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Sie weiß was sie will |

Filippa Gojo

Text: Dietrich Schlegel | Fotos: Filippa Gojo

Köln, 05.05.2015 | Die trotz ihrer jungen Jahre bereits erfolgreiche, konzerterfahrene und preisgekrönte Vokalistin Filippa Gojo hat sich mit ihrer Ende März veröffentlichten Solo-CD „vertraum“ einen Traum erfüllt, einen Traum, der bereits vor fünf Jahren begann, während sie an einem Workshop der von ihr verehrten Sidsel Endresen teilgenommen hatte. Den entscheidenden Impuls erfuhr sie dann in einem Solo-Konzert der norwegischen Jazzsängerin in der Aula der Kölner Hochschule für Musik und Tanz (HfMT). Noch heute merkt man Filippa die Begeisterung an:

„Das hat mich umgehauen, dass eine Person allein die komplette Aula nur mit ihrer Stimme füllt. Nur ein paar kleine Instrumente, ein paar Klanggeber hatte sie dabei. Da keimte in mir der Wunsch, das auch einmal auszuprobieren, einmal zu wissen, wie das ist, wenn man da ganz allein steht oder sitzt und einen ganzen weiten Raum füllt.“

Die 1988 in Bregenz geborene Filippa Gojo, die an der dortigen Musikschule eine gründliche Musik- und Gesangsausbildung genossen hat, trat schon mit 15 Jahren mit professionellen Jazzbands rund um den Bodensee auf, gewann zahlreiche Wettbewerbe (u. a. den „Prima La Musica“). Parallel zu ihrem 2007 an der HfMT begonnenen Studium des Jazzgesangs bei Anette von Eichel und Susanne Schneider konnte sie sich über den Kölner Raum hinaus in der Jazzszene etablieren. Sie erregte durch ihre ganz eigene Vortragsart Aufsehen. Sie sang beim Jugendjazzorchester NRW, experimentierte mit drei Streicherinnen in der originellen Formation „Phase::vier“, wurde zum integralen Mitglied des Thoneline Orchestra der Kölner Saxophonistin und Komponistin Caroline Thon sowie auch der Big Band des luxemburgischen Saxophonisten Maxime Bender. Sie improvisierte mit Jens Düppe über den „Kleinen Prinzen“ und andere Erfindungen des Schlagzeugers und Percussionisten. Damit ist die Liste ihrer Aktivitäten noch längst nicht erschöpft.

2009 gründete sie ihr eigenes Quartett, das sie auf mehrere Festivals quer durch Deutschland sowie nach Österreich und Südtirol führte. Mit ihren drei Mitstreitern Sebastian Scobel (p, fender rhodes u. a.), David Andres (bass, e-bass) und Lukas Meile (perc) veröffentlichte sie 2013 die CD „Nahaufnahme“, die in der Fachpresse ein einhellig positives Echo fand (siehe JazzPodium 02/2013). Mit dieser Besetzung gewann sie auch Mitte März in Mannheim im Finale den Preis für die beste Band, überdies für sich den Solistenpreis (siehe den Bericht von Reiner Kobe in diesem Heft).

Und nun das mutige Projekt der Solo-CD, das nicht von heute auf morgen realisiert werden konnte. Es war keine Luftnummer ohne Netz und doppelten Boden, bei aller künstlerischen Befähigung und vielleicht sogar Routine, die sich Filippa durch die Vielzahl von Auftritten und das Studium erworben hatte. Anette von Eichel, bei der sie ihr Diplom als Jazzmusikerin ablegte, riet der ehrgeizigen jungen Sängerin, eine Stunde bei dem auch an der HfMT lehrenden Saxophonisten Roger Hanschel zu nehmen. Er spiele selbst Soloprogramme und habe durch seine Duo-Arbeit mit Gabriele Hasler auch viel Ahnung von Stimme. Filippa belegte bei ihm einen Solo-Workshop, fühlte sich von der ersten Minute an verstanden und dachte sich: „Wenn ich für den Masterstudiengang in Köln angenommen werde, dann unbedingt bei Roger Hanschel.“ Das war 2012, und im September 2014 erwarb sie sich zusätzlich zu ihrem Diplom den Titel „Master of Music“.

Im Mai 2013 hat Filippa Gojo dann ihr erstes Solokonzert im Kölner „Loft“ gegeben, sie im ersten Set, Roger Hanschel im zweiten – die Feuertaufe.Weitere folgten. Eine ganz neue Erfahrung: „Es war natürlich eine ganz schöne Nervenprobe. Ich war ziemlich aufgeregt. Aber mit der Zeit gab sich das, und ich war überrascht, wie gut ich mich eingefunden habe in diese neue Situation, die sich einerseits gar nicht so sehr unterscheidet von sonstigen Auftritten, doch ist die Anspannung während der gesamten Performance doch schon von anderer Intensität. Aber ich bin sehr froh, dass ich mich getraut habe, diese Erfahrung zu machen. Ich möchte beides nicht mehr missen, einerseits mit einer Band zu spielen, auch mit einer Big Band, denn das ist unglaublich schön, wenn man sozusagen von hinten angeschoben und getragen wird. Aber alleine alles in der Hand zu haben und im Moment entscheiden zu können, was braucht meine Musik jetzt und wie möchte ich meine Musik jetzt klingen lassen, das ist ein herrliches Gefühl. Man hat unglaubliche Freiheiten, wenn man alleine da steht.“

Und wie reagiert das Publikum? Ist die Reaktion vor allem von jenen, die Filippa mit ihrem Quartett oder den Big Bands kennen, eine andere, zumindest am Anfang des Konzerts?

„Absolut. Ich habe den Eindruck, dass die Zuhörer großen Respekt haben, sogar ein bisschen ehrfürchtig sind, sich vielleicht denken: oh, die traut sich jetzt was, da allein zu stehen oder zu sitzen. Das macht anscheinend großen Eindruck. Und wenn es mir dann gelingt, und das spürt man auf der Bühne schon bald, dass man die Erwartungen erfüllen kann, dann überkommt einen schon ein Gefühl der Befriedigung und, ich zögere nicht, das so auszudrücken, auch des Glücks. Ich habe bisher nur warmen Applaus und sehr schöne Reaktionen bekommen.“

Das schafft Filippa sowohl mit ihrer Stimme, ihren Melodien und Texten als auch mit ihrer ganzen sympathischen Bühnenpräsenz. Die junge Frau unterstreicht ihre Schönheit durch ihre mit auffallenden, aber sparsam auf ihrer Kleidung applizierten Farben oder auch mit einem bunten, mehr folkloristischen Look. Mit ihrer warmen Altstimme erklärt sie, zumeist lächelnd, ihre Lieder und Songs, ihre Herkunft und manchmal auch ihre Botschaft. Das ist vor allem hilfreich für die in ihrem heimatlichen, dem Vorarlberger Dialekt gesungenen Stücke, auf der Solo-CD allein vier von neun. Zwei hat sie selbst geschrieben, die anderen zwei stammen von bekannten Heimatdichtern und Liedermachern. Warum nutzt sie ihre heimatliche Mundart für Jazzgesang?

„Ich habe gemerkt, dass der Dialekt etwas mit mir macht, wahrscheinlich, weil es nun mal meine Heimatsprache ist. Wenn ich Hochdeutsch singe, kann ich mich nicht so in den Text hineinfühlen wie in den Dialekt. Das habe ich eigentlich erst verstanden, als ich von Bregenz weggezogen bin. Als ich noch in Vorarlberg gewohnt habe, war Dialekt für mich eher etwas Rückständiges. Ich fand es einfach nicht schön, wenn Leute kein Hochdeutsch sprechen konnten oder wollten und so dialektverliebt getan haben. Das kam mir so spießig, so regionalpatriotisch vor. Erst als ich schon zwei Jahre in Köln gewohnt habe, wurde mir bewusst, dass es ein riesiger Unterschied für mich ist, ob ich Dialekt spreche oder Hochdeutsch. Dann kam noch dazu, dass ich versucht habe, Texte auf Hochdeutsch zu schreiben und mir das einfach nicht gelungen ist. Es fiel mir leichter, Melodien mit Dialekttexten zu versehe, weil die Sprachmelodie eine direkt zusammenhängende ist, was im Hochdeutschen nicht so zutrifft.“

Aber es geht Filippa nicht darum, dass nun jedes einzelne Wort verstanden, sondern dass, getragen von der Musik, das Lied in seiner Gesamtheit begriffen wird, wobei bei manchem ihrer Lieder aus dem Be-greifen ein Er-greifen wird. So bei „As hot it solle si – Es hat nicht sollen sein“, der Totenklage eines Mädchens auf ihren Geliebten, der im Krieg blieb, ohne dass beide Zeit hatten, ein Paar zu werden, ein Mundartgedicht aus dem 19. Jahrhundert, das Filippa wahrhaft ergreifend vertont hat und vorträgt. Sie nennt es „ein zeitloses Lied für den Frieden“. Auch ihr Text „I woass net, wo i ane wett“, etwa: „Ich weiß nicht, wo ich hin will“, enthält eine Botschaft: die Fragwürdigkeit des gesellschaftlichen Zwangs zum immer noch größeren Erfolg, der schließlich zum Selbstzweck gerinnt. Eine Alternative bietet sich im – einzigen – Standard „Lazy Afternoon“, largo di molto vorgetragen, richtig faul und ausgestreckt, eine Laudatio auf die Muße, „ein wichtiger Nährboden für Kreativität“, wie Filippa schreibt und im Gespräch ergänzt:

„Roger Hanschel hat mir immer wieder gesagt, dass es für Kreativität und Inspiration sehr wichtig ist, immer wieder mal inne zu halten. Und das versuche ich zu leben. Es gelingt mir nicht immer, aber es hilft mir ungemein, dass ich mir immer wieder denke, okay, ich muss mich mal kurz von außen betrachten und mich fragen, was mache ich da eigentlich? Verrenne ich mich? Etwas Falschem hinterher? Verliere ich mich gerade im nervigen Alltagskram und sehe nicht mehr, was für ein großes Glück ich habe, hier sein, hier leben zu können? Das probiere ich immer wieder.“

Nachdenklich auch und dennoch trotzig optimistisch ihr Song „Trusting The Uncertainty“ („…relying on all that’s new for me“). Filippa Gojo ist ein nachdenklicher, für ihre Jugend erstaunlich reifer Mensch, was sich bei einigen ihrer Lieder in einer gewissen Melancholie widerspiegelt. Aber wer ihr gegenüber sitzt, ist wiederum berührt von ihrer durch eine heitere Lebensfreude und frisches Selbstbewusstsein bestimmten Ausstrahlung. Auch geht fehl, wer ihre Liebe zur portugiesischen Sprache und die getragenen unter ihren Liedern und Songs mit dem Fado in Verbindung zu bringen versucht:

„Ich verstehe eigentlich auch nicht, warum mich Fado nicht so anspricht wie brasilianische Musik, obwohl Fado ja auch sehr emotional ist. Aber was mich von diesen Liedern abhält, ist, dass Fado so ein bisschen rote Rosen noch röter malt, traurige Emotionen nochmals extrem traurig dargeboten werden, das Tragische nochmals tragisch vorgetragen wird. Was mich dagegen an der brasilianischen Musik so reizt, ist, dass sie immer doppeldeutig ist. Als ich dann gelernt habe, Texte im brasilianischen Portugiesisch zu verstehen, habe ich bemerkt, dass Stücke, die zuerst zuckersüß und luftig wirken, auch carnevalesque alles schön reden, irgendwie doch traurig sind, auf Missstände hinweisen, die zwei Seiten des Lebens aufzeigen. Man kann eben traurig sein und trotzdem hoffnungsvoll oder fröhlich und trotzdem traurig. Das widerspricht sich nur scheinbar.“

Zu ihren eigenen Texten auf beiden CDs, und das sind die meisten, bemerkt Filippa: „Ich fühle mich nicht als Dichterin, als jemand, der Gedichte um der Gedichte willen schreibt, sondern ich schreibe eher Melodie und Text zusammen. Das gehört für mich untrennbar zueinander. Meistens schreibe ich auch so, dass mir Töne einfallen und dazu Wörter, und gerade auch auf ‚vertraum‘ gibt es sehr viele Texte, vor allem die im Dialekt, bei denen ich viel Lautmalerei erzeuge, viele Worte, die hell oder dunkel klingen und dazu kommt ein heller oder dunkler Ton, entweder genau im Kontrast oder genau passend. Das ist es, was mich vor allem reizt.“

So kommen in dem Stück „Low Slow“ als „Spaß an der Lautmalerei“ nur drei unzusammenhängende Worte vor, die dann in dem folgenden „My Water“ sinnvoll und klangmalerisch wieder erscheinen. Gegenüber dem Konzertbesucher hat der Hörer der CD den Vorteil, dass alle Texte im Booklet abgedruckt sind, sowohl die vier englischen als eben auch die in Mundart mitsamt der hochdeutschen Übersetzung, zudem Filippas kurze Erläuterungen zu jedem der Stücke. Diese Sorgfalt zeichnete bereits die CD „Nahaufnahme“ aus. Beide CDs sind auch graphisch vorbildlich gestaltet. Hier gilt es, einmal das Label „Ajazz“ hoch zu loben.

Filippas Suche nach besonderen Klängen, ihr Spiel mit ihnen, in Zusammenklang mit ihrer Stimme und den ausgesuchten Worten, unterstützt Filippa gern mit originellen Hilfsinstrumenten, etwa einer Janosch-Kinderspieluhr oder der Kalimba, oder einem (auf „vertraum“ allerdings nicht eingesetzten) Megaphon, mit dem sie ihre Stimme bewusst verzerrt. Aber was ist denn eine Shruti-Box? Sie benutzt es vor allem bei den Dialekt-Liedern (was ihr selbst erst in diesem Gespräch bewusst wurde).

„Die Shruti-Box kommt aus Indien. Sie funktioniert wie ein Blasebalg, den man durch Drücken aufbläst, und dann gibt es eine Membrane, die auf die Luft reagiert und Töne erzeugt. Man kann die komplette chromatische Tonleiter einstellen. Man kann auch mehrere Töne auf einmal einstellen. Sie funktioniert dann ähnlich wie eine Ziehharmonika, nur dass sie keine Tasten oder Knöpfe hat, sondern kleine Holzzungen, mit denen man die gewünschten Töne einstellt. Es ist unglaublich schön, sich beim Gesang mit der Shruti-Box zu begleiten. Sie hat so wunderbare Obertöne und breitet so einen wohligen runden Teppich aus, dass man versucht ist, auf dieser Unterlage stundenlang zu singen. Als ich Gabriele Hasler in einem Solokonzert mit der Shruti-Box hörte, hatte ich mich gleich beim ersten Ton in dieses hierzulande kaum bekannte Instrument verliebt.“

Im Booklet zu „vertraum“ beschreibt Peter Mußler Filippa Gojo als „Stimmkünstlerin“, denn „Sängerin greift definitiv zu kurz“. Deshalb eine letzte Frage an Filippa: „Siehst du dich eigentlich noch als Jazzsängerin, bei all den für manchen Jazzfan sicher auch ungewohnten Tönen und Klängen, die du mit deiner Stimme hervorbringst, bei der Eigenart deiner Lieder und Songs auf dieser bemerkenswerten CD?“ Und wieder steckt viel Nachdenklichkeit in ihrer Antwort:

„Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Es ist immer wieder wichtig, sich das selbst zu fragen, was man eigentlich ist. Das tut man interessanterweise kaum. Deswegen ist es schön, das mal gefragt zu werden. Wie ich mich definiere hängt damit zusammen, wie definiere ich Jazz? Für mich ist Jazz in erster Linie improvisierte Musik, die ihren Ursprung eben in der Musik hat, die damals vor allem in Amerika entstanden war. Dort habe ich schon meine musikalischen Wurzeln, eine Basis, auf der ich angefangen habe, professionell Musik zu machen. Dabei war Improvisation, das Spontane, im Moment Passierende und Agierende, ein wesentlicher Bestandteil meines wachsenden Selbstverständnisses als Künstlerin. Insofern würde ich schon sagen: ich bin Jazzsängerin. Aber ich glaube, es kommt wirklich darauf an, was man unter dem Begriff Jazz versteht. Wenn man in meiner Sparte darunter Ellas Scatgesang, mit dem ich im Elternhaus aufgewachsen bin, oder Dee Dee Bridgewater versteht, dann würde das für mich nicht zutreffen. Denn meine Musik gehört nicht die vierziger oder fünfziger Jahre, sondern entsteht heute, in der Zeit, in der ich nun mal lebe. Ich glaube aber auch, dass es den Jazz ausmacht, dass er sich immer weiter entwickelt, Einflüsse aus dem Umfeld wahrnimmt und sich in ihm alles Mögliche vermischt. War Jazz in seiner ursprünglichen Phase nicht auch eine Mischform gewesen und dann ebenso in allen Stufen seiner Entwicklung über die Jahrzehnte hinweg, in den verschiedenen Stilistiken? Deswegen möchte ich schon sagen, ich fühle mich als Jazzsängerin, möchte aber auch immer offen bleiben für alles, was um mich herum geschieht.“

Text: Dietrich Schlegel

Foto:

CD: Filippa Gojo: vertraum, Ajazz 2014/15

Mit freundlicher Genehmigung des Jazzpodium