haben durfte. Oft wählte er Stücke seiner musikalischen Partner aus, allen voran natürlich Kenny Wheeler’s Musik.

Es kamen allerdings auch Stücke von Ralph Towner, Steve Swallow, Pete Saberton und vielen anderen vor. Ihm dabei nicht nur auf die Finger schauen zu können, sondern auch noch mit ihm zusammen zu spielen, zu interagieren, seinen wunderschönen Sound so unglaublich nah hören zu können, war jedes Mal ein Genuss und unglaublich lehrreich. Nach jeder Stunde bei John verspürte ich große Lust Musik zu machen und weiter zu forschen - Genau das, sollte ein Unterricht leisten, oder ? Die Erinnerungen aus Raum 335 haben sich bei mir so eingebrannt, dass ich jedes Mal, wenn ich John auf einer Platte oder im Konzert zuhörte, ich im Geiste irgendwie wieder in dem Raum an den beiden Flügeln mit ihm sitze.

Dieses Gefühl habe ich ebenfalls wenn ich eine seiner fantastischen Kompositionen spiele, die im Übrigen in Köln eine Anerkennung und Verbreitung ähnlich von Jazzstandards besitzen - jeder kennt seine Werke „Pure & Simple“, „Clapperclowe“, natürlich „Ambleside“ und viele andere. Nach dem Ende meiner Zeit bei John begegneten wir uns noch oft, weil wir manchmal auf den gleichen Festivals spielten und jedes Mal war es eine Freude ihn wiederzusehen und wir reden oft bis tief in die Nacht. Ich hörte mir natürlich immer sein Set an und er fand auch die Zeit sich mein Set anzuhören und war danach immer voller Enthusiasmus und netter Worte bezüglich unserer Musik, was mir und meinen Trio Kollegen Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel natürlich immer viel bedeutete. Nachdem ich die Nachricht von John’s Tod bekam, habe ich sofort mit Hubert Nuss und Sebastian Sternal, ebenfalls ehemalige Schüler von John Taylor, telefoniert um irgendwie gemeinsam mit der Trauer umzugehen, was sofort dazu geführt hat, dass wir in Erinnerungen schwelgten, uns Geschichten über John erzählten die wir mit ihm erlebt haben.

Diese Erinnerungen schafften es uns in der traurigen Stunde ein Lächeln auf unsere Gesichter zu zaubern (John hatte einen unvergleichlichen Humor!) Auch zeigte es uns wieder auf, wie sehr wir alle durch John miteinander verbunden sind und wie sehr wir alle seine Musik lieben. Die Welt hat einen ganz großen musikalischen Pionier und wunderbaren Menschen verloren.

Seine Musik und sein Geist werden weiterleben, uns inspirieren und uns verbinden.“

Pablo Held am 20. Juli 2015

John Richard Taylor (* 25. September 1942 in Manchester; † 17. Juli 2015 in Angers, Frankreich) war ein britischer Jazzpianist. Er war bis zum Sommer 2007 Professor für Jazz-Piano an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.