Vom Münsterland in die Metropole des Jazz |

Ugonna Okegwo

Text: Ingo Marmulla | Fotos: Ingo Marmulla und Homepage U.O.

Recklinghausen, 05.11.2014 | Anfang Oktober war ich mit meinem Sohn für eine Woche in New York. Und dieses Mal sollte es eine ausgesprochen „musikalische“ Reise werden. Schon in der Planungsphase stellte sich uns die Frage, welche Konzerte man besuchen könnte, welche Clubs während dieser Zeit interessante Musiker im Programm hätten. Und es fand sich so einiges an Möglichkeiten, mehr als realisierbar war. Online buchbar war beispielsweise Anna Netrebko in der Metropolitan Opera, unfassbar schön. Spontan entschieden wir uns für ein Konzert mit Adam Rogers und Nate Smith in der „55 Bar“: ein wirklich toller Club, klein aber fein, bezahlbar, mit immer guter Musik und tollen Musikern, greifbar nahe! Mike Stern spielt hier regelmäßig, wenn er in der Stadt ist. Das Cafe Wha stand natürlich auf dem Programm (Bob Dylan, Jimi Hendrix). Leider ist die Hausband eher zum abgewöhnen. Ein besonderer Leckerbissen wurde auch unser Abschiedsabend im „Blue Note“ mit Cassandra Wilson. Eintritts- und Getränkepreise sind allerdings auch ein Leckerbissen, pro einstündigem Set versteht sich. ...Cassandra Wilson ist es natürlich wert.

Auf den zweiten New Yorker Abend habe ich mich allerdings besonders gefreut. Tom Harrell’s „Trip“ im Village Vanguard. Mit dabei der Bassist Ugonna Okegwo, aufgewachsen im schönen Münsterland. Ich hatte im Vorfeld zufällig diesen Termin gelesen und mich mit Ugonna verabredet. So hatten wir Gästeplätze und konnten ganz entspannt einem unglaublichen Konzert beiwohnen. Das Village ist das letzte der klassischen Jazzclubs aus den goldenen Zeiten des Jazz. Die Times bezeichnete diesen Ort gelegentlich als den bedeutendsten Jazzclub der Welt. Schaut man auf die fast einhundert Livealben, die von Rollins bis Coltrane hier aufgenommen wurden, ist das wohl auch der Fall. Das Eingangsportal mit der roten Stoffüberdachung hat Fotogeschichte geschrieben. Geht man in den Club Treppe abwärts, wird es schnell beschaulicher. Man spürt den Atem der Jazzgeschichte. Nach einer kurzen Begrüßung Ugonnas, der ganz in Vorbereitung auf seinen Auftritt ist, geht das Konzert los. Auch wenn hier keine Konzertkritik geschrieben werden soll, muss man sagen, dass auf der Bühne unglaubliche musikalische Dinge abliefen.

Neben Ugonna mit seinem tragenden, singenden Bass hören wir Mark Turner am Tenor, der technisch brilliant an Warne Marsh erinnert, Adam Cruz am Schlagzeug, kraftvoll und doch dynamisch, und schließlich ganz introvertiert Tom Harrell an der Trompete und dem Flügelhorn - das Ganze ohne Harmonieinstrument. Man muss sich schon ziemlich konzentrieren, um den harmonischen und strukturellen Verlauf mit zu verfolgen. Das Publikum ist durchaus gemischt, aber doch sehr aufmerksam und vielleicht sogar informiert ob der musikalischen Geschehnisse auf der kleinen Bühne. Außer dem Anzählen und der Namensnennung der Musiker am Ende des ersten Sets und der Zugabe spricht Tom Harrell nichts weiter, um so mehr spricht er mit seiner Musik. Dank YouTube kann man einiges von ihm im Internet sehen, auch mit Ugonna am Bass ... Das muss ich wirklich jedem Jazzfan empfehlen.

Nach dem ersten Set trafen wir uns zu einem kleinen Gespräch mit Fotosession vor der „roten“ Tür. Während des Eingangssets war das Fotografieren total verboten. Deshalb gibt es hier auch keine Fotos des Konzertes. Aber ich hatte mit Ugonna vor meiner Abreise aus Deutschland schon per Mail eine Fragen an ihn geschickt, die für viele junge Musiker und Jazzfans von Interesse sein dürften. Denn was Ugonna hier in NYC erreicht hat, ist alles andere als selbstverständlich. Es gibt kaum einen deutschen Musiker, der in NY als Jazzmusiker erfolgreich arbeitet und davon leben kann. Hier folgt das Interview mit Ugonna Okegwo:

Ugonna, ich habe Dich vor einigen Jahren zusammen mit Stefan Bauers Band in Herten spielen hören und traf dich zufällig wieder in Münster, als ich selbst mit meinem Trio unterwegs war. Erst später erfuhr ich von Deinem erfolgreichen Musikerleben in NYC. Kannst Du in knapper Form erzählen, wie es dich hierhin verschlagen hat?

Ich bin in Havixbeck, bei Münster aufgewachsen, habe erst nach dem Abitur angefangen, Bass zu spielen (1982, mit 20 E-Bass, mit 21 Kontrabass, der jetzt seit langem schon zu meinem Hauptinstrument geworden ist). Ich nahm Privatunterricht, habe die Instrumente aber auch autodidaktisch erlernt. Anschließend bin ich nach Berlin gezogen (1986 – 1989), um bei dem Bassisten Jay Oliver Unterricht zu nehmen. Hier habe ich angefangen, professionell zu spielen. In Berlin lernte ich den Pianisten Walter Norris kennen und habe auch bei ihm Unterricht genommen. Wir spielten etliche Gigs zusammen. Ab 1987 konnte ich von der Musik leben. Ich hatte angefangen mit Lou Blackburn und der Band Mombasa zu touren. 1988 lernte ich Charles Tolliver und Dizzy Reece kennen, mit denen ich auch spielte. Diese beiden Musiker (zusammen mit zwei weiteren Musikern meiner Generation: James Zollar und Clark Gayton) haben mich angespornt, nach NY zu ziehen. 1988 war ich zum ersten Mal in NY und hatte mich entschieden, es dort mal für eine Weile mit der Musik auszuprobieren. Mitte bis Ende 1989 war ich hauptsächlich in NY und hatte glücklicherweise sofort sehr viele Spielmöglichkeiten. 1990 begann ich ein Studium an der Long Island University in Brooklyn. So hat's mich hier hin verschlagen.

Was bedeutet es für Dich, in NY Jazz zu spielen. Was ist hier anders als in Deutschland?

NY ist natürlich eine einzigartige Stadt, in mehr als nur einem Sinne. Was den Jazz angeht, ist NY meiner Meinung nach absolut vorrangig gegenüber jeder anderen Stadt weltweit. Man kann jeden Tag hervorragende Live Musik hören, täglich bei verschiedenen Jamsessions einsteigen und mit vielen Musikern auf sehr hohem Niveau zusammenkommen. Die Energie, die diese Stadt hat, und auch abgibt, ist unvergleichlich. Obwohl es auch hier „Cliquenwirtschaft“ gibt, existiert doch eine gewisse Musikersolidarität. Es kommen oft sehr viele Musiker zu den Auftritten und hören zu (zum Teil auch kritisch), unterstützen oder spielen mit ...Solch eine Jazzgemeinschaft habe ich sonst nirgendwo erlebt, und man fühlt sich ständig dazu aufgefordert (egal wo man spielt), sein Bestes zu geben - zum einen der Musik wegen, und zum anderen, weil man wirklich nie wissen kann, wer im Publikum sitzt. Talentierte Musiker aus der ganzen Welt kommen nach NY und beeinflussen die Musikkultur. Musiker unterschiedlicher Stilrichtungen spielen zusammen, beeinflussen sich gegenseitig und sind so Teil einer organischen, natürlichen, konzeptionellen und intellektuellen Musikevolution. NY ist meiner Meinung nach die unumstrittene Hauptstadt des Jazz.

Ich kenne einige Musiker mit Wohnsitz in NY, und auch einige darunter, die mehr oder weniger erfolgreich NYC gespielt haben. Dennoch wird es wohl nicht so ganz leicht sein, hier ein Leben als „freelancing Jazzmusican“ zu führen. Hast Du ein bestimmtes Erfolgsrezept?

Ich kann nicht sagen, dass es ein bestimmtes Erfolgsrezept gibt. Anfänglich bin ich ständig unterwegs gewesen: Ich ging zu Jamsessions oder zu Privatsessions, zu Gigs, zu Proben, um soviel wie möglich mit anderen Musikern zu spielen und sie kennen zu lernen. In dieser Zeit habe ich kein Gigangebot abgelehnt, da man in allen Situationen dazulernen kann. Sehr häufig war ich auf Konzerten, hörte Live Musik. Das mache ich übrigens jetzt immer noch. Man sollte offen sein und so seine eigene Entwicklung kultivieren.

Du trittst derzeit im Village Vanguard mit Tom Harrells Band „Trip“ auf. Kannst Du uns etwas über dieses Projekt erzählen?

Ich bin in der glücklichen Situation, in verschiedenen Tom Harrell Projekten zu spielen, und dieses Projekt ist, wie seine anderen Projekte auch, sehr persönlich. „Trip“ ist ein Quartett mit Trompete, Tenorsaxophon, Bass und Schlagzeug. Tom schreibt sehr viel Musik, und komponiert für sehr verschiedene Besetzungen. In diesem Fall hat er Musik geschrieben, die er zum Teil speziell für dieses „Aggregat“ vor Augen hatte. Die Kompositionen und diese instrumentale Besetzung geben jedem Mitglied viel Freiheit, aber damit auch eine große Verantwortung. Harmonisch, rhythmisch und melodisch passieren sehr viel spannende Sachen zwischen den Instrumenten, mit interessanten Harmonien zwischen den zwei Hörnern und dem Bass. Er hat Sachen für den Bass geschrieben, die ich in dieser Form auf dem Instrument noch nicht gespielt habe. Z.B. gibt es Passagen, in der viele aufeinander folgende Zweiklänge (mit relativ weiten Intervallen) geschrieben stehen. Damit musste ich mich erstmal auseinandersetzen. In einer anderen Passage spielt der Bass die Melodie zusammen mit Trompete und Saxophon, danach wird diese Melodie zur Basslinie. Verschiedene Formen werden erkundet. Jeder Mitspieler hat eine Rolle, die ein hohes Maß an Verantwortung erfordert. Natürlich ist man bei Tom Harrell immer dazu aufgefordert, seine musikalische Persönlichkeit einzubringen, seine Rolle individuell zu handhaben und sich damit zu identifizieren. In Toms Bands lebt und entwickelt sich die Musik durch die individuellen Stimmen der partizipierenden Musiker.

Gibt es musikalische Projekte in der Vergangenheit oder in naher Zukunft, die dir besonders wichtig waren oder am Herzen Liegen?

Das derzeitige Tom Harrell Quintet, Tom Harrell "Trip" und das Steve Wilson Quartet "Wilsonian Grain", ein Quartett, bei dem alle Beteiligten auch eigene Kompositionen beisteuern (mit Steve Wilson, Alt und Sopran, Orrin Evans, Piano, Bill Stewart, Schlagzeug, und mir am Bass). In der Vergangenheit habe ich auch an eigenen Projekten gearbeitet, die mir immer sehr viel Spaß gemacht haben und die mir am Herzen liegen. Ich hoffe, dass ich in nicht all zu ferner Zukunft wieder dazu kommen werde, etwas in dieser Richtung auf die Beine zu stellen. Leider konnte ich mich in der letzten Zeit nicht so intensiv darum kümmern.

Es werden auch in Deutschland Jazzmusiker an den Hochschulen ausgebildet. Kannst dem "Nachwuchs" einige Ratschläge mit auf den Weg geben?

Einen Ratschlag, den ich jedem Musiker geben würde, ist auf jeden Fall zumindest ein mal nach NY zu kommen, die Energie aufsaugen, und wenn möglich hier in irgendeiner Form zu spielen. Aber egal, ob in NY oder in Deutschland, man sollte grundsätzlich soviel wie möglich spielen, mit verschiedenen Musikern, in verschiedenen Situationen. Am günstigsten ist es, wenn man jeden Tag in irgendeiner Weise spielen kann. Man muss nach Möglichkeiten auch außerhalb der Hochschule suchen: Gigs, Jamsessions, Auftritte, Konzerte, auch aus Studioaufnahmen lernen, offen und experimentierfreudig sein. Junge Jazzmusiker sollten nach ihren Stärken suchen und herausfinden, was sie selbst der Musik und dem Zusammenspiel hinzufügen können. Das dauert natürlich eine Weile, bis man seine eigene Stimme findet. ...viel Live Musik hören, wenn's vor Ort nicht geht, zu Konzerten reisen, wenn es möglich ist ...und sich darüber im Klaren sein, dass die Schule einem viel Material mitgeben kann, man aber selber lernen muss, mit dem Material umzugehen (auch das dauert eine Weile).

Wie geht es nach den Konzerten mit Tom Harrell weiter, sehen wir Dich in absehbarer Zeit mal wieder bei uns?

Im November spiele ich ein paar Konzerte in Frankreich mit dem Tom Harrell Quintet, eins in Spanien, mit dem Tom Harrell Trio, und in Chicago's "Jazz Showcase" anfang Dezember mit "Trip". Im Dezember habe ich ein paar Auftritte in NY, unter anderem mit Joanne Brackeen, Ron Blake, Greg Skaff und Tony Moreno. In Deutschland bin ich dieses Jahr nicht mehr so oft, spiele allerdings am 9. November im Hot Club in Münster.

Dann wahrscheinlich erst wieder im nächsten Jahr, möglicherweise im Frühling, und/oder Sommer.

An dieser Stelle möchte ich Ugonna nochmals für seine Bereitschaft zu dem Gespräch danken, wünsche ihm weiterhin viel Erfolg in der Hauptstadt des Jazz und wünsche mir selbst ein baldiges Treffen in Deutschland...

http://www.ugonnaokegwo.com/