JazzFrauen

​„Reconnaisance“ |

Die französische Saxophonistin Christine Corvisier

Text: Dietrich Schlegel | Fotos: Florian Zeeh

Köln, 01.09.2015 | Bereits mit ihrer ersten eigenen CD „Walkin‘ Around“, die sie 2007 mit ihrem Quintett CC5 aufgenommen hatte, ließ die Saxophonistin Christine Corvisier aufhorchen. Nicht nur, dass sie fast ausschließlich eigene Kompositionen spielte, in einer stilistischen Breite von Modern Jazz, Groove und auch experimentellen Sounds – plus einem eigenwilligen Jazz-Arrangement des Edith-Piaf-Klassiker „La vie en rose“. Sie verriet auch, dass sie dabei war, auf ihrem Hauptinstrument, dem Tenorsaxophon, einen eigenen, erkennbaren Klang zu entwickeln. Mit ihrer letztes Jahr aufgenommenen zweiten CD „Reconnaissance“, für die sie gerade mit dem Schweizer Label Unity Records einen Vertrag geschlossen hat, erfüllt Christine in beiderlei Hinsicht die erweckten Erwartungen. Ihre Kompositionen sind noch vielgestaltiger und origineller oder in ihren Worten: „ehrlicher“, ihr Tenorspiel, vor allem in den tiefen Lagen, noch ausgereifter und eigenständiger. Und wieder hat sie ein berühmtes Piaf-Chanson, diesmal „La foule“ alias „que nadie sepa mi sufrir“, jazzig arrangiert, als ein Salut an ihr Heimatland. Gehörten zu ihrem ersten Quintett überwiegend Amsterdamer Kollegen, so hat sie sich für „Reconnaissance“ vier Kölner Musiker ihrer Generation ausgesucht, mit denen sie „très heureuse“ sei, begeistert von deren Musikalität und Engagement: Martin Schulte (g), Sebastian Scobel (p/rhodes), David Andres (b) und Thomas Sauerborn (dr). Special Guest auf einigen Titeln ist die begabte österreichische, auch in Köln heimisch gewordene Vokalistin Filippa Gojo, die hier ihre Stimme instrumental als zusätzlichen Effekt einsetzt.

Dass sie ihre Mitstreiter in Köln fand, liegt schon deswegen nahe, weil die 1982 in Perpignan geborene Christine nach Studien in Nizza und Amsterdam sowie einem Jahr in New York vor fünf Jahren mit ihrem Ehemann, dem Gitarristen Philipp Brämswig, den Sprung an den Rhein gewagt hatte. Sich in der vitalen Jazzmetropole, in der es an veritablen Musikern wahrlich nicht mangelt, durchzusetzen und sich einen Namen zu machen – und dazu noch als Frau -, bedarf es nicht nur einer überdurchschnittlichen Begabung, sondern auch einer gesunden Portion Ehrgeiz. Nicht im Sinne einer hemdsärmeligen Robustheit, der sich eine zierliche Person wie Christine ohnehin nicht zu bedienen wüsste, sondern in einem hohen künstlerischen Anspruch an sich selbst. Sie ist sehr selbstkritisch, feilt lange an ihren Kompositionen und Arrangements, beeindruckt bei ihren Auftritten durch ihren kraftvollen Ton und ihre überschäumende Energie

Von Saxophon spielenden Frauen wird fast immer das Alt bevorzugt. Christine dagegen hatte sich schon frühzeitig für das Tenor entschieden, nicht nur, weil alle ihre Vorbilder – unter anderen Lester Young, Stan Getz, Sonny Rollins – Tenoristen waren oder sind. Sie reizte die Klangbreite des Tenors, die mögliche Gegensätzlichkeit an Klängen, die vielfältige Soundpalette. Sie liebt es auch wegen dieser instrumentalen Möglichkeiten, in verschiedenen Bands zu spielen. In ihrem Quintett spielt sie mehr energetisch, „röhrt“ auch gern in den tiefen Lagen. In kleineren Formationen wie dem CMB Trio mit dem von ihr sehr geschätzten Pianisten Stefan Michalke und dem Bassisten Stefan Berger wählt sie eine weichere Spielart. Doch auf „Reconnaissance“ (Release im Oktober) zieht sie alle Register ihres Instruments. Alt spielt sie nur auf einem der zehn Titel.

Ihre Kompositionen versucht Christine nicht zu kompliziert zu schreiben. Sie bleiben melodiös, denn sie notiert nur das, was sie auch singen kann, um auf diese Weise ihre Gefühle und Empfindungen, ihr Wesen auszudrücken. Kompositionen und Arrangements bilden eine Einheit mit den einfallsreichen, oft wahrhaft beseelten Improvisationen Christines und ihrer Musiker, ein Klangkonglomerat, das den Zuhörer unmittelbar anspricht und emotionell packt.

Die Ernsthaftigkeit, mit der Christine, Mutter einer zweijährigen Tochter, ihren Beruf als freischaffende Musikerin ausübt, kann ihren südfranzösischen savoir-vivre nicht verdecken. Immer wieder unterbricht sie ernste Gespräche über ihre Musik, über Gigs und Konzerte, geringe Gagen oder auch das leidige Thema „Frauen im Jazz“ mit Scherzen und einem herzhaften Lachen: elle est très joyeuse – eine fröhliche, sympathische junge Frau mit bezauberndem französischem Akzent, auch das ist Christine Corvisier.

Vormerken: Christine Corvisier Quintett: „Reconnaissance“, UNIT Records, Release Oktober 2015

Quelle: Jazzzeitung