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Gjertrud Lunde startet ihr Debut

Text: Stefan Pieper

Gelsenkirchen, 12.05.2014 | Frei sein und die eigene Musik finden: Gjertrud Lunde hat für ihr Debutalbum tief in sich hinein gehört. Die in Norwegen geborene Sängerin Gjertrud Lunde, die mittlerweile in Köln lebt, hat sich mit ihrem ganz persönlichen Debutalbum Zeit gelassen. Am Rande der Jazzahead kam es zum Gespräch mit Gjertrud Lunde, die ihren künstlerischen und familiären Lebensmittelpunkt mittlerweile in Köln gefunden hat. Das Album "Hjemklang" ist wie ein persönlicher Befreiungsschlag nach einer kreativen Pause, die sein musste. Nach einer Karriere im klassischen Gesang war ihr tiefer Wunsch klar definiert. Nämlich "Eine Platte zu machen, die das Resultat von aller Musik war, die mich inspiriert hat. Ich glaube dass ist auch ganz natürlich." Denn: "Was reinkommt, das kommt auch raus. Alles, was ich über Jahre gehört habe. Wichtig war für mich, ein Faden zu machen, dass es trotzdem ein Sound ist, dass es eine Band ist, dass wir einen Sound gestalten. Deshalb hab ich mir eine Band ausgesucht, die genau das repräsentiert."

Auf jeden Fall drückt das neue Album, welches soeben auf dem Ozella-Label veröffentlicht wurde, einen ganz besonderen Zustand von Angekommen-Sein aus. Von subtiler Tiefe sind alle Songs dieses Albums durchdrungen. Weite Horizonte überspannen die Gesangsmelodien, die manchmal durch Bodek Jankes Tablabeats in Schwung gehalten werden oder ihren Zusammenhalt durch spannende Soundflächen von Florian Zenkers Gitarren und seinen elektronischen Effekten erfahren. Zuweilen geht Gjertrud Lunde ganz verinnerlicht mit dem Klavierspiel von Wolfert Brederode auf Tuchfühlung. Und: Zuweilen wird all dies durch die sphärischen Melismen aus Arve Henriksens Trompete geadelt. Norwegens prominenter Soundmagier auf der Trompete bot spontan seine Mitwirkung an, nachdem ihn Gjertrud Lunde danach gefragt hatte und er ihr neues musikalisches Material zum ersten Mal gehört hatte.

Ihre Stimme sei immer sein ganz wichtiger Teil von ihr gewesen. Aus einer Musikerfamilie kommend, habe sie sich zum klassischen Studium entschieden und hierdurch eine Menge Kompetenz erworben. Aber das ging auch mit einer hohen Spezialisierung einher: "Da war der Anspruch, es gut zu machen. Dafür habe ich alles andere vernachlässigt. Vor allem das Gefühl von Freiheit in der Stimme ging etwas verloren - selbst ein Kinderlied klang schließlich wie eine Arie."

Jenseits des hehren Kunstanspruches des klassischen Musiklebens lebte der Wunsch weiter, sich authentisch auszudrücken: "Tief in mir war der Wunsch, meine eigene Musik zu machen. Ich wollte ganz frei sein." Sie hat dann angefangen, alles was sie gerne mag, frei und kreativ miteinander zu verbinden. Das reicht von alter Musik zu moderner Elektronik, von Jazz bis zur Chanson. "Alternative Rock mag ich sehr. Aber auch Triphop und solche Sachen. Geprägt bin ich natürlich durch den zeitgenössischen norwegischen Jazz, wie er auf vielen ECM-Aufnahmen zu hören ist."
Ihre Stimme klingt auf diesem Debutalbum denkbar weit entfernt von jeder klassischen Gesangstechnik - die ja auch nur so ist, wie sie ist, weil Sängerinnen und Sänger ohne Mikro vor einem großen Orchester bestehen müssen. Hatte es Arbeit gekostet, auf dieser erlernten Grundlage etwas gänzlich neues, anderes entstehen zu lassen? Hat Gjertrud Lunde das Singen neu erforscht und erlernt?

"Neu gelernt habe ich das Singen nicht. Es ging doch eher darum, alles, was ich gelernt hatte, auf neuartige Weise auszunutzen" bekundet sie. Die starke Sogwirkung vieler Songs auf der neuen Platte resultiert aus den langen Melodienbögen, die die Norwegerin mit souveräner stimmlicher Tragkraft erzeugt: "Ja, genau dieses Potenzial habe ich meinen Gesangslehrern in Stavanger und den Niederlanden zu verdanken. Die Fähigkeit zur langen Phrasierungen nützt mir jetzt bei einer ganz neuen, eigenen Sache" freut sie sich.

Die Melodien der facettenreichen Songs prägen sich auf Anhieb stark ein – gipfelnd im dritten Stück der CD "Marche ver l´aube". Vor allem bleibt intensiv im Ohr hängen, wie mitten in der Strophe ein Harmoniewechsel ganz ergreifend wirkt. Derart feinsinnige Strukturen muss man erstmal in einem Songwriting realisieren: "Natürlich hat mir die Auseinandersetzung mit klassischen Liedkompositionen zu einem großen eigenen Ausdrucksvokabular verholfen. Kunstvolle Lieder mit raffinierten harmonischen Überraschungen faszinieren mich immer wieder sehr."
Aber die Arrangements wirken überhaupt nicht alt. Die Songs scheinen in jedem Moment viel aktuelle Musik aus ihrem Umfeld "beantworten" zu wollen. Die funkige Coolness, mit der die Band im Stück Pilgrim weitermacht, wo Gjertrunds gesungene Worte enden, könnte direkt aus einem Bugge-Wesseltoft-Stück stammen. "Ich wollte eine Platte machen, die das Resultat von aller Musik ist, die mich inspiriert hat. Was reinkommt, von dem, was ich über Jahre gehört habe, kommt auch wieder raus. Wichtig war für mich, einen roten Faden zu haben, der zeigt, dass es ein Sound und eine Band ist, die genau das repräsentiert."

Vor allem inhaltlich sind Gjertrud Lundes neue Songs auf Aspekte von unterwegs sein, von ankommen, auf eine Art "Heimat" fokussiert. Dafür findet sie eigene Worte voller Poesie und zieht andere Texte heran - etwa von der syrisch-belgischen Autorin Ghalia El Boustami, die Motive von Sehnsucht und Reisen in ganz spezifischer orientalischer Metaphorik überhöht. Und so blickt Gjertrud Lunde nach ihrer vergangenen kreativen Pause und einem eindrücklichen Neustart freudig weiter nach vorne: "Mit diesem Projekt haben sich wirklich meine Augen geöffnet. Es fühlt sich so gut an, wieder etwas zu tun, was mir bedeutet, was ich teilen kann. Die Straße ist das Ziel - das hat eine neue Bedeutung gewonnen. Wichtig ist, dass ich immer unterwegs bin. Ich bin selbst gespannt, in welcher Richtung die Reise weiter geht."

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BIOGRAPHIE:

Die Sängerin Gjertrud Lunde wuchs in einer Musikerfamilie in Norwegen auf und hatte bereits mit 4 Jahren erste öffentliche Auftritte. Während ihres Studiums in Stavanger gewann sie mehrere Wettbewerbe, Preise und Stipendien und absolvierte anschließend Aufbaustudien in klassischem Gesang und Alter Musik am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Sie gab zahlreiche Konzerte, nahm teil an Tourneen und hatte Festivalauftritte im In- und Ausland. Sie gründete in Deutschland eine Familie und fand zu einem eigenen, neuen Sound, der auf den Genres basierte, die es ihr ursprünglich angetan hatten: Alte Musik und Jazz.

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CD: Gjertrud Lunde "Hjemklang" (Ozella music 2014)
Mehr Musik und Infos unter www.gjertrud-lunde.de