Eigenverantwortliche Formulierung von Qualität |

Gespräch mit Dieter Manderscheid

Text: Stefan Pieper

Köln, 21.12.2015 | Wir leben in einer künstlerisch fruchtbaren Zeit. Studierende haben heute alle Möglichkeiten. Die Herausforderung dabei ist nicht mehr, an Informationen zu kommen, sondern diese auszuwerten - und vor allem in dieser ganzen Vielfalt eigene Entscheidungen zu treffen! Dafür will eine möglichst maßgeschneiderte Hochschulausbildung ein verlässlicher Partner sein, sagt Dieter Manderscheid, Leiter des Jazz-Studiengangs an der Kölner Musikhochschule. Man braucht in Köln nicht mehr das gesamte American Songbook rauf und runter zu lernen, wenn die eigene künstlerische Vision eine völlig andere ist! Vielfältige eigene Berührungen mit dem Musikleben in anderen Kulturen lassen den Kölner Hochschulleiter, Bassisten und Komponisten auch sämtliche Stereotypen des konventionellen Konzertbetriebes hinterfragen. Entsprechend wollen Seminare über „Konzertformen der Zukunft“ beim musikalischen Nachwuchs das Bewusstsein erweitern helfen.

Erstaunlich: Die neuen Studienrichtlinien im Rahmen der Bachelor-Ordnung sind für Dieter Manderscheid, Leiter des Jazzbereichs an der Hochschule für Musik und Tanz Köln vor allem positiv. Man hat es selber in der Hand – ob aus der Vergabepraxis mit Studien Credits mehr Gängelung resuliert – oder eben mehr praxisbezogene Flexibilisierung. An der Kölner Hochschule ist man den zweiten Weg gegangen. Die eigenen Projekte der Studierenden können auf diese Weise zum zentralen Studieninhalt werden.

Noch mehr Verbesserungs- und Entwicklungsbedarf sieht Manderscheid bei dem Training für die praktischen Aspekte des Musiker-Jobs, also Marketing Skills oder Informationsveranstaltungen über GEMA und co. Aber auch hier ist an der Kölner Hochschule ein Anfang gemacht, seit externe Lehr- und Beratungskräfte solche Lücken in der Hochschule füllen.

Wie viele Studierende studieren Jazz an der Kölner Musikhochschule?

Es sind circa 100 Studierende. Wir haben diese Größe verbindlich mit der Hochschule vereinbart. Pro Jahr machen zwischen und 10 und 20 Leute ihren Abschluss.

Wie viele davon sind später als auftretende Jazzmusiker aktiv?

Ich habe noch einige Kontakte zu den ehemaligen Absolventen und kann sagen, dass der Prozentsatz doch recht hoch ist. Die meisten Leute bleiben ihrem Metier erhalten. Die typische Berufstätigkeit besteht später in einer Aufteilung der Arbeitsfelder zwischen Konzertieren, Unterrichten und zusätzlichen anderen Einnahmequellen.

Werden für diese anderen „Einnahmequellen“ spezifische Skills vermittelt?

Wir haben ein Studienkonzept, das inhaltlich und musikalisch sehr offen ist. Es spricht nicht nur die traditionellen Jazzimprovisatoren an, sondern auch alle, die etwa zu anderen populären Stilen tendieren. Wer aber nur zum Eurovision Songs Contest will, der ist bei uns falsch. Das wissen die Leute in der Regel auch.

Wie sieht es mit berufspraktischen Fähigkeiten aus?

Wir sensibilisieren die Leute für möglichst viele Bereiche, die auf sie zu kommen. Das sind Steuerfragen, Sozialversicherungsfragen. Das ist der Bereich der Selbstvermarktung und Urheberrechtsfragen. Es gehört zur Ausbildung dazu, dass die Leute damit in Berührung kommen.

Sind hier nur Jazzer angesprochen oder ist dies ein übergreifender Inhalt?

Das ist auf jeden Fall ein übergreifendes Thema. Auch der klassische Musikmarkt hat sich dramatisch verändert. Die Zahl der herkömmlichen Anstellungsverhältnisse in Orchestern schrumpft immer weiter. Man muss da aber vorsichtig sein. Für einen klassischen Komponisten ist das Thema GEMA ziemlich anders als für einen Jazzmusiker, der über bekanntes Material improvisiert. Da braucht es schon spezifische Angebote.

Seit wann gibt es eine Sensibilisierung für Selbstvermarktung bei Lehrenden und Studierenden?

Insgesamt ist das Thema angekommen in der Kölner Hochschule. Man sucht im Moment nach noch effizienteren Vermittlungsstrukturen. In den letzten zehn Jahren haben die Umfänge zugenommen. Wir arbeiten hier mit einem Stab von Zuarbeitern zusammen – etwa mit Anwälten, die im Musikbusiness unterwegs sind und die hier im Rahmen von Workshops eingeladen werden und den Studenten ihre Erfahrungen weitergeben.

Wo gibt es Verbesserungspotenziale bei der Vermittlung?

Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass GEMA und GVL bessere Serviceangebote für ihre Mitglieder und vor allem für ihre zukünftigen Mitglieder anbieten sollten, dass es hier endlich mal zu mehr Verständlichkeit kommt.

Wie bewerten Sie das Bewusstsein der Studierenden für die Rahmenbedingungen ihres künftigen Daseins?

Die Erwartungen der Klassik-Studenten sind oft davon geprägt, hinterher ein festes Anstellungsverhältnis zu bekommen. Das sieht im Jazz und in den populären Musikrichtungen ganz anders aus. Die Studierenden kalkulieren hier nicht mit so etwas, und das ist gut so. Die sind eher auf ein Ziel ausgerichtet, dass ihnen für die Ausgestaltung ihres Berufes viel Freiheit lässt. Mit allen Fürs und Widers einer freien Künstler-Existenz.

Also haben Jazzmusiker hier ein stärkeres Bewusstsein allein durch diese Rahmenbedingungen?

Es liegt auf der Hand, und es war auch früher nicht anders.Wenn man weit zurück geht bis in die 1960er Jahre, gab es einen breiteren Markt für Musiker in viel mehr Verwendungszusammenhängen. Es gab Tanzorchester, aber es gab nicht so viele Hochschulen bzw. Ausbildungsgänge wie heute. An allen Ecken und Enden wurden Musiker gebraucht. Das hat sich seitdem sehr verändert – und die Jazzmusiker haben sich spätestens seit den 1970er Jahre daran gewöhnt, dass man gucken muss, wo man bleibt.

Wir wollen in unserer Studie über die Situation des Jazz vor allem auch die kreativwirtschaftliche Seite betrachten. Sehen Sie Jazz als musikalische Grundlagenforschung, die auch in andere Bereiche hinein strahlt? Wird hier musikalisches Wissen weiter entwickelt?

Ich würde Ihnen nicht grundsätzlich widersprechen, aber ich möchte das noch etwas differenzieren. Auf jeden Fall gibt es breite Möglichkeiten für Musiker, die im Jazz ausgebildet wurden.

Die große Stärke ist, dass Jazzmusiker musikalische Konstrukte aus dem Stegreif heraus erfinden können. Das ist in vielen Fällen sehr nützlich, z.B. in der Popmusik-Produktion. Da wird man ins Studio eingeladen und soll spontan in einer bestimmten Stilistik selbst kreativ spielen. Das können Jazzmusiker natürlich viel besser als klassisch ausgebildete Musiker, die gewohnt sind, ihre Noten vor der Nase zu haben.

Und es gibt traditionsgemäß eine große Offenheit für andere Musikstile seitens der Jazzleute. Das ist ein weiterer Grund dafür. Aber der Ehrlichkeit halber: Die eigentliche Forschung kommt oft aus anderen Ecken. Vieles, was dort „entdeckt“ wurde, wird dann in bester Piratenmanier von den Jazzleuten adaptiert und für die eigene Sache nutzbar gemacht.

Also gibt es ein Nehmen und Geben und der Jazz ist da mitten drin?

Es geht im Grunde genommen schon bei den alten amerikanischen Vorbildern der 1950er los. Die haben ja schon bei den Impressionisten und klassischen Neutönern geräubert, etwa bei Debussy und Anton Webern. Man nimmt Dinge, die schon da sind. Aber man benutzt sie auf eine andere, unbefangene Weise. Das macht die Vielseitigkeit des Jazz aus.

Birgt die künstlerische Haltung im Jazz eine Idealform von Toleranz?

Auf jeden Fall – und damit ist diese musikalische Herangehensweise auch tagespolitisch sehr aktuell. Sie passt einfach dazu, wie sich die Gesellschaft weiter entwickelt. Dieser Aspekt ist prima in jener Diskussion unterzubringen, ob denn der Jazz noch aktuell ist. Man braucht sich nicht mehr beim alten Frank Zappa aufzuhängen, um den vermeintlich schlechten Geruch zu thematisieren. Ich glaube, das ist inzwischen sehr an der Realität vorbei!

Viele Studierende entscheiden sich bewusst für Köln, weil hier eine gute Schnittstelle zu beruflichen Tätigkeitsfeldern besteht. Wie sehen Sie das?

Das ist ein Teil unserer Studienphilosophie. Nur das erste Studienjahr beinhaltet eine gewisse Gängelung. Sie dient als Hilfestellung bei der Beantwortung der vielen künstlerischen Fragen, die ein solches Studium mit sich bringt. Ein durchgestylter Studienverlauf ohne Wahlmöglichkeiten wäre völlig falsch. Im Verlauf des Studiums wird die Zeit, die man ausschließlich innerhalb der Hochschule verbringt, immer weniger. Dafür werden die Dinge immer mehr, die man auch hinterher selbstständig wird gestalten müssen.

Ein gutes Beispiel für diese „hands-on“- Philosophie ist das dreitägige Festival „Jazz Against the Machine“, das jedes Jahr neu von einem Team aus Studierenden eigenständig organisiert wird. Natürlich gibt es dabei eine Betreuung durch Dozenten. Die Studierenden gewinnen dadurch unmittelbare Einsicht und Erfahrungen und verstehen besser, wie die „Szene“ funktioniert – sie lernen sozusagen beide Seiten des Mikrofons kennen.

Viele Musikerinnen und Musiker haben ja schon aus der Not eine Tugend gemacht und sind Veranstalter geworden. Wie kommt Jazz mehr zum Publikum?

Da kann die Hochschule natürlich keine fertigen Modelle anbieten, aber sie ist durchaus in der Pflicht, das zu thematisieren. Es gibt kein Modell, das auf alle passt. Aber kreativ sind wir alle und stehen vor den gleichen Herausforderungen: Wie komme ich an mein Publikum heran? Wie ist es mit der digitalen Welt? Wie präsentiere ich mich dort? Wie ist mein Verhältnis zur sogenannten Bühnenpräsenz und wie verkörpere ich auf der Bühne die Musik, die ich spiele? Es geht darum, sich mit dem eigenen Tun und dem eigenen Berufsmittelpunkt in eine gesellschaftliche Gesamtheit einzubringen.

Was wird hier unternommen, dass Musiker den Jazz mehr aus der Nische heraus bringen?

Ich sehe hier viele erfreuliche Entwicklungen. Wir haben eine sehr lebendige Konzertszene – nicht nur in den großen Läden, die man auch überregional wahrnimmt. Das Interesse ist generell eher groß, aber es geht dabei nicht nur um die rein musikalische Inhaltlichkeit. Es geht auch um den Erlebniswert, der sich mit dem Besuch eines Konzerts verbindet. Geeignete Orte und Konzertformate helfen dabei, diesen Erlebniswert zu steigern. Unsere Studierenden praktizieren diese Suche danach schon während ihres Studiums und schließen in der Regel mit einem Konzert, dessen Ort sie selbst gesucht und für passend erachtet haben.

Vermittelt die Hochschule hier neue Wege?

Wir haben in diesem Semester z.B. eine Ring-Vorlesung mit dem Titel: „Konzertformen der Zukunft“. Verschiedene Dozenten beschäftigen sich dabei mit Prognosen zum Thema, aber natürlich wird auch ein Blick in die Vergangenheit geworfen und es werden demoskopische und kultursoziologische Aspekte untersucht. Wir fragen uns zusammen mit unseren Studierenden, ob und wie die alten Modelle in unsere aktuelle Zeit passen. Dabei stoßen wir auf Widersprüche, aber auch auf neue Möglichkeiten.

Was kann eine gute Performance auf der Bühne leisten, um veraltete Konventionen aufzubrechen?

Lassen Sie mich mit einem Beispiel antworten:

Ein erstklassiges Streichquartett wurde mit einem Mozart-Programm nach Westafrika geschickt. Der Kommentar des einheimischen Publikums: es sah nett aus. Man lernt: die Wahrnehmung des Geschehens ist hier eine völlig andere als in Europa, man ist nicht in gleicher Weise gewohnt, die Musik - wie im „bürgerlichen“ Konzert - andächtig und diszipliniert in den Mittelpunkt zu stellen.

Andererseits ist das konzentrierte Hörerlebnis im Konzert eine erhaltenswerte kulturelle Errungenschaft. Man wird neue passende Formen finden müssen, so dass das Ganze wieder zu einem stimmigen Erlebnis fürs Publikum wird.

Steht überhaupt genug Lebensgefühl hinter den aktuellen künstlerischen Aussagen?

Das würde ich auf jeden Fall sagen. Allerdings ist Vorsicht geboten: exzellent gemachte Musik allein reicht oft nicht aus, um dieses Lebensgefühl zu transportieren.

Man darf auch nicht übersehen, dass die frühere Erfolgsgeschichte des Jazz einen langen Schatten wirft. Diese Musik war damals frisch, neu und auf ihre Weise virtuos, und sie traf darüber hinaus auf eine gesellschaftliche Situation, die ihren ästhetischen Botschaften gegenüber mehr als aufgeschlossen war.

Heute ist die Situation eine andere, eine post-moderne, um es kurz zu sagen. Ein dominanter „Zeitgeist“ ist kaum auszumachen, entsprechend schwieriger ist es geworden mit der Resonanz aufs musikalisch formuliertes Lebensgefühl.

Ziel unserer Ausbildung ist demzufolge eigenverantwortliche Formulierung von Qualität, dabei spielt natürlich auch ein Verständnis von Historie mit hinein.

Man hat heute ja ein nie zuvor dagewesenes Reservoir an künstlerischen und auch technischen Möglichkeiten. Fühlen sich junge Musiker von heute dadurch auch eingeschüchtert?

Ich fürchte ja! In meinen Anfangstagen in den späten 1960ern, Anfang 1970er Jahren war es schwer, überhaupt an Informationen über Jazz zu kommen. Das Problem heute ist, mit der Unmenge an Informationen fertig zu werden.

Wie unterscheidet sich ihr eigenes künstlerisches Werden von der heutigen Situation?

Da gibt es eine ganze Menge Aspekte. Früher war es der Informationszugang. Heute ist es das Einordnen von Informationen, die einem um die Ohren gehauen werden. Da gilt es mehr denn je, Entscheidungskompetenz als das zentrales Lernfeld zu erkennen. Künstler müssen unglaublich viele Entscheidungen treffen und müssen lernen, gute Entscheidungen zu treffen. Das ist durch unser Schulsystem nicht gut vorgegeben.

Die jungen Studierenden kommen zum Teil mit Ende 17, Anfang 18 an die Hochschule und haben bis dahin gelernt, schlau durchzukommen, ohne sich zu viel anzustrengen. Das ist natürlich für einen künstlerischen Beruf tödlich. Das geht überhaupt gar nicht.

Sie müssen sich jetzt daran gewöhnen, eine Auswahl zu treffen und sich auf die gewählten Themen gründlich und umfassend einzulassen, wohl wissend, dass sie nicht alle attraktiven Themen auf einmal behandeln können.

Was braucht Jazz von heute, um als gesellschaftlich relevant wahrgenommen zu werden?

Es liegt in den Genen dieser Musik, die man als Jazz bezeichnet, dass immer wieder aus der Begegnung verschiedener kultureller Felder eine positive Dynamik gezogen wird. Da spielt auch unser eigenes kulturelles Erbe mit hinein - das ist ein ganz wichtiger Schatz.

Neue Begegnungen mit anderen Musikkulturen können diese Dynamik fortsetzen, und das scheint mir eine große gesellschaftliche Relevanz zu haben.

Nochmal Themenwechsel. Wie hat die Bachelor- und Master-Regelung das Studium geändert?

Die Umstellung auf „Bologna“ hat uns einige Jahre intensiv beschäftigt.

Mit dem Bachelor „Jazz /Pop“, den wir dann 2008 aus der Taufe gehoben haben, haben wir unsere Chancen auf sinnvolle Veränderungen des alten Diplom-Studiengangs genutzt.

Man hört oft, das Bologna-System sei vollkommen verschult. Das mag in vielen Fällen richtig sein, aber in unserem Entwurf eines kreativ-künstlerischen Studiengangs konnten wir diese Gefahr auf ein Minimum reduzieren und die Möglichkeiten des neuen Formats nutzen, um individualisierbare Studienverläufe zu ermöglichen.

Die erste Grundidee: Creditpoints sind eine Art Währung, die die investierte Studienzeit und Energie repräsentiert, und diese Währung muss nun auf die besprochenen Ziele hin sinnvoll eigesetzt werden. So können wir viel besser auf die jeweiligen künstlerischen Ziele unserer Studierenden eingehen.

Der Umfang der erbrachten Studienleistungen bleibt vergleichbar, aber im Verlauf des Studiums wird es im Dialog mit den Dozenten immer mehr ausdifferenziert. Wo willst Du hin? Was ist Dein Ziel? Was solltest Du dafür studieren? Das ist relativ beratungsaufwändig, aber es lohnt sich.

Die zweite wichtige Grundidee: Studium und berufliche Zukunft gehen fließend ineinander über, so dass der Schritt in den Alltag am Ende des Studiums seinen Schrecken verliert. Auch das ist durch die Flexibilität des Bachelor-/Mastersystems möglich geworden.

Informationen zum Studiengang

https://www.hfmt-koeln.de/de/studiengaenge/bmus/jazz-pop.html