Tee bei Brötzmann |

Teil III

Text & Fotos: Ingo Marmulla

Wuppertal, 03.03.2013 | “Dazu wollte ich dich noch befragen. Die Entwicklung zum freien Spiel war ja in der Konzertmusik schon vorher angelegt. Wenn man an Schönberg denkt, das tonale Denken war ja schon lange weg. Wo gab oder gibt es Berührungspunke zwischen der Neuen Konzertmusik und der freien improvisierten Musik?”
“Keine! Sag ich jetzt mal ganz entschieden. Die Voraussetzungen sind total andere. Bei den Herren Komponisten der Zeitgenössischen Musik gibt es immer einen, der sagt, wo es lang geht. Und bei uns, und so hab ich immer Jazzmusik verstanden, gibt es vielleicht den einen oder anderen, der ein bisschen mehr vorgibt, vielleicht kann ein Trompeter mehr vorgeben, als ein Bassist, aber wir haben auch die Funktion dieser Instrumente umgedreht oder aufgehoben. Da konnte auch eines Tages der Bassist kommen und sagen: Lass uns das mal versuchen. Aber es war immer ein Versuch von allen. Das heißt am endgültigen Produkt waren immer alle gleichermaßen beteiligt. Und das ist der große Unterschiede zur Konzertmusik.”

Ich erwidere: “Ich meine, wenn man jetzt nur mal so spitzfindig weiterdenkt... von der Effektivität her, ich sag es jetzt mal ganz ketzerisch, wenn der Stockhausen hergeht und ein Stück schreibt, dann kommt das am Schluss bedingt durch die Spielfähigkeit der Orchestermusiker genauso ‘raus, wie er es haben will. Also seine Idee wird fast eins zu eins umgesetzt. Das kann umgekehrt im Jazz schon mal daneben gehen, weil improvisiert wird ...”
“Da haben natürlich wir Europäer eine andere Vorstellung von Improvisation als die Amerikaner ... Bei Ornette ist es das alte Prinzip, ein wunderschönes Thema mit Improvisation..., es hat sich gar nicht so viel verändert. Man kann sich während der Improvisation von allem verabschieden, aber man kommt zurück zum Thema. Und Cecil hat immer Scales, die wichtig sind... Ich denke erst durch den Einfluss der europäischen Entwicklungen hat sich das Spektrum geöffnet.”

Brötzmann ist auch der Überzeugung, dass der europäische Einfluss mit seinem gleichberechtigten Improvisieren viele jüngerer Amerikaner beeinflusst hat. “Als ich meine jüngeren amerikanischen Kollegen vor ca. 15 Jahren kennen lernte, da haben die noch keine Ahnung gehabt, was in Europa vor sich ging. Vandermark war gerade über 30 und die wussten nicht viel. Ich denke, dass wir Europäer da, gerade die Engländer und die Deutschen, dieses Spektrum aufgebrochen und dem eine andere Facette an die Seite gestellt haben. Dass man nämlich durchaus auskommen kann ohne Thema, ohne Harmonie, ohne Scales, ohne diese ganz bewussten Anfänge und Endungen, sondern dass man mit dem, was man hat ... Spannung erzeugt, dass es Bewegung gibt und darum geht’s im Endeffekt. Also ich hab auch nichts dagegen, wenn Musiker Stücke aufschreiben. Bloß, wenn die dann schlechter klingen als die Stücke, die ich vor vierzig Jahren gehört habe, dann frag ich mich: Wozu? ... Wenn man sich mit der amerikanischen Jazzgeschichte beschäftigt, dann merkt man doch, dass es nicht die Stilrichtungen sind, die wichtig sind. Es sind immer die Leute, die Musik machen und das spielen, was wichtig ist. Und wenn man als junger Musik wissen will, wo es hingeht, dann ist eines ganz wichtig: Man muss herausfinden, wo man selbst ist, was man selbst will. Und da kann man lernen von Ellington oder Armstrong ... weil da Leute sind, die alles was sie überhaupt hatten, auf den Tisch gelegt haben. Und darum geht es. Und darum ist Musik für mich auch keine Geschichte die man irgendwelchen Moden unterwirft. Für mich geht es darum zu sehen: Wie weit bin ich denn mit mir selbst gekommen? Hab ich was zu erzählen gehabt ...?”

Ich wechsle das Thema: Ausbildung zum Jazzmusiker.
“Die Situation für die jungen Musiker ist ja heute eine ganz andere als früher. Wir mussten uns alles ‘raushören oder abgucken, es gab weniger Informationen als heute. Meine heutigen Mitmusiker hingegen kommen häufig von der Hochschule und können alles lesen und spielen. Wir mussten uns alles auf unsere ureigene Weise erarbeiten. Der Weg war steinig. Das ist heute komplett anders. Wie siehst du die heutige Situation der Ausbildung zum Jazzmusiker, ich persönlich bin da gespalten, sehe Vorteile, aber eben auch Nachteile.”
“Ich bin kein Freund der Hochschulen. Aber das hat auch vielleicht damit zu tun, dass ich Schulen nie hab leiden können ... Ich meine, die Leute in den Jazzklassen, die werden genauso perfekt ausgebildet, wie die Leute für das Sinfonieorchester in der Klassik. Und wie du sagst, die können das besser als ich das je können werde. Bloß, wenn da keine Lehrer sind, die denen mal beibringen, dass Jazzmusikmachen was anderes heißt, als Dinge so perfekt wie möglich auszuführen ...Und dass es nur um die Musiker geht, die was zu erzählen haben. Und wenn diese Erzählgeschichte einfach wegfällt, und man sich nur noch mit Technik beschäftigt, dann ist das der Tod der Musik. Ich meine, die Jungens heut zu Tage, die lassen sich ja verschieben von einer Mode in die andere, und alles ist sehr kurzfristig, und jeder kann mit jedem, und jeder kann alles, und das ist eigentlich ganz furchtbar.”

“Glaubst du, es wäre sinnvoll an den Hochschulen Kurse für freie Improvisation einzurichten?”
“Guck mal, ich bin noch nie von irgendeiner Musikhochschule eingeladen worden etwas zur Musik der letzten 40-50 Jahre zu erzählen oder ein Konzert zu spielen, nicht in Deutschland, in den Staaten schon ... Es besteht einfach kein Interesse.”

Unser Gespräch entwickelt sich weiter Richtung Musikunterricht an öffentlichen Schulen. “Ich hab ja dann früh angefangen mich in die Staaten zu orientieren. Und damals gab’s in den Schulen viele Brassbands, da wurde man auch eingeladen und man konnte prima Typen entdecken. Besonders im Süden, die Schulbands. Das ging dann weiter von den Schulbands in die Militärbands ... Das war schon ganz lustig, aber das verschwindet auch ... Die einzige Ausrede, die ich dann immer höre: Wir haben kein Geld mehr. Und das kann einfach nicht sein. Wenn Herr Obama die Dronen nach Afghanistan schickt ... und für eine Drone könnte man das ganze Land mit Instrumenten versorgen ... und genauso ist es hier! Die Verteilung ...”
... Der alte kultur-politische Kämpfer ist wieder da ...

“Peter, eine letzte Frage: Du spielst am 11.März im Haus Kemnade, da spielst du alleine. Da hast du gar keinen, mit dem du kommunizieren kannst.”
“Das muss dann das Publikum tun! ... Also beim Solospielen - was ja eigentlich eine pervertierte Situation ist, Jazzmusik ist ja für mich ein Miteinander - ist es gut zu merken, ob du alleine in der Lage bist, den Leuten was ‘rüber zu bringen und auch eine gewisse Spannung aufzubauen. Und Solospielen, du bist ganz schön allein. (“Und wenn du aufhörst, dann ist Pause ...!”) Da ist kein Trommler der dich ... schnell retten kann...”

“Weißt du denn schon was du spielst und wie du das Konzert angehst, hast du ein Thema , eine Idee oder lässt du das auf dich zukommen?”
“Ich lass das eigentlich auf mich zukommen. Auf der anderen Seite hat man genügend Material, wenn’s mal nicht funktioniert. Ganz früher hab ich’s mal versucht: Jetzt Solo! Du musst dir ein Konzept machen! Und das hab ich ein paar Mal versucht und hab gemerkt, dass ich gleich nach den ersten Minuten das Konzept über den Haufen schmeißen muss um was Vernünftiges zu spielen ... Ich spiele ohne Verstärker, und das ist ja auch gut, dass du die Solosachen gut benutzen kannst, um wirklich minimalste Dinge zu spielen. Und wenn du dann die Leute dazu kriegst, mal den Atem anzuhalten und nicht mit den Biergläsern zu klirren, dann ist das schon ganz gut! ... Ich hab durch aus meine Melodien, die ich benutze, meinetwegen auch Stücke, so kann man das nennen, ich bin ja immer ein Freund von Standards gewesen ... und was ich hier zu Hause höre, mein Mann ist immer noch Coleman Hawkins, und zweiter ist Don Byas...”

Allerletzte Frage: “Wie hältst du dich eigentlich musikalisch fit? Übst du bestimmte Sachen. Manch einer spielt Bach oder bestimmte Tonleitern...”
“Ne, ne, ich spiele zu Hause, irgendwas steht immer griffbereit herum und ich spiele zu Hause mal hier und mal da, bin kein disziplinierter Mensch, der zwischen 10 und 12 übt ... Ich kann hier auch nachts üben ... Die Nachbarn sind ganz nett und haben sich dran gewöhnt. Ich bin auch so viel unterwegs, wenn ich dann vor der Tour zurückkomme, kann ich die Hörner auch mal zwei Tage wegstellen. Und dann kann ich auch schon wieder neu packen...”

Peter erzählt mir noch, dass er am Folgetag für einige Tage nach Wien muss, im April mit Paal Nilssen quer durch Europa tourt, anschließend geht es für fünf Tage nach Korea und nicht zu vergessen die häufigen Treffen in Chicago. Und das mit 72!

... Ich schalte mein IPhone aus und stelle fest, die Aufzeichnung betrug 1 Stunde und 22 Minuten. ”Jetzt hast du wirklich sehr viel erzählt. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles zusammen bringen soll...” Peter scherzt: ”Das ist jetzt dein Bier!”
Es bleibt noch ein wenig Zeit und wie selbstverständlich gehen wir in den Garten um einige Fotos zu machen ...

Ein bewegendes Treffen mit einem bewundernswerten Musiker, ein herzliches Adieu und meinerseits noch mal ein herzliches Danke Schön für den „Tee bei Brötzmann“.