In einem Meer von Schwingungen |

Jens Düppe und seine ungewöhnlichen Kommunikationskonzerte

Text: Dietrich Schlegel | Fotos: Gerhard Richter

Köln, 25.03.2015 | Waren Sie schon einmal in einem „Geräusch-Café“? Und haben dort gar ein Konzert gehört? Wohl kaum, wenn Sie nicht gerade am 2. oder 3. April in einer Kölner Galerie weilten, um –ja, um einfach nur Geräuschen zuzuhören, die aus einigen kleinen Lautsprechern in einen spärlich möblierten Raum rieselten. Zwar gab es Kaffee und Kuchen, aber sonst lagen nur Zeitungen und Zeitschriften mit exotischen Schriftzeichen herum. Die eher leisen Geräusche wurden nebenan von zwei Perkussionisten mittels angezündeter Streichhölzer, sich in Wasser auflösenden Vitamintabletten, zerrissenem Papier, in einer Schale kullernden Erbsen, raschelnden Plastiktüten oder auch schepperndem Besteck und Geschirr erzeugt. Dazwischen Geknister und Geknaster. Alle halbe Stunde ertönte eine menschliche Stimme, die des Luxemburger Wahl-Kölners Guy Helminger, der live aus dem Nebenraum eigene Gedichte rezitierte.

Auf eine solche Idee kann nur der Kölner Schlagzeuger und Perkussionist Jens Düppe kommen, einer der innovativsten Vertreter der improvisierten Musik hierzulande (siehe JazzZeitung 2/2012). Seine Reihe „Kommunikation 9“ läuft nun schon im fünften Jahr, eine Performance ungewöhnlicher als die andere, wenn es auch nicht immer neun im Jahr werden, wie ursprünglich vorgesehen. Ehe wir uns anderen Beispielen zuwenden, bleiben wir noch kurz im „Geräusch-Café“. „Ausgangspunkt des Projekts“, erläutert Düppe, „war die Frage: Wie neugierig bin ich denn eigentlich noch? Wofür können sich Zuhörer in einem Raum interessieren, in dem sie nichts Vertrautes vorfinden, weder akustisch noch optisch? Die Geräusche machen vorerst keinen Sinn, stören vielmehr. Aber da es nichts anderes zu hören gibt, entdeckt man schließlich, wieviel Nuancen in den Geräuschen auftauchen, und mit einiger musikalischer Intuition empfindet man plötzlich Elemente von Musik und Rhythmus. Niemand von den schweigsamen, gelegentlich flüsternden Gästen langweilte sich. Alle haben das mehr oder weniger meditierend genossen, auch die scheinbar sinn-losen, sinn-zerrissenen Gedichte. Mit diesen vorgegebenen Texten sollte eine Balance zu den von Peter Kahlenborn und mir improvisierten Geräuschen gebildet werden.“

So wie hier gedruckte Literatur mit Improvisation konfrontiert wurde, so strebt Düppe generell danach, immer wieder Bereiche der Musik, möglichst der improvisierten, mit Bereichen der Kunst zu kombinieren und zu einer gemeinsamen Performance zu entwickeln. „Ich habe mich“, erläutert er seine Philosophie, “schon immer sehr breit gefächert für Musik und Kunst interessiert. Und in dieser Reihe lasse ich praktisch alles zu, wofür ich mich interessiere. Genres und Schubladen haben durchaus ihren Sinn, aber ich möchte einfach alle möglichen Schubladen aufmachen und Kombinationen zusammenstellen, die es in der Realität sonst nicht gibt, weil zu wenige oder überhaupt keine Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Kunst- und Musikbereichen bestehen. Das ist meine ganz persönliche Motivation.“

Ausgangspunkt für eine Performance ist die Location, die Düppe mit großer Sorgfalt aussucht, denn Teil seiner Philosophie ist, „dass ich mir zuerst einen Spielort aussuche, ihn mit einem Thema fülle und das Thema dann wiederum mit Musikern und Künstlern. Normalerweise ist es ja umgekehrt: man sucht sich erst einen bestimmten Musiker oder eine Band, dann kommt die Frage nach der Musik und dann erst die nach der Location“. So fand er für sein Projekt „Die Meteorologie des Echoplex“ am 3. September (wenn diese Ausgabe bereits im Druck sein wird) eine ausgediente Kölner Fuhrwerkswaage, einen acht Meter hohen, weiß gekalkten kubischen, völlig leeren Raum, „mit einem wahnsinnigen Echo und einer ganz extremen Akustik“. Hier gab es eine „Konzertinstallation“, bei welcher der lange, kirchenähnliche Hall ebenso eingesetzt wurde wie die weißen Wände, „die geradezu danach schreien, mit Bild oder Video bespielt zu werden“. Dafür hatte der Videokünstler Sven Hahne ein Programm direkter Kommunikation zwischen den Akteuren entwickelt: Töne der Performer werden aufgenommen und visuell umgesetzt. Entsprechend den an die weiße Wand projizierten, auf Tönen basierenden Lichteffekten reagieren wiederum die Erzeuger der Töne, die zugleich Bilderzeuger sind. Ein sich schließender Kommunikationskreis.

Die Instrumentierung des vierköpfigen Ensembles liest sich erst einmal abenteuerlich: Sinusboxen, Bratsche, zwei menschliche Stimmen, Video und Elektronik sowie Geräusche und Perkussion, von Düppe selbst erzeugt. Aber für die Zuhörer, so begeisterte er sich schon im Vorhinein, werde es „ein sehr sinnliches Erlebnis“ werden. Sie würden sich „in einem Meer von Schwingungen wieder finden“. Für den Besucher bisheriger Konzerte besteht kein Zweifel, dass auch in der Fuhrwerkswaage der An-Klang beim Publikum für die Künstler, Musiker und Elektroniker emotional fühlbar war.

Standing Ovations

Standing Ovations gab es auch am 27. April, als es beim Düsseldorfer Boxsport Athletic e. V. hieß „Ring frei!“. Tatsächlich stiegen mit Christoph Hillmann, Rodrigo Villalon, Peter Weiss und Düppe selbst vier Schlagzeuger und Perkussionisten in den Ring, um 60 Minuten lang über eine vorher gemeinsam erarbeitete Struktur zu improvisieren. „Außer den ganz freien Bereichen, in denen wir jeweils eigenverantwortlich mit Ideen umgingen, gab es auch strukturierte Bereiche, in denen jeweils zwei gegeneinander spielten, eben wie in einem echten Boxkampf. „K.O. ging niemand“, resümiert Düppe schmunzelnd, „wir haben am Ende alle als Gewinner die Bühne verlassen, mit dem guten Gefühl, dass wir alle miteinander schöne und interessante Musik gemacht haben.“ Und die Zuhörer waren begeistert von der spannenden Interaktion und Kommunikation zwischen den Vieren und einer klanglichen Vielfalt, wie sie in dieser Konstellation einmalig sein dürfte.

In Bonn gibt es mit dem „Antiquarius“ einen besonders originellen und anheimelnden Ort für Literatur: Antiquariat, moderner Buchhandel, Café in einem dunklen, holzgetäfelten Raum mit Büchern bis unter die Decke. „Solche alten Buchläden sieht man sonst nur in amerikanischen Filmen“, schwärmt Düppe, „hier musste ich unbedingt etwas mit Literatur machen.“ Dorthin lädt er am 23. Oktober zu einer „improvisierten Reise durch das klang-literarische Labyrinth“ ein. Ähnlich wie beim Geräusch-Café wird hier die Literatur den feststehenden Bestandteil des Konzertes bilden, während ein Trio aus Dietmar Fuhr am Kontrabass, Michael Denhoff an der Campanula, einer Art Cello, und Jens Düppe, Percussion, improvisieren. Der Bonner Schauspieler Timo Berndt hat sich den Roman „Die Bibliothek von Babel“ von Jorge Luis Borges ausgewählt, kann aber selbst bestimmen, was er daraus wann und wie lang liest, ob er Worte oder Sätze plötzlich wiederholt, wenn er durch die Musik dazu angeregt werden sollte, während umgekehrt die Musiker sich durch seine Texte zu Improvisationen anregen lassen, was wiederum den Vorleser zu einer bestimmten Passage des Romans animieren mag. Kommunikation pur.

… aus dem Herzen

Wieder ein unkonventioneller Ort ist der „Salon Des Amateurs“ in Düsseldorf, wo sich am Wochenende die Jugend auf dem Dancefloor trifft und der Besitzer selbst auflegt, alte Swingbands auf Vinyl und das Neueste aus den Charts. „Ein für alles offener Platz,“ findet Düppe, der dort am 12. November sein Projekt „Music is Math“ aufführen wird. Ein provozierender Titel, „denn Musik ist natürlich keine Mathematik. Musik ist aber a u c h Mathematik, man denke nur an Schönberg oder an Bachs Fugentechnik“. Und der Jazzer Düppe stellt mit einiger Emphase fest, dass Musik auch deswegen keine – oder keine reine – Mathematik sei, „weil sie aus dem Herzen kommt, vor allem wenn sie improvisiert wird; wenn sie im Moment entsteht, ist sie eine rein emotionale Sache“. Was nun in Düsseldorf an diesem Abend abgeht, wird sicherlich wieder außergewöhnlich sein. Düppe holt sich mit Lorenz Rhode einen jungen, erfolgreichen, international tätigen Produzenten von elektronischer Musik, die er auf verschiedenen Synthesizern spielt. Und erstmals begibt er sich auf das für ihn bisher ungewohnte Terrain der Improvisation ist. Sein synthetischer Mix und Düppes Spiel am präparierten Schlagzeug wird von dem Elektroniker Fabian Schulz mit analoger Samplingtechnik aufgenommen und wieder zurückgespielt, mit sich wiederholenden Loops, auf die wiederum Düppe reagiert, so dass er improvisierend praktisch zu sich selbst spielt.

Komplettiert wird „Kommunikation 9“ noch durch zwei „Impro-Gipfel“ in der Galerie „artclub“, wo vor fünf Jahren alles anfing. Dazu hat er sich gestandene Musiker aus der Impro-Szene wie Norbert Stein (sax), Matthias Muche (tb), Gerhard Gschlössl (tb), Sebastian Gramss (b) eingeladen. „Da spielen wir einfach drauflos“, meint Düppe, und es klingt fast erleichtert, erleichtert um die viele Arbeit für die anderen Projekte von „Kommunikation 9“, die er praktisch allein schultert, die Mitwirkenden engagieren und mit Gagen versehen, die Spielorte ausfindig machen und anmieten, die Konzerte terminieren, die Werbung austüfteln, nicht zuletzt die Finanzierung sichern. Er ist froh und dankbar, dass die drei Sponsoren – die Stadt Köln, das Land Nordrhein-Westfalen und die private Kunststiftung NRW – seine Reihe auch in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge unterstützt haben., weil sie wohl überzeugt davon seien, dass sich ein großes Bundesland diesen ganz speziellen Beitrag zur Belebung der Kulturlandschaft leisten sollte. Aber Jens Düppe ist sich bewusst, dass er seine Förderer auch immer wieder neu überzeugen muss von der Originalität seiner Projekte, von seinen Visionen.

Die Zuhörerzahlen bewegen sich zwischen 40 und 100, je nach Location. Wenn er einen Saal in einem Gebäude mit öffentlicher Aufmerksamkeit gewinnen kann, zum Beispiel das viel besuchte Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde in Köln oder eine bekannte Kirche, sind die Konzerte meist ausverkauft. Wenn er aber unbekanntere, doch wegen der Architektur, des Ambientes und des Klangs besonders reizvolle Orte auswählt, „begebe ich mich auf dünneres Eis und habe eher zu kämpfen, 40 Leute zu bekommen“. Das sei dann „schon sehr anstrengend“. Er möchte sich aber nicht von der ungewissen Erwartung des An-Klangs beim Publikum abhängig machen. Es sei einfach seine unbändige Neugier auf Neues, sein Forscherdrang, der ihn immer wieder herausfordert.