Tee bei Brötzmann |

Teil I

Text & Fotos: Ingo Marmulla

Wuppertal, 17.02.2013 | Ich fahre von der Autobahn ab, Richtung Elberfeld-Altstadt. Nach engem Gassengewirr finde ich tatsächlich Peter Brötzmanns Quartier und auch noch einen Parkplatz direkt vor dem Haus. Ich bin früh dran und rufe kurz an. “Alles klar, ich komme und schließe dir auf.” so seine knappe Antwort. Das Treffen kommt zustande, weil ich ihn um ein Interview vor seinem Konzert am 11.3. im Haus Kemnade gebeten habe. Und obwohl ich seit den 70ern in Abständen häufig auf Konzerten mit Peter Brötzmann war, verspürte ich das Bedürfnis vor einem Review für nrwjazz.net noch einmal persönlich mit ihm ins Gespräch zu gehen. Wir hatten uns per Mail abgesprochen und auf Tee geeinigt ... Bewaffnet mit analoger und digitalar Kameraausrüstung betrete ich die Parterrewohnung, Wohn- und Arbeisraum zugleich. Auseinandergebaute Instrumente und solche, die man bei Konzerten hören und sehen kann, sind im Raum verteilt. Brötzmann selbst wirkt auf mich ruhig, zurückhaltend, jedoch sehr freundlich und empfindsam, ganz anders als auf der Bühne z.B. mit dem Trio Sonore oder in seinem Chicago Tentett, wo man den Eindruck von einem unerschütterlichen Powerman gewinnen kann. Nach einigen Anmerkungen zum “schönen” Wuppertal und den vielen Veränderungen in dieser Stadt kommen wir auf den Punkt. Ich stelle mit seiner Erlaubnis mein IPhone auf den Tisch und versuche meinen Fragenkatalog abzuarbeiten, was sich schnell als illusorisch heraus stellt ...
Ich bitte ihn zunächst - vor allem für jüngere Jazzinteressierte - um einige aufklärende Erläuterungen zu seinem Werdegang.

“Adolphe Sax, deine erste Platte. - Wie bist du eigentlich zum Saxophon gekommen?”
Brötzmann erzählt von seiner Remscheider Schülerzeit. Er lernt Klarinette – macht erste Banderfahrungen mit damaligen Folkwangstudenten - gespielt wurde traditioneller Jazz. Er wollte aber zunächst Maler zu werden, deshalb auch ein paar Jahre später das Studium an der Werkkunstschule in Wuppertal. Die Musik war jedoch immer dabei, und als die Stücke etwas moderner wurden (leichte Bebopstücke), da musste natürlich ein Saxophon her ... Schon in den Anfangsjahren merkte er, dass er das Publikum mit seinen Tönen “anturnen” konnte. Das war so Mitte Ende der 50er Jahre. Als er dann nach Wuppertal kam hatte sich der Jazz schon weiter entwickelt und Brötzmanns Interesse galt Charlie Mingus, später dann Ornette Coleman.
“Das gute war, dass du in diesen Jahren ganz viele unterschiedliche Livebands hören konntest. Mein erstes Erlebnis hier in Wuppertal war ein Konzert mit Sidney Bechet. Der Typ hat mich beeindruckt. Der spielte mit solch einer Kraft und Schönheit ...”
Es fofgten erste Kunstausstellungen in Remscheid und Holland, aber die Konfrontation mit dem Publikum machte ihm mehr Spaß. Und die Leute die mit Jazz zu tun hatten waren ihm auch angenehmer als die Menschen aus der Kunstszene. Zu dem Zeitpunkt war Brötzmann schon Familienvater und musste zusehen, wie er sein Geld verdient: Zum Beispiel als Hilfskraft in der Wicküler-Brauerei ... (Männer wie wir ...)

“Ich suchte nach Musikern, die ‘n’ bischen was anderes wollten. Und da hab ich von Peter Kowald gehört, der spielte Tuba und war noch Schüler am Gymnasium, war aber interessiert an neuen Sachen. Wir haben uns getroffen und ich hab ihn überreden können, zum Kontrabass zu wechseln. Kowald war ein guter Freund, mit dem man alles Mögliche durchziehen konnte. Abgesehen davon, dass er sich auf dem Bass enorm weiterentwickelte und ein guter Organisator war.”
Zusammen baute man die Kontakte nach Holland und England aus (Misha Mengelberg, Willem Breuker, Derek Bailey, Evan Parker, Chris McGregor...).
”Und so gab es, was ich immer wichtig finde auch den jungen Leuten zu erzählen, einen immensen Austausch, den ich heute nicht mehr so sehe.”
Mein Hinweis, dass solche Kontakte mit ausländischen Musikern nicht so ganz einfach herzustellen seien, beantwortet er in seiner typischer Art: ”Wenn du eine Sache willst, dann machst du dafür natürlich auch alles!” So wurde auch die erste Platte in Eigenproduktion erstellt, mit allen finanziellen und organisatorischen Risiken. Bei den damaligen Produktionsbedingungen schon eine erstaunliche Leistung.

“Bloß, es gab gewissen Erfolg. Und der Erfolg schlug sich dann nieder in Einladungen zum Jazzfest in Frankfurt, was ein Riesen-Aufruhr war, obwohl wir da nur 15 Minuten spielen durften. Aber es gab großes Geschrei. Aber es gab auch Freunde, z.B. Fritz Rau. Der hat mir dann ermöglicht, dass ich zwei Jahre später das Machine Gun Oktett auf die Bühne bringen konnte. Das war 1968 ... In der Zeit waren wir aber schon längere Zeit unterwegs mit unterschiedlichen Trommlern. Der erste war Pierre Courbois, der damals bei Hampel spielte.”
Danach traf man in Brüssel eher zufällig Sven-Ake Johansson, der nach einer “versauten” Tour nach Wuppertal kam, und das Duo zum Trio ergänzte. Gleichzeitig entstand auch die Zusammenarbeit mit Han Bennink, damals schon recht bekannt, und mit dem Antwerpener Pianisten Fred Van Hove. Dieses Trio hatte dann einen Bestand von immerhin 12 Jahren.

Anfang der 70er hatte ich übrigens dieses Trio in Berlin gesehen. Brötzmann konzentriert, kraftvoll und streng, Van Hove pianistisch virtuos und dazu der “Musikclown” Bennink, der statt zu trommeln die Knallpistole ‘rausholt und Spaß macht. Damals ein totaler Publikumserfolg ...

“Da gibt es schon eine sehr spezielle holländische Art und Weise und Willem (Breuker) hat das natürlich zur Blüte gebracht. Aber nach der Blüte wurd’ es auch ganz schön langweilig. Für’s Publikum, da du ja immer wo anders spielst, war das natürlich interessant. Aber selbst das Publikum hatte irgendwann die Nase voll!” ... Fortsetzung hier klicken...